Erinnerungen. Regina Gerken und ihre Söhne Amer und Malek. Fotos: privat. Montage: Tsp
© Fotos: privat. Montage: Tsp

Im Vorgarten niedergestochen, vom System verraten Sie half allen, die sie kannte – nun braucht sie selbst Hilfe

Regina Gerken setzte sich stets für andere ein. Auch für Flüchtlinge. Dann wurde sie von einem niedergestochen. Die Söhne kämpfen um ihr Leben. Und verzweifeln.

Es sind nicht die Sirenen, die Malek Hamzeh aufhorchen lassen, die erste, zweite, selbst die dritte nicht. Er tritt ans Fenster, weil das Geheul plötzlich abbricht, direkt vor seinem Haus. Im Beet vor seinem Balkon, wo eben noch die Mutter auf Knien gebuddelt hat, stehen Menschen dicht im Kreis gedrängt. Nur sie sieht er eben nicht. Als Malek Hamzeh, von einer dunklen Vorahnung getrieben, durch den Vorgarten rennt, hört er sich selber „Mama! Mama! Mama!“ rufen. „Sie lag ganz still da“, sagt der 30-Jährige. Die Augen offen, schaut seine Mutter nach oben ins Ungefähre.

Blut tritt aus dem Hals von Regina Gerken, so viel Blut. Der Fremde, der sie mit dem Messer attackiert hat, sitzt ein paar Meter weiter auf dem Bordstein, beobachtet die Rettungsversuche regungslos. Die Waffe hat er neben einem Baum fallen lassen. Es ist der 4. September 2021, ein sonniger Samstag, 13.30 Uhr, Berlin-Wilmersdorf. Der Festgenommene heißt Abdul Malik H., ist 29 Jahre alt, ein Flüchtling aus Afghanistan.

Als die Polizei später Abdul Malik H. abführt, erklärt der Festgenommene einem Beamten, dass er Regina Gerken „ins Paradies geschickt“ habe. „Frauen sollen nicht arbeiten.“ Danach beruft er sich auf sein Recht zu schweigen.

Vier Stunden später sitzt Amer Hamzeh, 31, der ältere Sohn, im Wartezimmer der Intensivstation, als ihn der Oberarzt informiert. Weil das Gehirn von Regina Gerken nicht versorgt wurde, habe es einen Infarkt und beträchtlichen Schaden erlitten: in der linken Hälfte, wo die Bereiche für die Sprache liegen, die Logik, Mathematik.

Es ist der Moment, in dem Amer Hamzeh, nun gesetzlicher Betreuer seiner Mutter, auf „Projektleitungsmodus“ umschaltet, wie er sagt. Sein Ziel: Das Überleben der Mutter zu sichern und sie mit Hilfe der besten Therapien zurückzuholen in diese Welt. Als die Mutter in eine Neurologie-Reha im mecklenburgischen Plau am See verlegt wird, nimmt er sich eine Ferienwohnung in der Nähe der Klinik.

In den drei Monaten nach dem Attentat lernt er, was es heißt, den Kampf mit dem deutschen Gesundheitssystem aufzunehmen, mit Ärzten, Kliniken und Krankenkassen. Ein Leben im Ausnahmezustand, das ihn seinen Job und die Familie sämtliche Ersparnisse kosten wird.

Amer und Malek Hamzeh kümmern sich nun um ihre Mutter. Doch das deutsche Gesundheitssystem macht es ihnen schwer. Foto: Mario Heller Vergrößern
Amer und Malek Hamzeh kümmern sich nun um ihre Mutter. Doch das deutsche Gesundheitssystem macht es ihnen schwer. © Mario Heller

Ein Abend Mitte November. Die beiden Söhne sitzen am Abendbrottisch, trinken Wasser, nehmen aus purer Höflichkeit ein Stück Brot auf ihren Teller. Mit ihrem Anwalt Roland Weber, Nebenklagevertreter und Berlins Opferbeauftragter, wollen sie über das Attentat sprechen, doch es gibt schon wieder aktuelle Probleme: Die Klinik in Plau am See hat wegen der hohen Corona-Inzidenzwerte ein Besuchsverbot erlassen „voraussichtlich bis zum 01.12.2021“.

