Der Klimawandel hat auch Auswirkungen auf den Weinbau, neue Rebsorten könnten Hitze und Schädlingen trotzen Foto: iStock, Illustration Sabine Wilms
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Wein und Klimawandel Neue Reben braucht der Hang

Hitzestress und Schädlinge stellen den Weinanbau vor immer größer werdende Probleme. Widerstandsfähige Rebsorten könnten eine Lösung sein.

Einen Vorteil hat der Klimawandel. Elementare Themen kommen auf den Tisch, wenn auch auf verschlungenen Wegen. Zuletzt sorgte eine Studie von Forschern aus Spanien und Kanada für mediale Erregung, die die Auswirkung der globalen Erwärmung auf populäre Rebsorten untersuchte. Das Ergebnis: Bei zwei Grad mehr sind mehr als die Hälfte der klassischen Anbaugebiete bedroht. Dort, wo bislang Riesling geerntet wurde, wird es in wärmerer Zukunft Trebbiano sein. Das ist eine Aussicht, die jeden Weinliebhaber zum Klima-Aktivisten machen muss.

Winzer müssen umdenken lernen
Doch traditionelle Rebsorten durch sich verändernde Temperaturzonen zu schieben, geht am wahren Problem des Weinbaus vorbei, das seit gut 150 Jahren existiert. Damals fiel nicht nur die Reblaus in Europa ein, auch die Pilzinfektionen Echter und Falscher Mehltau kamen über den Atlantik. Seitdem müssen Winzer um ihre Ernte kämpfen. Die Reblaus kann durch einen Trick in Schach gehalten werden: Auf amerikanische Wurzeln pfropft man die empfindlichen europäischen Edelreben, die damit vor dem Schädling sicher sind. Gegen die Pilzinfektionen werden Schwefel und Kupfer versprüht. Längst hat auch die Chemieindustrie Fungizide entwickelt, die reichhaltig genutzt werden. 60 Prozent aller in der EU eingesetzten Pilzvernichter landen im Weinberg.

Der Chemieeinsatz im Weinberg wird mehr werden
Und die Tendenz ist steigend: Zunehmende Wetterextreme schwächen die ohnehin anfällige Weinmonokultur. Im feuchten Jahrgang 2016 etwa fuhren Winzer in der Champagne und im Burgund mehr als 20 Mal mit Traktoren durch die Rebzeilen, um Pilzgifte zu versprühen. Im ökologischen Weinbau ist dieser Chemieeinsatz nicht erlaubt, doch auch Bio-Winzer brauchen Schwefel und Kupfer, um keinen Ernteausfall zu erleiden. Besonders die Abhängigkeit vom Schwermetall Kupfer, das sich im Boden anreichert und das Leben im Erdreich gefährdet, stößt verantwortungsbewussten Weinbauern bitter auf. Doch wer auf traditionelle Rebsorten wie Spätburgunder und Riesling setzt, kommt ohne Pflanzenschutz nicht aus.

Neue Rebsorten sind widerstandfähiger
Dieses ökologische Dilemma rückt mit dem Klimawandel ans Licht der Öffentlichkeit. Wenn über alternative Rebsorten diskutiert wird, ist die Stunde der „Piwis“ gekommen. Hinter dieser Abkürzung verbergen sich pilzwiderstandsfähige Rebsorten, die über natürliche Abwehrkräfte gegen Echten und Falschen Mehltau verfügen, aber auch Fäulnis und Klimastress trotzen können. Die Idee hatte der französische Reblausforscher Pierre Millardet bereits 1880. Den europäischen Edeltrauben (hohe Weinqualität, geringe Pilzresistenz) sollten die positiven Eigenschaften amerikanischer oder asiatischer Wildreben (geringe Weinqualität, hohe Pilzresistenz) eingekreuzt werden. Doch das Beste beider Weinwelten in einer Rebe zu vereinen, erwies sich als schwierig. Es brauchte viele Rückzüchtungen, um die Widerstandskraft der Wildreben von ihrem widerlichen Aroma zu trennen.
Die "Piwis" werden kommen, aber das braucht Zeit
Überhaupt ist die Züchtung neuer Sorten ein Generationenprojekt. Noch heute entstehen Reben nicht mit der Gen-Schere im Labor, sondern im Weinberg, zum Beispiel am Geilweilerhof in der Pfalz, der zum Julius-Kühn-Institut für Kulturpflanzen gehört. Als zwittrige Pflanze bestäubt sich die Weinrebe selbst. Sie muss kastriert werden, um gezielt Pollen mit einem anderen Genpool auftragen zu können. Diese Arbeit mit Pinzette und Pinsel ist nur etwas für geduldige Feinmechaniker. Dann kommt ein Beutel um die künftige Traube, damit die Vaterschaft unstrittig bleibt. In den Kernen der Beeren befinden sich Geninformationen der gekreuzten Sorten in unterschiedlicher Ausprägung.

