Schöne Schecke. Gelb-rote Lokalsorten wie diese „Holländische Große Prinzessinnenkirsche“, waren im 19. Jahrhundert in Europa auch aus praktischen Gründen beliebt: Ihr Saft hinterließ keine schwarzblauen Flecken auf Lippen, Fingern und schneeweißen Spitzenkleidern. Abbildung aus Poiteau / Turpin: Traité des arbres fruitiers, Bd. 2, 1835, Cerisier Nr. 10: »Gros Bigarreau rouge«,Taf. LV/DuMont promo
© Abbildung aus Poiteau / Turpin: Traité des arbres fruitiers, Bd. 2, 1835, Cerisier Nr. 10: »Gros Bigarreau rouge«,Taf. LV/DuMont promo

Das Comeback der alten Obstsorten Klasse statt Masse

Herbstprinz, Venusbrust, Blutbirne: Jahrzehntelang vom Markt verschwunden. Jetzt liegt der alte Landadel wieder im Trend. Ein neues Buch macht Appetit

Schon mal einen Herbstprinz in der Hand gehalten? Wer ihn schüttelt, ehe er ihn genüsslich anbeißt, hört die Kerne im Gehäuse klappern. „Schlotteräpfel“ wurde die vornehme Sippe deshalb genannt. Hundert Jahre lang war der Finkenwerder Herbstprinz alter Adel im Alten Land bei Hamburg. Weil er für die moderne maschinelle Bewirtschaftung niedrigstämmiger Kulturen nicht taugte, entmachtete ihn der Handel, vernachlässigte seine Kultur. Er tauchte ab, bis ihm ein norddeutscher Apfelfachmann, der Hunderte alter Obstbäume in seinem Garten bewahrt und vermehrt hatte, zur Renaissance verhalf. 1998 nahm der Verein Slow Food Hamburg den Herbstprinz in seine „Arche des Geschmacks“ auf, einen der aromatischsten, süß-säuerlichen Winteräpfel, einen jener alten, robusten Helden – wie auch der Rote Bellefleur, der Klarapfel, die Goldparmäne, die Ananasrenette – die ihre Halbgeschwister in den Supermarktregalen ziemlich blass aussehen lassen.

Der Frühaufsteher. Der Klarapfel ist schon im Hochsommer, also Mitte Juli, reif - eher als jede andere Sorte. Und er besitzt weißes, zart-süßsaures Fleisch. Abbildung: Staatsbibliothek zu Berlin / Preußischer Kulturbesitz Vergrößern
Der Frühaufsteher. Der Klarapfel ist schon im Hochsommer, also Mitte Juli, reif - eher als jede andere Sorte. Und er besitzt weißes, zart-süßsaures Fleisch. © Abbildung: Staatsbibliothek zu Berlin / Preußischer Kulturbesitz

Jetzt kehren die Raritäten zurück, gelten alte Obstsorten wieder als kulinarische Spezialität, aromenreich, nicht chemiebelastet und wegen ihres Gehaltes an Polyphenolen, also sekundären Pflanzenstoffen, ein Fund selbst für Allergiker. Im extensiven Anbau gedeihen sie auf Streuobstwiesen, jede einzelne Pflanzung eine Arche Noah für viele Baumsorten, die das Zeug haben, dem Klimawandel zu trotzen, Genreserve für die Zukunft, kulinarische Schatzkammer dazu.

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Hab Obstbäume im Garten

„Noch vor 100 Jahren konnte jeder Kleingärtner 50 bis 60 Apfelsorten auseinanderhalten, heute vielleicht noch fünf oder sechs.“ Sofia Blind, 56, weiß viel über den Niedergang der alten Gattungen. Nicht nur, weil sie rund um ihr Zuhause im pfälzischen Lahntal 10 000 Quadratmeter historischen Garten besitzt, von dem ein Großteil Obstbaumwiese mit mehr als zwei Dutzend tragenden Gehölzen ist. Sie zählt auf: „Acht bis neun Apfel-, drei Birnbäume, sechs Pflaumen, darunter Mirabellen, Reineclauden, Zwetschgen. Und vier bis fünf Kirschen – auch gelbe, weil die Vögel am liebsten die roten fressen ...“ Sie kultiviert Feigen, Maulbeeren, Khaki, Nüsse, Apfel- und Birnenquitten, letztere schon deshalb, weil sie das ganze Jahr schön anzusehen sind.