Dürfen die das, fragt Amer Hamzeh? Die Mutter wochenlang isolieren? Von ihrem Sohn trennen, der sie täglich besucht, streichelt, mit ihr lacht, reden und telefonieren übt. Der als gesetzlicher Betreuer in die Therapie eingebunden werden muss?

Das „Facebook Portal“, das die Söhne für Regina Gerken eingerichtet haben, ist jetzt ihr einziger Kontakt zur Außenwelt. Das Gerät auf ihrem Nachttisch zeigt Fotos ihrer Liebsten: Malek, Amer, seine Freundin Loretta, die Schwestern, der Bruder. Tippt Regina auf eines der Fotos, baut sich die Verbindung auf.

Eben haben sie sie angerufen, um ihr einen schönen Abend zu wünschen. Regina habe gelacht, als sie die Gesichter ihrer Söhne auf dem Monitor erblickte. Am Abendbrottisch spielen die Söhne das Gespräch mit verteilten Rollen nach.

„Hallooo, wir sind’s. Wie geht es dir?“
„Ja, heute fahr ich… heute … heute.. fahr ich.“
„Was hast du heute Schönes gemacht?“
„Wunderschön ... wunderschön …“

Wenn Regina Gerken merkt, dass das nicht die Wörter sind, die sie gesucht hat, schüttelt sie den Kopf, hält sich die Hand ins Gesicht: „Nein … nein … nein …“

Tatort. In diesem Wilmersdorfer Vorgarten attackierte der Angreifer Regina Gerken. Foto: privat Vergrößern
Tatort. In diesem Wilmersdorfer Vorgarten attackierte der Angreifer Regina Gerken. © privat

Bis heute wissen die Söhne nicht, was Abdul Malik H. zu ihrer Mutter sagte an jenem Tag, der das Leben in ein Davor und ein Danach teilte. Es muss alles sehr schnell gegangen sein. Zeugen berichten, wie der Mann Regina Gerken ansprach, die an der Güntzel-/Ecke Prinzregentenstraße auf den Knien im Beet arbeitete. Sie habe dann so etwas wie „Ich habe keine Angst vor dir“ entgegnet. Da packte der Mann sie von hinten im Würgegriff, stach ihr das Messer mehrmals in den Hals.

Nicht nur das Gefasel vom Paradies, in einer Protokollnotiz des Beamten festgehalten, weist nach Ansicht der Generalstaatsanwaltschaft auf eine „islamistische und frauenfeindliche Gesinnung“ hin, wie Sprecher Martin Steltner sagt. Auch in seiner Nachbarschaft soll der 29-Jährige aufgefallen sein, weil er Frauen zu den Gesetzen des Islams bekehren wollte.

Gegen ihn ermittelt deshalb im Berliner Landeskriminalamt nicht die Mordkommission, sondern die Abteilung 8, zuständig für Islamismus. „Ich habe bislang keine Akteneinsicht erhalten“, sagt Nebenklagevertreter Weber. Er rechnet nicht vor Februar 2022 mit einem Prozessauftakt.

[Die Familie hat eine GoFundMe-Page eingerichtet um Regina Gerken zu unterstützen: Spenden.]  

Die Ermittler werfen Abdul Malik H. versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung vor. Es gibt Hinweise, dass der 29-Jährige an einer psychischen Erkrankung leidet. Er sitzt in der JVA Moabit und werde derzeit von einem Psychiater begutachtet, sagt Steltner.
Abdul Malik H. lebt seit 2016 in Deutschland und war als Flüchtling anerkannt. In Berlin ging er Gelegenheitsjobs nach, arbeitete als Küchenhelfer, Kellner und Mitarbeiter in einem Hotel.

