Felix Baumert, 42, ist Kita-Erzieher in Moabit. Foto: Ingrid Müller
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Berliner Kita-Erzieher über Coronavirus-Lockdown „Es hat niemand gesagt: Toll, dass ihr bleibt“

Felix Baumert ist Kita-Erzieher in Moabit und sagt: „Wenn viele Leute ausfallen, bin ich bereit! “ Ein Protokoll.

Felix Baumert, 42, ist Erzieher in der Kita "Frecher Spatz" in der Elberfelder Straße in Berlin-Moabit. Er kommt jetzt mit dem Fahrrad aus Neukölln, sonst fährt er mit einem Job-Ticket U-Bahn. Ein Protokoll.

„Eigentlich hatte ich schon damit gerechnet, aber als ich am Montag in die Kita kam, hat mich ein merkwürdiges Gefühl beschlichen. Es waren nur zehn statt 20 Kinder da.

Als zum Mittagessen alle an einen Tisch passten, war mir endgültig klar, dass sich wirklich etwas ändert. Eine Mutter, eine Ärztin, hat schon vergangene Woche gesagt, wir würden um eine Schließung wegen des Virus nicht herumkommen. Aber das war trotzdem weit weg. Zwei Kolleginnen waren krank, eine in Urlaub.

"Niemand von den Eltern hat etwas gesagt"

Unsere Auszubildende hat ihre Schule abgesagt, damit wir es schaffen. Es hat mich gewundert, dass da niemand von den Eltern was gesagt hat. Sie waren wohl mit eigenen Vorbereitungen beschäftigt.

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Einige Eltern wollen mit ihren Kindern zu ihren Familien aufs Land ziehen. Sie wollten vielleicht raus aus der brenzligen Zone Großstadt. Alle waren sehr ruhig und besonnen. Es hat aber auch niemand gesagt, toll, dass ihr bleibt.

"Früher haben wir uns drüber lustig gemacht"

Es ist merkwürdig. Ich habe schon seit Dezember mit dem Coronavirus zu tun, ein Freund arbeitet in Peking. Wir haben uns lustig drüber gemacht, dass die Leute ihn in der U-Bahn mieden, weil er keine Atemmaske trug.

Alle Kitas leer. Ein Schild soll Einbrecher abhalten. Foto: Ingrid Müller Vergrößern
Alle Kitas leer. Ein Schild soll Einbrecher abhalten. © Ingrid Müller

Ich habe mich immer informiert, in den vergangenen Wochen intensiver. Mir ist klar, dass ich mit den Kindern in einer besonderen Situation bin und Überträger sein könnte.

"Ich habe keine Angst, dass ich selbst krank werde"

Bisher fühle ich mich gesund, aber, was das wirklich heißt, weiß ich ja im Moment nicht. Ich habe keine Angst davor, dass ich selbst krank werde.

Die Kinder sollen wohl, Gott sei Dank, nicht krank werden. Aber ich verfolge nicht hysterisch jede Meldung über Tote. Freitag, als die Kitaschließung angeordnet wurde, haben wir eine Notbetreuung in einer unserer Kitas organisiert. Ist doch klar.

Hintergrund über das Coronavirus:

Am Montag sollte das in jeder Kita gemacht werden. Wieder eine neue Situation. Ich fühle mich wie in einem Transit. Als Erzieher muss ich jetzt besonders aufpassen. Am Wochenende war ich nur allein zu Hause.

"Mein Kühlschrank ist so leer wie selten"

Ich wollte mit einer Freundin Urlaub planen, aber ein Arbeitskollege saß in Prag im Taxi eines infizierten Fahrers. Ging also nicht.

Meine Mutter besuche ich auch erstmal nicht, sie zählt zur Risikogruppe. Ich wollte Montag endlich einkaufen gehen, aber Freunde haben mir gesagt, viele Regale bei uns in der Gegend sind leer. Bisher habe ich darüber Witze gemacht. Jetzt habe ich so wenige Sachen im Kühlschrank wie selten.

"Für die Kinder haben wir alles gemacht wie immer"

Aber heute gehe ich dann doch mal los. Für die Kinder haben wir am Montag alles gemacht wie immer. Aber mit allen drüber geredet, dass viele sich länger nicht sehen.

Nachmittags gab es eine bittere Situation. Zwei Jungs, früher selbst hier in der Kita, wollten sich für den Boys-Day vorstellen. Das wird jetzt leider nichts.

Ich bin auch weiter gelassen. In Afrika müssen die Menschen täglich mit schweren Krankheiten umgehen. Aber jetzt ist hier alles unsicher. In unserer Kita ist jetzt erstmal doch keine Notbetreuung nötig. Doch wir wissen nicht, ob sie die Gruppe von Eltern nochmal ausweiten, deren Kinder betreut werden sollen. Für viele Eltern scheint es schwierig zu sein, die Schließzeit zu organisieren.

"Damit alles schön ist, wenn die Kinder wiederkommen"

Wir sind diese Woche auf jeden Fall hier. Wir betreuen zwar im Moment keine Kinder, das ist ein furchtbares Gefühl. Aber wir machen jetzt den Garten fit, misten den Keller aus. Damit alles schön ist, wenn die Kinder wiederkommen.

Selbst wenn ich hier keine Kinder betreue, werde ich vielleicht woanders gebraucht. In der Jugendhilfe? Was ist, wenn wirklich viele Leute woanders ausfallen? Ich bin bereit.

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