Sofia Blind, Literaturübersetzerin und Gärtnerin in fünfter Generation, besitzt um die 30 Obstbäume im eigenen Garten im pfälzischen Lahntal. Für ihr aktuelles Buch hat sie ein Jahr in alten Quellen recherchiert. Foto: privat Vergrößern
Sofia Blind, Literaturübersetzerin und Gärtnerin in fünfter Generation, besitzt um die 30 Obstbäume im eigenen Garten im pfälzischen Lahntal. Für ihr aktuelles Buch hat sie ein Jahr in alten Quellen recherchiert. © privat

Sofia Blind ist von Beruf Literaturübersetzerin, aber eben auch Gärtnerin, und dies in fünfter Generation. Nutzgärtnerin. „Blumen habe ich wenig“, sagt sie, pflanzt allenfalls ein Wäldchen mit 20 Magnolien. Oder einen Rosengarten, dessen Blüten und Hagebutten sie vor Hecken in Szene setzt. „Obstbäume machen wenig Arbeit, sie sind leicht zu pflegen. „Übers Jahr“, sagt sie und meint sich und ihren Mann, einen Landschaftsmaler, „verbringen wir pro Nase vielleicht eine Stunde pro Tag mit Gartenarbeit. “

Lust auf Traditionsgerichte mit wohlschmeckendem Obst? Sofia Blind hat einige in ihrem hier erwähnten Buch "Die Alten Obstsorten" aufgelistet: Schweizer Apfelwähe, Clafoutis mit Kirschen, spanisches Quittenkonfekt... Einige dieser Rezepte haben wir für Sie hier zusammengestellt.


Obstbäume mit schmackhaften historischen lokalen Sorten im Garten zu pflanzen, empfiehlt sie jedem Laien. Der Ertrag schmecke um ein Vielfaches besser als die EU genormte Massenplantagen-Importware. Eigenes Obst eigne sich auch für längere Lagerung. Oder man schafft, was nicht gleich gegessen, eingekocht, verbacken werden kann, in eine Mosterei und bringt Saft von der eigenen Wiese mit nach Hause. Wer nicht selber pflanzen will, solle ausschließlich Obst von Hochstamm-Wiesen kaufen – auf dem Markt, beim Obstbauern, beim Bioladen. Wieso? Ganz einfach: „Streuobstwiesen sind das artenreichste Landschaftsbiotop Deutschlands.“ Wichtig für einheimische Vogelarten, Insekten, Mäuse, Rehwild, ein Hort für seltene Wiesenblumen. Dort, aber auch im heimischen Garten, können jene Exemplare alter Sorten gedeihen, die selbst die kleine Eiszeit in Europa zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert überlebt haben.

Früchte und Geschichte

Dieses Credo und dazu eine Fülle unterhaltsamer und lehrreicher Geschichten rund um zig alte Obstsorten kann man von ihr schriftlich bekommen, Hausmacher-Rezepte für Apple-Crumble, Träubleskuchen, oder Kirschsuppe mit Klüten inklusive. Ein Jahr lang hat sie sich mit alten Obstsorten für ihr 160 Seiten dickes Buch beschäftigt, das jetzt im DuMont-Verlag erschienen ist. Ein Best-Of einer, wie sie zugibt, beinahe uferlosen Materie. 1424 verschiedene alte, also mehr als 100 Jahre bekannte Sorten Äpfel – heißt: gezüchtete Varianten der botanischen Art – 1016 Birnen, 324 Kirschen, 251 Pflaumen und 194 Pfirsiche umfasst allein die Liste der Obstsortendatenbank des Bundes für Umwelt und Naturschutz aus historischen Quellen.

Die aus Persien importierte Schwarze Maulbeere – eine Scheinfrucht wie die Erdbeere – galt schon im 18. Jahrhundert als Delikatesse: blutrot und süßer als jede Brombeere. Aber Achtung: Ihr Saft verfärbt alles! Abbildung Poiteau/Turpin: Traité des arbres fruitiers,Bd. 3, 1835, Mûrier Nr. 1: »Mûrier noir« Taf. LIX / DuMont promo Vergrößern
Die aus Persien importierte Schwarze Maulbeere – eine Scheinfrucht wie die Erdbeere – galt schon im 18. Jahrhundert als Delikatesse: blutrot und süßer als jede Brombeere. Aber Achtung: Ihr Saft verfärbt alles! © Abbildung Poiteau/Turpin: Traité des arbres fruitiers,Bd. 3, 1835, Mûrier Nr. 1: »Mûrier noir« Taf. LIX / DuMont promo

Alle, erzählt Sofia Blind im Buch, seien Exemplare mit Migrationshintergrund, kamen als Wegzehrung oder pflanzfähige Reiser entlang der Seidenstraße nach Europa. Homer beschrieb um 800 vor Christus bestimmte Apfel-, Trauben- und Feigensorten, die Römer brachten eine beliebte Süßkirsche von Feldzügen mit nach Italien, kultivierten spezielle Quitten, Pfirsiche, Pflaumen, Äpfel, Birnen, Feigen, Mispeln, Speierlinge, Nüsse, Kastanien, Maulbeeren, und Trauben. Im Mittelalter wusste man um das Veredeln der Obstbäume in Adels- und Klostergärten, genannt „Pelzen“, abgeleitet vom lateinischen Wort für pfropfen. In Versailles bauten die Gärtner Bäume hinter Spaliermauern so gestaffelt an, dass der Sonnenkönig Ludwig XIV. das ganze Jahr über frisches Obst zu naschen hatte, selbst Erdbeeren und Feigen. Dort, wie auch in den Schlossgärten von Sanssouci, galten Birnen als das vornehmste Obst. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg immerhin brachte den Obstbau unters gemeine Volk, als er 1685 anordnete, alle Bauern sollten mindestens vier Obstbäume pro Jahr pflanzen.
Der Sortenreichtum der Geschichte, er ist zum größten Teil verschwunden.