Aber ausgerechnet Regina! Ständig hören die Hamzehs das, von den Tanten, Freunden, Kollegen, so als habe sich das Schicksal je darum geschert, den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit zu folgen oder gar gerecht zu sein. Was er jetzt von der Justiz erwarte? „Ich bin so im Rettungsmodus für meine Mutter, dass ich sehr wenig über den Täter nachdenke“, sagt Amer Hamzeh.

Aber wenn doch, dann fragen sich die Söhne, ob Abdul Malik H. eigentlich weiß, wem er da im Vorgarten die Klinge in den Hals gerammt hat: einer Frau, die Flüchtlingen half, die 25 Jahre in Beirut gelebt hatte, die islamische Kultur liebte. „Vermutlich hat er keine Ahnung, wie viel Freude und Schönheit er aus diesem Leben gelöscht hat", sagt Amer Hamzeh.

Dauerfernweh. Regina Gerken Anfang der 90er Jahre im Libanon. Foto: privat Vergrößern
Dauerfernweh. Regina Gerken Anfang der 90er Jahre im Libanon. © privat

Schon als Jugendliche fühlt Regina Gerken – 1963 in Rotenburg an der Wümme als jüngste Tochter von vier Kindern geboren und auf einem Bauernhof aufgewachsen – ein, wie sie es nennt, „Dauerfernweh“. Mit zehn fährt sie das erste Mal nach London, mit 25 hat sie bereits halb Europa bereist.

In Hamburg studiert sie Islamwissenschaft und reist 1988, um besser Arabisch zu lernen, nach Damaskus. Da ist sie dem Nahen Osten, seiner Kultur, Musik und Lebensart längst verfallen. In der Hotellobby verliebt sie sich in Chawqi Hamzeh, einen libanesischen Theaterregisseur. Sie beschließt, ihm nach Beirut zu folgen, doch da im Libanon der Bürgerkrieg tobt, bekommt sie kein Einreisevisum.

Also heiraten sie in Syrien, nur eine Woche später. In Beirut bewirbt sich Regina Gerken im Goethe-Institut, erst als Sekretärin, später arbeitet sie als Lehrerin, Organisatorin. „Das Gesicht des Goethe-Instituts in Beirut“, sei seine Mutter gewesen, sagt Amer. Auch abends empfängt die Mutter ihre Schützlinge im Haus. Flüchtlinge, die meisten Syrer, denen sie zu helfen versucht, in der neuen Heimat Fuß zu fassen.

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Ihre Söhne sind 13 und 14, als der Vater an einem Herzinfarkt stirbt. „Seitdem gab es immer nur uns drei“, sagt Malek. Als 2006 zwischen der Hisbollah und Israel der Krieg ausbricht, schickt Regina die Kinder für ein paar Monate zu ihren Verwandten nach Deutschland. Sie selbst bleibt, um die Verwandten, die aus dem Süden des Landes nach Beirut geflohen sind, im Haus zu versorgen.

Amer, der Ältere, macht sein Abitur, will Ingenieurwesen studieren, was in Beirut 40.000 Dollar kosten würde. Er bewirbt sich in Deutschland um einen Studienplatz, bekommt ihn und zieht erst nach Hamburg, dann nach Berlin-Neukölln. 2011 folgt Malek, pendelt über Jahre zwischen den beiden Welten.

Als 2012 syrische Flüchtlinge in ihrem Haus die Kasse des Goethe-Instituts und Ersparnisse der Familie stehlen, verlässt auch Regina Gerken Beirut. Sie sehnt sich nach ihren Söhnen und ihren Geschwistern.

