Es wird geflext, gelötet und geschweißt

Das Foto wurde bei Burning Man Festivals aufgenommen und stammen aus dem Bildband „Dust to Dawn“ von Philip Volkers (Kehrer Verlag). Foto: Kehrer Verlag
Burning Man Festival in Nevada Vorglühen in der Wüste

Eines der Zimmer heißt Kaninchenbau, ein anderes sieht aus wie ein Raumschiff, das nächste ist mit Wandbemalung verziert. Kunst, aber sicher nicht jugendfrei.

Das Hostel gibt es seit 2011. Besitzer Jim Gibson war ein paar Jahre zuvor in Rente gegangen, fuhr zum Burning Man, fand das „lebensverändernd“ und wollte irgendwann nicht mehr 51 Wochen im Jahr auf die nächste Runde warten.

Wer in die Lobby kommt, trifft auf Drehbuchautoren, Ärzte und Banker, auf Techies und Hippies. Für diejenigen, die kein Ticket fürs Festival mehr bekommen haben, wird während der Woche eine Ersatzparty geschmissen – Livestream vom Original auf Großbildleinwand inklusive.

Nicht bloß zuschauen, sondern selbst Hand anlegen kann man ein wenig außerhalb von Reno, in Sparks. In einer 3200 Quadratmeter großen Lagerhalle, genannt „The Generator“. Begonnen haben sie hier 2010 als Besetzer, mittlerweile ist das Projekt offiziell. Es ist eine Art offener Künstlertreff mit fast 200 Mitgliedern. Jeder kann hier auf teure Werkzeuge wie Fräsen oder 3-D-Drucker zugreifen. Es wird geflext und gelötet, gezimmert und geschweißt. Am einen Ende der Halle riecht es nach Sägespänen, am anderen nach Lötkolben. In der Mitte steht ein riesiger Zug aus Holz. Beim Burning Man soll der mit großem Feuerwerk abgefackelt werden. In einem der Verschläge liegt ein faustgroßer Kopf aus Knetmasse. Daneben ein größerer als Drahtgestell. Vorarbeiten zu einer Statue, die vor einigen Jahren beim Burning Man zu sehen war.

Alles wird in die Wüste gekarrt

Im hinteren Teil der Halle laden zwei Architekten Holzteile auf Rollwägen. In den letzten Tagen vor dem Festival wird alles in die Wüste gekarrt. Daraus soll später der größte Tempel des Festivals entstehen. Helfende Hände hat man nie genug. Das Projekt lebt von Volunteers, manche kommen nur für einen Tag, andere die ganzen Schulferien lang. Ein guter Blick hinter die Kulissen des Burning Man, dessen namensgebender Höhepunkt ja von Anbeginn eine überlebensgroße Menschenfigur war, die am sechsten Tag des Festivals in Brand gesteckt wird.

Das Foto wurde bei Burning Man Festivals aufgenommen und stammen aus dem Bildband „Dust to Dawn“ von Philip Volkers (Kehrer Verlag). Foto: Kehrer Verlag Vergrößern
Das Foto wurde bei Burning Man Festivals aufgenommen und stammen aus dem Bildband „Dust to Dawn“ von Philip Volkers (Kehrer Verlag). © Kehrer Verlag

Mittlerweile ist das ein Spektakel, begonnen hatte es als Bierlaunenvoodoo. Jedenfalls geht der Mythos so: 1986 versammelte der Künstler Larry Harvey 20 Freunde am Strand von San Francisco, um seinen Liebeskummer zu vertreiben. Stellte eine Holzpuppe auf und fackelte sie ab. Damals maß der „Burning Man“ noch 2,40 Meter. Fünf Jahre später zog das Festival raus in die Wüste, weil es zu groß geworden war. Auch die Statue. 2014 war sie 32 Meter hoch. Im April starb Harvey, 2018 wird das erste Burning Man Festival ohne ihn.

Durchatmen und die Stille genießen

Was er hinterlässt, ist choreografierte Anarchie. Chaos mit Regeln. Es existieren zehn Gebote für Burner. Dazu zählt der radikale Selbstausdruck genauso wie das Schenken. Mitten in der Wüste kann man schon mal froh sein, wenn einem jemand einen frischen Apfel hinterlässt oder kühle Margaritas mixt. Gebot Nummer acht lautet: keine Spuren hinterlassen. Man befindet sich schließlich in der Natur. Infrastruktur gibt es da draußen keine, und auch wenn die Tickets fürs Festival auf dem Schwarzmarkt locker auf mehr als 1000 Dollar klettern, zahlt niemand der Teilnehmer für eine Rund-um-die-Uhr-Bedienung.

Wenn die Behörden hinterher mehr Müll finden, als in einen Umzugskarton passt, droht den Veranstaltern der Verlust der Lizenz. Denn die Wüste ist voller Leben, auch wenn sie auf den ersten Blick unwirtlich wirkt. Auf dem Weg von Reno nach Black Rock City kommen Burner am Pyramid Lake vorbei. Der heißt so wegen seiner geometrisch nahezu perfekt im Wasser liegenden Felsformation. Max Ernst hat das Motiv gemalt. Durchatmen und die Stille genießen, die nächsten Tage wird es davon nicht viel geben. Das Wasser ist türkis wie der Pazifik, nur die Strände schroffer und einsam. Einige Kilometer weiter nördlich trifft das auch auf die Menschen zu. Gerlach ist der letzte Ort, eher eine Siedlung. Finale Stärkung in Bruno’s Country Club. Die Bedienung tritt vor die Tür, um eine Zigarette zu rauchen. Wundert sich, was einen hier rausverschlage. Das Leben sei hart, nur Hillbillys und Trucker.

Aber bald sei das ja wieder anders. Dann kommen für ein paar Tage die Partyverrückten aus aller Welt.

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