Die wichtigste Frage klärt sich erst am Ende: Schmeckt die neue Weinsorte?
Welche Eigenschaften sie entwickeln, wird sich erst im Laufe des steinigen Züchtungswegs zeigen. Im Jahr nach der Kreuzung wandern 50 000 Kerne ins Gewächshaus, davon werden 5000 kräftige Sämlinge die nächsten vier Jahre großgezogen. Wächst und schmeckt die neue Sorte? Kann sie Krankheiten trotzen? 50 Reben schaffen es in die Vorprüfung nach elf Jahren, in der Hauptprüfung stehen dann ein bis zwei Sorten, hier geht es allein um die Qualitätsbewertung. Insgesamt vergehen so etwa 30 Jahre. Am Geilweilerhof entstand auf diesem Weg mit dem „Regent“ die erste im Anbau erfolgreiche Piwi-Sorte. Die Kreuzung fand bereits 1967 statt, heute wächst die Rotweinrebe auf mehr als 2000 Hektar in Deutschland.

Winzerin Hanneke Schönhals’ vom Bio-Weingut Schönhals im rheinhessischen Biebelnheim setzt schon jetzt auf Cabernet Blanc Foto: promo Vergrößern
Winzerin Hanneke Schönhals’ vom Bio-Weingut Schönhals im rheinhessischen Biebelnheim setzt schon jetzt auf Cabernet Blanc © promo

Regent steht auch in den Weinbergen von Hanneke Schönhals in Biebelnheim. Ihr Vater Eugen ist ein Pionier des Bio-Weinbaus in Rheinhessen, ihm erschien es logisch, Piwi-Sorten anzupflanzen. Sie bedecken heute ein Viertel der Rebfläche, ihre Widerstandfähigkeit haben sie längst bewiesen. Während traditionelle Reben rund zehnmal gespritzt werden müssen, sind es bei Piwis nur zwei Durchgänge. Die Einsparung von Kupfer, aber auch von Diesel bei weniger Traktorfahrten im Weinberg beträgt 80 Prozent. Der Boden bleibt lockerer, weniger CO2 wird freigesetzt. Besonders angetan ist Hanneke Schönhals von Cabernet Blanc, einer weißen Neuzüchtung aus der roten Mutter Cabernet Sauvignon und Resistenzpartnern. „Dieser Rebe geht es immer gut, die Trauben sind gesund bis zum letzten Tag der Lese.“ Grüne Paprika-Aromatik und viel Geschmack in der dicken Beerenhaut ermöglichen der Jungwinzerin zwei unterschiedliche Weinstile – einen würzig-beschwingten Gutswein und eine auf der Maische vergorene, zart rauchige Variante.

Noch sind die neuen Sorten am Markt nicht etabliert
Obwohl Hanneke Schönhals gern mehr Piwis anbauen will, hat sie sich einen Pflanzstopp verordnet: „Ich muss meine Weine auch verkaufen können“, sagt sie und spricht damit das größte Hemmnis für die Revolution im Weinberg an. Piwis, die aktuell lediglich drei Prozent der deutschen Rebfläche bedecken, sind den meisten Weintrinkern unbekannt. Unter Namen wie „Helios“, „Monarch“ und „Felicia“ können sie sich wenig vorstellen. Schönhals versieht ihre Etiketten mit dem Zusatz „wilde Rebe“ und weist bei ihrer Rotwein-Cuvée „Groove“ aus Cabertin und Satin Noir auf die bessere CO2-Bilanz hin.