Regina Gerken lässt sich umschulen, steigt danach bei den Potsdamer Stadtwerken als Assistentin ein. Als Malek nach Beirut zieht, übernimmt sie seine Ein-Zimmer-Wohnung in der Güntzelstraße. 40 Quadratmeter im Erdgeschoss, dazu einen Balkon und vor dem Fenster ein riesiges verwildertes Beet, das sich an den Fassaden von drei Mietshäusern entlangzieht. Regina Gerken beantragt beim bezirklichen Grünflächenamt, die Wildnis ehrenamtlich in einen Garten verwandeln zu dürfen.

Früher habe ihr Mann sie von den Härten des Lebens abgeschirmt. In Berlin reißt sie überrascht die Augen auf, wenn die Söhne sie am Bahnhof auf Drogendealer, Schläger und Zuhälter aufmerksam machen. Keine Ausstellung, kein Konzert habe sie besucht, ohne jemanden kennenzulernen, dem sie helfen wollte. Bei der Handyrechnung, dem Ausfüllen von Formularen … „Sie hat das Böse in den Menschen und in der Stadt nicht gesehen.“

Im Vorgarten ist für Regina eine kleine Tafel aufgestellt worden. Foto: Mario Heller Vergrößern
Im Vorgarten ist für Regina eine kleine Tafel aufgestellt worden. © Mario Heller

Die Drei beschließen, sesshafter zu werden, gemeinsam älter und alt zu werden. Zu ihren Spieleabenden am Samstag treffen sie sich bei Amer, zu den Festen Ostern oder Weihnachten. Je später der Abend, desto mehr Freunde kommen, die meisten Künstler, es wird englisch, arabisch, deutsch gesprochen, getanzt, Musik gemacht. Amer sagt. „Regina ist immer bis zum Schluss geblieben.“

Amer bekommt einen Job bei einer Versicherungsgesellschaft, Malek sichert Gleise bei der Deutschen Bahn. Er will 2022 eine Ausbildung zum Pflegefachmann beginnen. Seine Mutter, beste Freundin und Ratgeberin, habe gesagt, „das ist eine tolle Idee, mach das.“

Den Garten pflegt Regina auch nach Maleks Rückkehr weiter, als sie längst in die Nähe des Bundesplatzes, nur ein paar Kilometer weiter, gezogen ist. „Malek, mach’ schon mal Kaffee“, sagt sie, wenn sie zur Begrüßung an sein Fenster klopft.

Alles wirkt an diesem 4. September sonnig und leicht, der Tag, das Leben, die Zukunft. Am Montag darauf will Regina mit Amer nach Portugal fliegen. Sie telefoniert mit ihm, als sie im Beet steht. Ein paar Minuten später biegt Abdul Malik H. um die Ecke.

"Was machst du da? Bist du verrückt?"

Klaus F., 66, sieht, wie der junge Mann Regina Gerken in den Würgegriff nimmt. Am nächsten Tag besucht er, gerade aus dem Krankenhaus entlassen, Malek und erzählt den Brüdern, wie er auf den Angreifer zugerannt sei und gerufen habe: „Was machst du da? Bist du verrückt?“ Der Attentäter erwischt ihn an der Stirn, als ein Stich den Hals des Rentners durchdringt, fällt er zu Boden, kann sich dann aber in einen Friseursalon retten.

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Drei Stunden kämpfen vor der Tür die Notärzte um das Leben von Regina Gerken, bevor der Rettungswagen sie ins Benjamin-Franklin-Krankenhaus bringt. Nach der ersten Operation sitzt Amer am Bett der Mutter, streichelt ihr über das blutverkrustete Haar, hält ihre Hand und hofft, dass, wenn schon nicht die Worte, dann doch wenigstens seine Stimme sie erreichen. „Ich habe ihr gesagt, dass sie schön ist, wunderschön. Und dass sie stark ist. Dass alle sagen, dass sie stark ist und das schafft. Dass wir bei ihr sind und sie sich ausruhen soll…“

Am Tag des Attentats weiß Amer Hamzeh noch nicht, was genau ein „Infarkt Media und Art. Anterior-Gebiet links, Hemiplegie rechts“ bedeutet, wie es später im vorläufigen Arztbericht der Charité steht. Auch „Longitudinale Verletzung V. jugularis interna. Perfusionsdefizit linkshemisphäriell“ muss er noch googeln.

