Der Amsterdamer Grachtengürtel zählt zum Unesco-Weltkulturerbe. Foto: mauritius images / kavalenkava v
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Günstig reisen in Europa Mit 100 Euro nach Amsterdam

Supermarkt statt Sterneküche, Gartenbank statt Rijksmuseum. Wer sich günstig durch Hollands Metropole schlägt, entdeckt sogar mehr als die Touristenmassen. Und das ganz entspannt.

WOHNEN DE LUXE

Umkehren oder weiterquetschen? Was für eine Frage! Vorwärts natürlich, durch diese Gasse musst du durch, egal wie viele Touristen sich dir in den Weg werfen, dann über die Brücke, rechts abbiegen und: Ankunft im Paradies. Ein Haus ganz für dich allein, und was für eins. Reinstes 17. Jahrhundert, entsprechend windschief, mit Treppengiebel, wie er sich für das alte Amsterdam gehört, direkt an der Herengracht gelegen, fünf Stufen hoch, drinnen modern möbliert, Bauhaus lässt grüßen.

Ein Zimmer im Hotel auf der anderen Wasserseite kostet 250 Euro Minimum. Ohne Frühstück. Und dieses Haus: nichts. Unbezahlbar. Die Hausherren und ich, wir haben uns über die Wohnungstauschorganisation Intervac kennengelernt, 1998 schon. Alle vier, fünf Jahre ziehen sie in meine Altbauwohnung in Berlin, und ich fahre nach Amsterdam. Wir öffnen beim anderen die Tür – und fühlen uns zu Hause.

BLICKE VOM LOGENPLATZ

Amsterdam zählt mit Venedig und Barcelona zu den europäischen Städten, die am heftigsten unter Overtourism leiden. Auf 864 000 Einwohner kommen 19 Millionen Besucher im Jahr. Die Preise vor Ort scheinen sie nicht zu schrecken: Rijksmuseum 20 Euro Eintritt, Van Gogh Museum 19. Zu Beginn des Experiments, zwei Tage Amsterdam für 100 Euro, werden die bekannten Sehenswürdigkeiten gleich vom Programm gestrichen.

Der Enttäuschung folgt Entspannung. Kein Besichtigungsstress, kein Sich-gegenseitig-auf-die-Füße-Treten, einfach nur Da-Sein. Wenn einer den Werbeslogan der Touristenhochburg ernst nimmt, dann ich: I amsterdam. Vom erhöhten Logenplatz des Esstischs am Fenster lasse ich die Welt an mir vorüberziehen, was sie erstaunlich gemächlich tut. Ein Pärchen radelt vorbei, das Mädchen im Damensitz auf dem Gepäckträger, eine Hand lässig um die Hüfte des Freunds gelegt. Helm trägt hier kein Mensch. Ab und zu ein Lieferwagen, aber wenig Autoverkehr. Dafür Busladungen voller Menschen in Grachtenbooten.

SCHRUMPELIGE ROSINENBRÖTCHEN

Von den Holländern lernen heißt Sparen lernen. Sie haben den Ruf, sich ihr Essen in den Urlaub mitzunehmen. Also ist es nur authentisch (das Zauberwort all derer, die alles, bloß nicht Tourist sein wollen), wenn ich die Grundnahrungsmittel aus Berlin mit der Bahn anschleppe.

Trotzdem gehört natürlich der Besuch im Supermarkt, Hort einheimischer Kultur, dazu. Alle Wege führen zu Albert Heijn, gut 60 Filialen gibt es es in der Stadt, eine der größten liegt am Nieuwezijds Voorburgwal 226. Rosinenbrötchen sind nostalgisches Muss. Außen schrumpelig, innen saftig und safrangelb, wobei – vier Stück für 1,43 Euro, Sonderangebot, bei dem Preis steckt bestimmt kein Safran drin. Egal, Hauptsache, Geschmack der Kindheit, deren Ferien wir immer in Holland verbrachten. Dafür ist der Joghurt bio, ansonsten auch er: original wie früher, schön dickflüssig. Nach dem Bezahlen gibt’s bei Albert Heijn noch Goodies zum Mitnehmen, Picknickbesteck und altmodisches Geschenkpapier mit Kaufladenmotiv. Kann man immer gebrauchen.

