Die Hundefreunde bekommen eine Lobby

Das Bild zeigt eine Berlinerin im Jahr 1924 mit ihrer Französischen Bulldogge im Cabriolet. Foto: ullstein
Hunde in Berlin Bitte anleinen, sonst besteht Totschlaggefahr

So viel Gefühlswärme in breiten Bevölkerungsschichten für den Hund brachte den Tierschutz voran. Berlins erstes großes Tierasyl eröffnete 1892 an der Jannowitzbrücke, betrieben vom „Tierschutzverein zu Berlin“. 1899 startete im Tivoli zu Tempelhof eines der ersten Hunderennen, im selben Jahr lud die „Gesellschaft für Hundefreunde“ zur Ausstellung nach Pankow ein. Bilanz: 10 000 Besucher, 600 vorgeführte Tiere.

Halter hatten nun eine Lobby. Zu Beginn der Weimarer Republik gab es einen spektakulären Auflauf vor dem Tierasyl in Mitte. Hunderte Berliner protestierten gegen eine drastische Erhöhung der Hundesteuer, blockierten die Straßen. „Es war ein ungeheurer Lärm aus Menschen- und Hundekehlen“, heißt es in einem Zeitungsbericht.

Mitte der 1930er Jahre wurden die ersten Auslaufgebiete ausgeschildert, das größte entstand am Grunewaldsee. Auch als Kundschaft wurden Halter zunehmend interessant. Im Souterrain des KaDeWe standen kleine Hütten bereit, sorgsam mit Decken und Kissen ausgepolstert, Sitterservice inklusive. Dort konnte man den Hund gratis anbinden, um dann ohne Gezerre shoppen zu gehen.

Welches Zusammengehörigkeitsgefühl viele Berliner mit ihren Hunden verband, zeigte sich auch später in den Tagen der Luftbrücke. Lebensmittel waren knapp, Hundefutter sowieso. Dennoch schnellte die Zahl der Hunde 1948/49 um ein Viertel auf rund 60 000 hoch. Der Korrespondent der „Stuttgarter Zeitung“ erklärte das damals so: „Mancher kauft sich jetzt einen Seelentrost für die langen Abende in der stromlos-dunklen Bude. Der Seelentrost hat vier Beine und macht wau-wau.“

Ein Jahr später, im Dezember 1950, besetzten Aktivisten das Tierheim in Lankwitz. Alle Hunde dort sollten eingeschläfert werden, weil zwei mit Tollwut infiziert waren. Das schien den Besetzern übertrieben. Sie schlossen sich ein und Polizei und Amtsveterinäre aus. Die Beamten kletterten über zwei Zäune, versuchten durch Hintertüren einzudringen. Vergeblich. Der Aufstand endete mit einem Kompromiss: Die Asylhunde mussten drei Monate lang tierärztlich beobachtet werden.

Aufregung herrschte auch jedes Mal, wenn ein Hund nach dem Mauerbau auf rätselhaften Wegen von West nach Ost über die Zonengrenze gelangte – wie 1977 die Windhündin Baruschka. Sie war Richtung DDR einem Hasen nachgejagt. Zwei Tage später wurde Baruschka in Falkensee aufgegriffen. Ihr Frauchen erhielt sie zurück, glücklich abgebildet in allen West-Berliner Tageszeitungen.

In den 70er und 80er Jahren eskalierte aber auch die Fehde um den Hund erneut – vor allem wegen der vielen Tretminen. Die Hunde-Opposition startete Kampagnen, 1973 wurde in Charlottenburg die erste Hundetoilette eröffnet, 1983 stellte der Senat eine Plakat-Aktion vor: „Guter Wille kann Häufchen versetzen.“ Alles vergebens. Erst die orangenen Abfallbehälter der BSR sowie die Tütchenspender und der öffentliche Druck auf die Hundehalter haben das Problem inzwischen langsam entschärft. Wie kommentierte ein Reporter des Tagesspiegels schon Anfang der 60er Jahre? „Mehr Verständnis auf beiden Seiten wird besser sein als ein Aufmarsch von Ordnungshütern gegen das umstrittenste Wesen Berlins.“

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