Die Familie hofft auf einen Reha-Platz in der Humboldtmühle in Berlin-Tegel. Foto: imago/Schöning Vergrößern
Die Familie hofft auf einen Reha-Platz in der Humboldtmühle in Berlin-Tegel. © imago/Schöning

Aber auch als Nichtmuttersprachler versteht er, was ihm die Ärzte schon nach der ersten Operation sagen: dass in den ersten drei Monaten jeder Tag zählt, die Patienten in dieser Zeit die größten Fortschritte erzielen. Deshalb sollten sie Regina Gerken so schnell wie möglich einen Platz in einer Neuro-Reha sichern.

Vor dem Transport muss der Beatmungsschlauch verlegt werden. Die OP wird verschoben, weil in Berlin das Klinikpersonal streikt. Die ersten fünf Tage gehen so verloren.

Die Familie ergattert einen der acht Plätze in der Humboldtmühle, einer Fachklinik für Neurologie und Orthopädie. Mitten in Berlin, mit den besten Bewertungen für einen Fall wie ihren. Doch als die Krankenkasse versehentlich den falschen Kostenbescheid schickt, ist das Bett vergeben. Auf den neuen zu warten, würde wieder Wochen kosten. Also erstmal Plau am See, wo es ein freies Bett gibt.

"Das Geld hat einen direkten Einfluss auf die Genesung."

In den Nächten bildet Amer Hamzeh sich fort, liest, was es über Therapien zu Hirnerkrankungen, Apraxie und Aphasie, also den Verlust des Sprechvermögens und Sprachverstehens, zu lesen gibt. Er habe hunderte Videos geschaut, Neurologen kontaktiert, Logopäden, sich über experimentelle Therapien informiert und er habe schnell gemerkt, dass im deutschen Gesundheitswesen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft existiere. „Das Geld hat einen direkten Einfluss auf die Genesung.“

Um lernen zu können, sich zu fokussieren, brauche die Mutter Ruhe und Reizarmut. Wenn beispielsweise beim Zähneputzen mehr als Zahnpasta und Bürste auf dem Waschbecken liegen, sei Regina Gerken völlig überfordert, wisse nicht, was von ihr erwartet wird. In der Klinik steht ihr aber nur ein Zwei-Bett-Zimmer zu. Das Einzelzimmer kostet die Hamzehs 160 Euro am Tag.

"Der Mensch ist noch da." Regina Gerken 2016 in Marokko. Foto: privat Vergrößern
"Der Mensch ist noch da." Regina Gerken 2016 in Marokko. © privat

Als Amer Hamzeh Ende September um einen Termin bittet, um mit den Ärzten die Untersuchungsergebnisse, Prognosen und Therapien zu besprechen, wird er trotz mehrmaliger Nachfragen über Tage vertröstet. Am 27. September schreibt Hamzeh eine Mail: „Ich möchte Sie hiermit darauf hinweisen, dass Sie laut §630 BGB im Rahmen des Patientengesetzes zur Aufklärung und Information auf Anfrage verpflichtet sind.“ Am nächsten Tag teilt die Klinik mit, dass die Ärzte nun „jederzeit all Ihre Fragen“ beantworten wollen.

Sie suchen jetzt den besten Klinikplatz

Der Kampf gegen die Zeit, der Kampf mit dem Geld, der Verwaltung, den Behörden. „Ich hatte schon mehrere Burnouts“, sagt Amer Hamzeh. Glücklicherweise habe er einen Therapeuten gefunden, der bereit sei, ihn per Videokonferenz zu begleiten.