MEHR HIPPIE ALS HIPSTER

Es wird ungemütlich, kalt und nieselig. Zum Aufwärmen – wohin? Selbst die Kirchen, sonst Refugium armer Seelen, kosten in Amsterdam Eintritt. Oft sind sie auch gar keine richtigen Gotteshäuser mehr, sondern Ausstellungshallen. Eben mal reinhuschen, hinsetzen, durchatmen, die Atmosphäre genießen geht nicht.

Es gibt weltlichen Ersatz. Umsonst und drinnen kann man sich in einem der drei großen englischsprachigen Buchläden am Spui niederlassen, einem unprätentiösen Platz im Zentrum. Die gemütlichste ist das American Book Center, ABC – mehr Hippie als Hipster. Fünf Stockwerke voller Verlockungen. Ich schnappe mir „Eve’s Hollywood“ von Eve Banitz, lasse mich im obersten Stock im Ledersessel mit Leselampe nieder und erkläre den Klassiker nach ein paar Sätzen zum besten Buch über Hollywood. Herrlich.

MAYO SATT

Irgendwann treibt der Heißhunger mich wieder raus. Pommes! Gleich um die Ecke liegt die nächste Bude, in der Spuistraat 297. Von wegen Fast Food: Gute Fritten brauchen Zeit. Die lassen sie sich bei Chipsy King. Das Ergebnis ist perfekt, knusprig, heiß und salzig, wie es sich gehört, in spitzer Tüte serviert. Und eins wissen die sonst so sparsamen Holländer – mit Mayonnaise darf man nicht geizen.

MEHR RÄDER ALS MENSCHEN

Wow! Was ist das? In der Stadt der schmalen Häuser fällt der gewaltige Klotz ins Auge. 100 Meter misst das Stadtarchiv (Vijzelstraat 32), es ist für alle da. Eintritt frei. Außen dunkel, innen hell, flaniert man durch den mehrstöckigen Lichthof, reines Art déco, strahlend weiß.

Die aktuelle Ausstellung erzählt von der Bike-City Amsterdam, in der es mehr Fahrräder als Einwohner gibt und wo der Stadterweiterungsplan schon in den 30er Jahren auf das Rad als Hauptverkehrsmittel ausgerichtet war. Die neuen Vororte sollten in einem 30-Minuten-Radius von der Innenstadt liegen. Umso erstaunlicher, dass ein Drittel der Amsterdamer ein Auto besitzt.

In der einstigen Schatzkammer im Keller warten Schätze besonderer Art. 100 Jahre alte Farbfotos von unglaublicher Leuchtkraft in unterirdischen Tresorräumen, Filme eines Hobby-Jacques-Tatis.

REMBRANDT’SCHE TULPEN

Die Sonne lässt sich wieder blicken. Wenn schon nicht Rijksmuseum, dann doch die Gärten davor. Kost’ nix. Hohe, gescheckte Tulpen, wie von Rembrandt gemalt. Ein kleiner Junge springt so lange durch Jeppe Heins Überraschungsbrunnen, bei dem man nie so genau weiß, wann er lossprudelt, bis er klatschnass ist. Stühle, auch zum Liegen, gibt’s genug. Die ruhige Anlage liegt geschützt hinter hohen Hecken und Zäunen, viele übersehen sie. Vielleicht müssen sie auch nur zur nächsten Attraktion hetzen.

In puncto Grün sei eine Warnung ausgesprochen: einen großen Bogen um den Blumenmarkt machen. Da gibt’s Blumen praktisch nur noch in Formen, in denen man sie in den Überseekoffer packen kann, als Kitschmagnet oder Zwiebel. Außerdem den Dam und alle großen Einkaufsstraßen meiden und lieber werktags als am Wochenende anreisen.

140 EURO GESPART

In Amsterdam kann man ziemlich gut durchs Nichtstun sparen. Gras muss niemand kaufen. So intensiv quillt einem der Duft aus den Coffeeshops entgegen, dass man ganz high durch die Gassen schwebt. Einmal nicht auf der Straße gepinkelt: 140 Euro gespart. Keinen Alkohol in der Öffentlichkeit getrunken: 95 Euro gespart. Schilder und Leuchttafeln warnen die auswärtigen Besucher vor den Kosten rüpelhaften Benehmens, unter dem die Einheimischen so zu leiden haben.

Da sind vier Euro für ein legales Glas Wein doch ein Schnäppchen. Im De Prins (Prinsengracht 124) sitzt man an Holztischen auf Bänken, ein alter Mann isst ganz gemächlich sein Abendbrot. Zum Chardonnay ordere ich die deftige Grundlage: eine Runde Bitterballen, die gar nicht bitter sind, dafür knusprig und mit einer ähnlich undefinierbaren Saucenmasse gefüllt wie die Krokettjes.

