Weg vom Leder, weg vom Chromglanz

Jeans statt Leder. Die Biker von heute tragen Kapuzenpullis und stylische Turnschuhe. Gesetzlich ist nur der Helm vorgeschrieben. Foto: Justin Clark/unsplash.com
Die neue Biker-Generation Verknallt in das Motorengeräusch

Und Motorradfahrer heute? Geschwindigkeitsfreaks auf 300-Stundenkilometer-Schüsseln in geschmacklosen bunten Lederkombis. Kann man so sehen. Brösels Comic-Werner, ständig besoffener norddeutschelnder Azubi. Und natürlich die braven Reiter auf ihren Reise-Maschinen, zwei silberne Koffer am Beifahrersitz, aufrecht im Sattel, gelbe Warnweste und wasserabweisende blaue Gore-Tex-Jacke, A1 im Starkregen, immer rechte Spur. Männerbünde, Hells Angels, Halblegalität und Kloppereien – Easy Rider war langweilig, aber wenigstens sympathisch. Was seid ihr?

„Motorradfahren verändert sich gerade, weg vom Leder, weg vom Chromglanz“, sagt Cäthe Pfläging, als ich sie nach dem Trend frage, von dem ich Teil geworden bin. Die 44-Jährige führt eine Grafikagentur in Prenzlauer Berg und hat „The Curves“ mitgegründet, einen Motorradclub, in den nur Frauen eintreten dürfen.

18 Mitglieder hat er, gemeinsam machen sie Kurventraining und fahren lange Touren. Ein Curves-Mitglied hat das Petrolettes-Festival gegründet, drei Tage Motorrad, Livemusik und Party in Ahlimbsmühle bei Berlin – auch da, nur für Frauen.

„Freiheit, Wind in den Haaren, blablabla“

Früher war das mehr ein Männerding. Aber das ist Quatsch“, sagt Pfläging. „Wir haben ja überhaupt nix gegen Männer, aber wir konzentrieren uns voll auf Frauen.“ Pfläging ist Teil dieser neuen Biker-Generation, die das Motorrad als Gebrauchs- wie als Lifestylegegenstand begreift, den man mit etwas Übung noch selbst umbauen und reparieren kann, eben wie ein Fahrrad. „Bloß kein lautes Statussymbol“, sagt sie. „Wir Biker sehen heute mehr aus wie Skater und Surfer.“

Sie fährt eine Yamaha MT07. Das ist ein reduziertes Motorrad, ein Naked Bike ohne Windscheibe. 68 Newtonmeter auf 6500 Umdrehungen pro Minute, kompakt wie ein Bullterrier, von 0 auf 100 in 3,8 Sekunden, so schnell wie ein Porsche Carrera. Nur ohne Anschnallgurt.

„Freiheit, Wind in den Haaren, blablabla“, sagt sie. „Mir geht dieses Esoterik-Gequatsche auf den Keks.“ Pfläging steuert ihre MT wie ein Fahrrad durch den Berliner Stadtverkehr: Vor roten Ampeln umkurvt sie die wartenden Autos, sie überholt langsame Fahrer spielend, der Fuchsschwanz an ihrem Lenker flattert dabei im Wind. Ihr dabei zuzuschauen, ist ein Spektakel. Eine blonde Frau mit Turnbeutel und Eishockey-Stutzen über den Schienbeinen auf einer 75-PS-Kanonenkugel.

Hang Loose trifft Benzin im Blut

Frauen wie Pfläging sind es, die die neue Lässigkeit im Motorradfahren eingeläutet haben. Jeans statt Lederkombi, halboffene Helme mit Windbrillen, Lederboots, manchmal einfach Sneaker statt Schutzstiefel. Die Modebranche ist längst aufgesprungen: Zum Beispiel die australische Firma Deus Ex Machina, die einen Mix aus Biker- und Surfmode verkauft. T-Shirts in weichen Pastellfarben, Hawaii-Muster, Kapuzenpullis, Truckermützen, bestickte Army-Jacken und Jeans.

Kleidung, die aussieht, als käme ihr Träger gerade aus der Schraubergarage und sei auf dem Weg zum Strand. Im Werbevideo betrachtet man Typen auf Scrambler-Motorrädern, die ihre Surfbretter ans Bike geschnallt haben und den Strand entlangfahren. Und das beobachtet man so inzwischen auch in Berlin, Frankfurt und Hamburg, natürlich ohne die Surfbretter: Hang Loose trifft Benzin im Blut.

Vernünftig ist das nicht, erlaubt schon. In Deutschland ist nur der Helm gesetzlich vorgeschrieben. Wer in T-Shirt und Jeans Motorrad fährt, riskiert jedoch schwerste Verletzungen. Auch klassische Biker-Ausstatter wie Bellstaff oder Vanucci orientieren sich am neuen Look, bieten jetzt Jeans mit Schutzeinlagen und Schutzstiefel an, die vom Sneaker nicht mehr zu unterscheiden sind.

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