„Ich merke schnell, ob jemand im Westen aufgewachsen ist“

Daniela Krien 2011. Foto: imago stock&people
Interview mit Daniela Krien „Von jetzt auf gleich war alles vernichtet“

Sie haben kürzlich gesagt, Kinder haben und kreativ sein, sei unvereinbar. Sie sind der Gegenbeweis!
Ich kann nicht kreativ sein, wenn meine Töchter in der Nähe sind. Es sind extrem gegensätzliche Tätigkeiten. Als Mutter, zumal als Pflegende einer schwerbehinderten Tochter, bin ich in einer dienenden Rolle. Es geht nicht um mich. Beim Schreiben übernimmt das Ego. Ich muss meine Wahrnehmung wichtig genug nehmen, um das Werk, das daraus entsteht, der Welt zu präsentieren.

Sie sind in Mecklenburg geboren, in Sachsen aufgewachsen. In Ihrem ersten Roman schildern Sie, wie sich eine junge Frau in München nach der Wende fremd fühlt. Kennen Sie dieses Gefühl?
Ja, der erste Westbesuch in einer oberfränkischen Kleinstadt hatte für mich etwas Demütigendes. Ich war 14, meine Mutter und ich standen in einem Obstladen. Die Unsicherheit, mit der wir unbekannte Früchte betrachteten, war natürlich auffällig. Den Blick des Ladenbesitzers habe ich als ziemlich schmerzhaft empfunden. Und in Bayern fand ich Anfang der 90er einen Brief unter dem Scheibenwischer meines Autos: Hallo Ossis, es ist an der Zeit, euch zu sagen, was wir von euch halten … Dann folgte eine Beschimpfung, wie undankbar, dumm, hässlich und faul wir alle seien. Dass es besser wäre, die Mauer wieder hochzuziehen.

Kehrt dieses Fremdheitsgefühl ab und an wieder?
Ja, manchmal in Gesprächen. Ich merke schnell, ob jemand im Westen aufgewachsen ist. Bis in meine Generation hinein gibt es Unterschiede im Habitus: Der Umgang mit Geld ist oft anders. Viele Freunde aus dem Osten haben sich nie vernünftig mit Finanzen beschäftigt. Das Kümmern um Geld, das Reden darüber hat für sie etwas Anstößiges.

Welche Erklärung haben Sie dafür?
In der DDR spielte Geld keine wichtige Rolle. Nicht weil die Menschen bessere waren, sondern weil das System es erzwungen hat. Was hätte man damit machen sollen? Die Geschäfte waren leer, man konnte keine tollen Reisen machen, es gab für jeden ungefähr das Gleiche.

Haben Sie jemals im Westen gewohnt?
Ein paar Jahre in Oberfranken und monateweise in Frankfurt am Main. Mich hat es immer zurückgezogen. Der Osten bedeutet Heimat für mich. Meine Freunde haben den gleichen Erfahrungshintergrund wie ich, hier muss ich weniger erklären. Von Rückkehrern höre ich immer wieder, dass sie sich im Westen auch politisch fremd gefühlt hätten. Im Osten sei etwas erhalten geblieben, eine Identität, die der Westen längst abgelegt habe, weil er sich nahezu vollständig mit der Kultur der alliierten Besatzungsmächte identifiziert habe. Das sei im Osten gegenüber den Sowjets nicht geschehen. Ich denke, hier liegt ein Grund für das Erstarken nationalkonservativer Kräfte.

Das hat man jüngst gesehen. Wie geht es Ihnen nach der Wahl in Sachsen?
Das Land wird wegen einer starken AfD nicht untergehen, die Demokratie auch nicht. In einem demokratischen Staat gibt es ein politisches Spektrum, das geht von links nach rechts. Ich finde es gefährlicher, alle Menschen, die sich nicht linksliberal positionieren, sondern rechts der Mitte, zu verachten, zu kriminalisieren und sie dadurch weiter zu radikalisieren. Ich kenne Leute, die wählen AfD aus Frust. Die sagen, wir haben uns so oft als Nazis beschimpfen lassen müssen, weil wir die Flüchtlingspolitik kritisiert haben – jetzt reicht’s, jetzt wählen wir die AfD.

Spätestens seit den Ereignissen in Chemnitz vor einem Jahr ist eine rote Linie überschritten worden.
Ja, aber Rechtsradikale sind eine kleine Minderheit von denen, die AfD wählen. Nicht wenige kommen aus dem bürgerlichen Lager. Weil die AfD als einzige Partei ihre politische Haltung ungefähr repräsentiert: einen Konservatismus mit einem kalten, nüchternen Blick auf die Veränderungen im Land. Das hat früher eine CDU gemacht.

Spaltet das Thema ihren Freundeskreis?
Zum Teil. Besonders diejenigen, die sich als linksliberal verstehen, wenden sich von denen ab, die ihnen nicht zustimmen. Mit der Kritik an ihrer Haltung können viele Linksliberale nicht umgehen. Sie verletzt offenbar ihr Selbstbild des moralischen Überlegenseins. Gleichzeitig bilden sich Zirkel gleichgesinnter Konservativer, die aus Angst vor sozialer Ächtung nicht mehr offen sprechen. Wenn ich jetzt Leute zum Essen einlade, sage ich manchmal: Die Politik bleibt heute draußen.

In Ihrem Buch finden die Figuren Halt in der Musik. Rachmaninoff, Bach, Mahler. Sie auch?
Ich höre fast nur Klassik. Das ist eine Leidenschaft und ein kleiner Schmerz in meinem Leben. Als Kind wollte ich Klavier spielen lernen. Zu DDR-Zeiten war es schwierig, einen Platz an der Musikschule zu bekommen. Die Kinder staatskonformer Eltern wurden bevorzugt. Meine Eltern waren weder in der Partei, noch sonst politisch engagiert.

Hilft Ihnen die Musik beim Schreiben?
Ich weiß genau, was ich hören muss, um mich in eine bestimmte Stimmung zu versetzen. Wenn ich Pathos brauche, hilft mir das Allegretto aus der Siebten Symphonie von Beethoven. Beim ersten Buch habe ich Mahler rauf und runter gehört, und ein Freund von mir, der Dirigent ist, sagte nach dem Lesen des Manuskripts: Weißt du, welche Musik mir sofort dazu einfällt? Mahler!

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