Die Holländer frittieren gern. Dem Budgetreisenden soll’s recht sein, er wird für wenig Geld satt. Borrel heißt der holländische Aperitivo, vielleicht nicht so fein wie der italienische, aber genauso gesellig, da gibt’s zum Drink Hapjes wie die Bällchen mit Senf oder ein Schälchen Käse.

GRACHTENLAUF

Besser als Kino: Am späten Abend die Grachten langlaufen und in die erleuchteten Wohnungen gucken. Zumindest in den oberen Etagen verdecken nach wie vor keine Vorhänge den Blick. Ein bisschen Windowshopping, in den Gassen gibt es nette Lädchen.

Dass es selbst tagsüber im Grachtengürtel, inzwischen Unesco-Kulturerbe, ziemlich ruhig zugeht, ist ein Relikt des Goldenen Zeitalters, als Amsterdam sich zur reichsten Stadt der Welt entwickelte. Um die Millionäre nicht zu stören, durften Läden nur in den Seitenstraßen eröffnen.

Auch heute sind in den Grachtenhäusern überwiegend Wohnungen und Büros untergebracht, kaum Kneipen oder Geschäfte. Selbst die Bänke hat man meist für sich. Die Touristen sitzen alle in den Booten. Aber Achtung! Amsterdam ist keine Stadt für Träumer. Mit einem Radler ist immer zu rechnen.

WARME POFFERTJES

Befreit vom Zwang, die teuren Highlights abzuklappern, führt der Weg am nächsten Morgen an Orte, für die Schulklassen und Reisegruppen keine Zeit haben. Im südlichen De Pijp laufe ich durch richtige Gartenstraßen, wo der Flieder im Blechtopf wächst. Blauregen rankt sich über Haustüren bis auf den Bürgersteig, vor den Häuschen stehen Bänke, eine Katze putzt sich mit Genuss. Es gibt allerdings auch schon einen Matcha-Laden, Gentrifizierungs-Warnsignal. Schnell hin.

Der Albert-Cuyp-Markt zieht sich die gleichnamige Straße lang, hier geht’s deutlich multikultureller und günstiger zu als im Zentrum. Und es gibt alles, Büstenhalter und geräucherte Makrelen, warme Poffertjes und Schlabberhosen, Stroopwaffelbruch (die Tüte für 60 Cent) und echte rote Tulpen, der Strauß für zwei Euro. Der Duft fast obszön dicker eingelegter Gurken vermengt sich mit dem frisch gerösteter Nüsse.

FAMILIENDYNAMIK

Zu spät. Mittags um halb eins soll das Gratiskonzert im Concertgebouw beginnen, eine Stunde vorher sind schon alle Tickets weg. 440 Leute waren schneller als ich. Hinterher bin ich schlauer: Im modernen Muziekgebouw gibt es jeden Donnerstag ein Klassik-Lunchkonzert, das längst nicht so überlaufen ist.

Jetzt aber laufe ich zum Trost rüber ins Stedelijk Museum, im großen verglasten Foyer sitzt man auf grünen Designersesseln, beobachtet die erschöpften Kunstinteressierten, die Dynamik in Familien und kriegt doch noch Kunst zu sehen: Auf der großen Leinwand läuft ein Video von Valie Export.

FÜSSE SCHONEN

Mit der „I amsterdam City Card“ lässt sich nicht sparen, die kostet atemberaubende 60 Euro für 24 Stunden. Vielleicht zur Abschreckung der Tagestouristen. Für längere Besuche rentiert sich die Karte, da wird sie immer günstiger – für fünf Tage zahlt man nur noch 115 Euro.

Die Tageskarte für den ÖPNV lohnt sich auch beim Kurztrip, für acht Euro kommt man mit der Tram ziemlich weit. Die Nummer 12 rollt mich an der Amsterdamer Backsteinmoderne vorbei, von Siedlung zu Siedlung, Endstation Amstel, weiter zu Fuß, zur lauschigen Schrebergarten-Kolonie „Klein Dantzig“, weiter in den Frankendael-Park.

Wer Geld hat, kehrt im Farm-to-Table-Restaurant De Kas, einem Gewächshaus, ein, wer keins hat, darf sich einen Apfel vom eigenen Bauernhof mitnehmen.

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