"Verglichen damit war der BH eine Befreiung"

Camille Paglia Foto: Michael Lionstar
100 Jahre Büstenhalter „Nichts aus Hollywood ist erotisch“

Ja, das macht die Sache ein wenig seltsam. Verglichen damit war der BH eine Befreiung. Aber meine Generation versuchte den Busen so natürlich wie möglich zu betrachten. Ich kannte ziemlich viele Frauen aus dem Hippie-Milieu, die vertraten die Ansicht, dass es Frauen genauso erlaubt sein müsse, barbrüstig rumzulaufen wie Männern. Tatsächlich hat sich der BH davon nicht richtig erholt, bis Madonna 1983 auf der Bildfläche erschien und mit ihr dieser neue Style, bei dem Unterwäsche als Oberbekleidung getragen wurde.

Zehn Jahre später präsentierte sich Madonna mit dem Bildband „Sex“ unverhüllt und erlebte einen Karriereknick. War sie zu weit gegangen?

Wie Sie schon sagen, das war zehn Jahre später. Zunächst einmal hatte Madonna ganz praktische Gründe, den BH zum Stilrequisit zu machen. Als sie modernen Tanz studierte, hatte sie das Problem mit ihren im Verhältnis zu ihrer Größe üppigen Brüsten. Sie löste dieses Problem, indem sie meist in Vintage-Wäsche auftrat und die zu ihrer Oberbekleidung machte. Tatsächlich ist sie verantwortlich für den gewaltigen Erfolg, den Victoria’s Secret dann hatte. Die Firma pflegte einen Erotik-Look, der auf das 19. Jahrhundert verwies. Das ist ziemlich verrückt, dass die zeitgenössische Frau – emanzipiert, feministisch, berufstätig – in dem Moment, in dem sie sich befreite, unerotisch wurde. Und Dessous plötzlich eine Möglichkeit für Frauen wurden, ein Gefühl für die Sinnlichkeit zurückzuerlangen.

Madonna fand dann in Jean-Paul Gaultier einen kongenialen Partner, der ihre Vorstellung in Szene setzte. Und zwar nicht im Stil des 19. Jahrhunderts.

Gaultiers kreative Umsetzung des Spitztüten-BHs aus den 40er Jahren hatte etwas aggressiv Militärisches. Er verwandelte die Brust von einem passiven Objekt der Betrachtung zu einer Art Phallussymbol, gab den Frauen eine gewisse Stärke.

Wir sprachen vorhin über die Videospiel-Figur Lara Croft. Angelina Jolie wurde in der Rolle der Lara Croft 2001 zum Star. Wurde sie damit auch zum Sexsymbol der Jahrtausendwende?

Zweifellos war ihre eigene natürliche Gabe, die ungewöhnliche Kombination aus schlanker Linie und üppigem Busen, ein Ideal, nach dem viele junge Frauen bis heute streben, auch wenn es für die meisten auf natürlichem Weg unmöglich zu erreichen ist. Diese Brüste sind nicht zum Stillen, sondern nur zum Zeigen, sie sind zu einem erotisch konnotierten Anhängsel geworden.

Welchen Einfluss hatte denn die Werbung, etwa für den Wonderbra, auf die Vorstellung vom idealtypischen Busen?

Den Wonderbra gibt es ja bereits seit den 30er Jahren, und er war ein Meilenstein, weil er nämlich neu definierte, wie ein attraktiver Busen auszusehen hatte. Indem er alles hochdrückte und offen präsentierte, war er eine Rückkehr zum dreisten Exhibitionismus, den es im Kult um die Brust eine ganze Weile nicht mehr gegeben hatte.

Erinnern Sie sich noch an die Werbekampagne der Firma Maidenform, bei der sich eine Frau in der Öffentlichkeit in ihrem Büstenhalter zeigt? Die TV-Serie „Mad Men“ hat die Kampagne später in einer Folge aufgegriffen.

Die Kampagne ist aus den 50ern, da war ich noch ein Kind. Aber natürlich, ich erinnere mich. Ich träumte, wie ich, wie die Frau in der Werbung, in einem Maidenform BH auftrete. Das war schon sehr schräg, so exhibitionistisch und auf ganz eigene Weise pervers. Aber irgendwie wurde in den USA daraus solch eine Standardwerbung, dass das niemand mehr wahrnahm. Normalerweise war das ja ein Albtraum für jede Frau, sich in der Öffentlichkeit in ihrer Unterwäsche zu zeigen.

Was halten Sie von der Art und Weise, in der sich Hollywood-Stars heute auf dem roten Teppich präsentieren?

Zur Startseite