Amer Hamzeh arbeitet halbtags von Plau am See, bis ihm sein Arbeitgeber, wo er als Projektmanager arbeitete, nach drei Monaten kündigt, „offiziell aus betrieblichen Gründen“. Nun müsse er zwar jeden Tag Bewerbungen schreiben, gewinne aber Zeit, um das komplizierteste der anstehenden Probleme anzugehen: den besten Klinikplatz für die nächste Phase der Behandlung zu finden.

Einig sind sich wohl alle, dass Regina Gerken am besten in Berlin, wo ihre Familie und Freunde leben, untergebracht wäre. Hier könnten die Hamzehs auch einen Logopäden engagieren, der der Patientin zu den täglichen 25 Minuten in der Klinik privat Sprachunterricht erteilen würde. Ideal wären, so haben es ihnen Experten geraten, zwei Stunden. Eine vormittags, eine abends.

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Die Ärzte der Humboldtmühle haben den Fall geprüft und würden Regina Gerken bei der Anschlussrehabilitation in Phase B einordnen. Die Ärzte der Klinik in Plau am See sehen sie bereits in der nicht mehr so personalaufwendigen Phase C. „Es besteht eine motorische Aphasie und eine sprachliche Apraxie, jedoch ist die Patientin in der Lage, sich zu verständigen und auf sich aufmerksam zu machen“, heißt es im Schreiben vom 9. November.

Immer zu dritt. Regina Gerken und ihre beiden Söhne im Jahr 2019. Foto: privat Vergrößern
Immer zu dritt. Regina Gerken und ihre beiden Söhne im Jahr 2019. © privat

Es geht um eine Differenz von 130 Euro täglich – die die Krankenkasse nicht bereit ist zu zahlen. Die Humboldtmühle aber für eine Aufnahme verlangt. Wochenlang geht es hin und her.

Am 23. November finden die Hamzehs in Grünheide eine Einrichtung, die die Mutter mit Phase C übernimmt. Sie stimmen der Verlegung „unter Vorbehalt“ zu, um Regina wenigstens nach Berlin zu holen. Nach der ersten Untersuchung hätten aber auch hier die Ärzte eine „schwere Verständigungsstörung“ diagnostiziert, also: Phase B.

"Die Gefühle, die Persönlichkeit, der Mensch ist noch da."

Für den Fall, dass sich die Krankenkasse weiter querstellt, kein drittes Gutachten hilft, will die Familie der Humboldtmühle garantieren, für alle Kosten, also den kompletten Tagessatz, aufzukommen. Die Krankenkasse sei von diesem Plan schon informiert, weil die Hamzehs die Absage schriftlich benötigen. „Der Bearbeiter hat mich da nur ausgelacht: Wie wollen Sie denn das bitte machen?“

Etwa 625 Euro täglich bräuchten sie, um ihre Mutter in der Humboldtmühle allein durch die Phase B zu bringen. „Im Februar haben wir Regina dann hoffentlich über die Ziellinie.“ Eine „sehr gute Sprachtherapeutin“ habe ihre Praxis um die Ecke. Und wer weiß, was die jüngste Forschung bringt?

Drei Wochen würden sie es alleine schaffen, vielleicht auch fünf, aber dann wäre ohne fremde Hilfe, eine Stiftung oder Spenden, Schluss. Die Familie hat deshalb jetzt eine Spendenseite eingerichtet. (Hier können Sie Regina Gerken unterstützen.)

Es ist ungewiss, wie viel Regina Gerken von dem, was die Söhne ihr erzählen, auch versteht. Sie spüren, dass die Mutter es mit ihrem Lachen leichter machen wolle, sei in der Therapie „ultra-engagiert“. „Die Gefühle, die Persönlichkeit, der Mensch ist noch da“, sagen die Brüder. Ihre Aufgabe sei es, ihre Mutter, wenn irgendwie möglich, aus der Gefangenschaft der Sprachlosigkeit zu befreien.

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