Paulin Köpfer vom Weingut Zähringer setzt künftig verstärkt auf "Piwis": pilzwiderstandsfähige Rebsorten, die über natürliche Abwehrkräfte gegen Echten und Falschen Mehltau verfügen, aber auch Fäulnis und Klimastress trotzen können. Foto: promo Vergrößern
Paulin Köpfer vom Weingut Zähringer setzt künftig verstärkt auf "Piwis": pilzwiderstandsfähige Rebsorten, die über natürliche Abwehrkräfte gegen Echten und Falschen Mehltau verfügen, aber auch Fäulnis und Klimastress trotzen können. © promo

Paulin Köpfer, Betriebsleiter beim Weingut Zähringer im Markgräflerland, plant derweil neue Piwi-Anpflanzungen. Fünf Hektar sind es bereits, das entspricht zehn Prozent des Betriebs. Sie fließen in die Gutscuvées weiß, rosé und rot. In ihnen befinden sich aktuell 40 bis 60 Prozent Piwis; Köpfer kann sich vorstellen, den Anteil auf 100 Prozent zu steigern. „Piwis senken das Produktionsrisiko erheblich“, sagt der Bio-Winzer. „Weinbaulich gesehen ist die Neuzüchtung ,Souvignier gris‘ der bessere Grauburgunder, weil sie kein Fäulnisproblem kennt.“ Köpfer kann sich eine Umkehrung der Verhältnisse vorstellen. Traditionelle Sorten wie Riesling und Spätburgunder wären dann die sorgsam gehegten Spezialitäten, während die neuen Sorten nachhaltiges Wirtschaften im Weinberg ermöglichen. Von Natur aus stark gegen Krankheiten und angepasst an klimatische Veränderungen, können Piwis auch zur Wiederbelebung aufgegebener Steil- und Stadtlagen beitragen. Das eröffnet Weinaussichten, die facettenreicher sind als jeder Trebbiano.

Die neuen Rebsorten und wer sie bereits anbaut

Cabernet Blanc
Aromatische, vielschichtige weiße Rebsorte, die vom Schweizer Valentin Blattner aus Cabernet Sauvignon und Resistenzpartnern gekreuzt wurde. Anbaufläche wächst kräftig.
Ausprobieren: zwei Weinstile von Hanneke Schönhals, Gutswein und maischevergorener Orange. weingut-schoenhals.de

Johanniter
Riesling, Grauburgunder und Gutedel stecken in den Genen dieser weißen Piwi-Sorte. Gute Balance zwischen harmonischer Kraft und pikanter Säure, weshalb Johanniter sich neben dem Ausbau als Stillwein auch als Grundwein für Sekte bestens bewährt hat.
z.B. bei weingut-zaehringer.de

Cabernet Cortis
Rote Neuzüchtung mit dem Cassis-Charakter von Cabernet Sauvignon. Würze und Kraft dieser Piwi sorgen auch für Rosé-Weine mit Zug. Andreas Dilger, Stadtwinzer in Freiburg, keltert eine schöne Variante: weingut-andreas-dilger.de

Pinotin
Spätburgunder ist der Pate für den Geschmack dieser roten Neuzüchtung von Valentin Blattner. Die Weine sind etwas dunkler und wärmer im Charakter. Mehrfach resistent gegen Pilze und Fäulnis, dazu frostsicher, gedeiht daher auch auf bestens dem Werderaner Galgenberg.
z.B. bei weinbau-lindicke.de

Muscaris
Diese Bukett-Rebsorte unter den Piwis verströmt die exotische Fruchtfülle des Muskatellers. Gekreuzt wurde sie am Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg. Das Weingut Hirschmugl in der Steiermark keltert daraus einen duftigen Wein mit zarten Gewürznoten: Bezug über weinmoral.berlin

Dieser Beitrag ist auf den kulinarischen Seiten "Mehr Genuss" im Tagesspiegel erschienen – jeden Sonnabend in der Zeitung. Hier geht es zum E-Paper-Abo. Weitere Genuss-Themen finden Sie online auf unserer Themenseite.

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