Liebling Venusbrust

Sofia Blind beschreibt diesen Weg, die Ära der Obst-Superlative im 19. Jahrhundert wie auch das Sortensterben im 20. Jahrhundert. Den Fokus aber – und das macht diesen Band zur Augenweide nicht nur für Kleingärtner – legt sie auf die Früchte selbst. Ihre Geschichte(n) und ihren Nutzwert hat sie aufgeschrieben, ihre geschmacklichen Vorteile und ihre Schwächen, nostalgisch illustriert mit Zeichnungen aus dem Besitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Delikat. „Venusbrust“ nannten die Pariser im 17. Jahrhundert jenen anatomisch korrekt geformten Pfirsich – eine saftige Angelegenheit. Abbildung Poiteau/Turpin, Traité des arbres fruitiers; Bd. 1, 1835, Pêcher Nr. 22: »Téton de vénus«, Taf. XXXIV / DuMont promo Vergrößern
Delikat. „Venusbrust“ nannten die Pariser im 17. Jahrhundert jenen anatomisch korrekt geformten Pfirsich – eine saftige Angelegenheit. © Abbildung Poiteau/Turpin, Traité des arbres fruitiers; Bd. 1, 1835, Pêcher Nr. 22: »Téton de vénus«, Taf. XXXIV / DuMont promo

Wer nur ahnt, wie saftig eine „Venusbrust“ schmecken könnte, aber auch neugierig ist, wie dieser Pfirsich, im 17. Jahrhundert Liebling auf Pariser Märkten, zu seinem pikanten Namen kam, dem macht sie den Mund wässrig. Wer hinter der Bezeichnung der im Fruchtfleisch rot marmorierten „Blutbirne“ eine Geschichte des Grauens vermutet, wird eines Besseren belehrt. Wer sich wundert, dass die haarige, knallgrüne Stachelbeere „Early Green Hairy“ unreif aussieht, aber doch zuckersüß schmeckt, lernt dazu – und wird vielleicht angestachelt, auf die Suche nach weiteren, erneut kultivierten Raritäten zu gehen. Denn es gibt sie alle wieder.

Quer durch die Anlage

Sie zu finden, ist im Berliner Umland nicht schwer. Es gibt ein Biotop, auf dem sich Verbraucher sozusagen durch eine ganze Anlage alter Obstsorten kosten und ihre Lieblinge für den heimischen Garten aussuchen können: die Obstbau-Versuchsstation Müncheberg, östlich von Berlin im Landkreis Märkisch-Oderland gelegen, hervorgegangen aus der 1928 gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften. Zu den Kernaufgaben gehört es herauszufinden, welche Obstbaumsorten dem Klimawandel – Trockenperioden, Winden, Kälteeinbrüchen, großer Hitze – standhalten und warum, außerdem das Erbgut zu bewahren und fit zu machen für die Zukunft. Die Ergebnisse münden in alternative Anbauverfahren und klimaresistente Züchtungen, robuste Stein- und Kernobstbäume. Gewächse, die ohne Dünger und Pestizide gedeihen. Alte Sorten also. Je älter, desto besser.

Pflanzen, pflücken, bewahren. Hilmar Schwärzel (Mitte mit Hut), Leiter der Obstbauversuchsstation im brandenburgischen Müncheberg und Herr über mehr als 8000 Obstbäume mit alten Sorten, bietet auch regelmäßig Seminare auf der Anlage. Gäste können sich durch den bestand futtern, sich ihre Lieblingssorte auswählen und sie im eigenen Garten ansiedeln. Foto: dpa / Patrick Pleul Vergrößern
Pflanzen, pflücken, bewahren. Hilmar Schwärzel (Mitte mit Hut), Leiter der Obstbauversuchsstation im brandenburgischen Müncheberg und Herr über mehr als 8000 Obstbäume mit alten Sorten, bietet auch regelmäßig Seminare auf der Anlage. Gäste können sich durch den bestand futtern, sich ihre Lieblingssorte auswählen und sie im eigenen Garten ansiedeln. © dpa / Patrick Pleul

Schon einige Jahrzehnte machten den Unterschied, erklärt Fachmann Hilmar Schwärzel, Leiter der Einrichtung und Herr über mehr als 8000 Obstbäume. „Wir haben Apfel- und Birnbäume auf dem Gelände, gepflanzt von 1775 bis 1830, mit um die drei Meter Stammumfang. Da hinterfragen wir: Warum haben die überlebt?“ Er nennt ein Beispiel: die Grüne Herbstbutterbirne, in Müncheberg um 1830 gesetzt, um 1920 nachgepflanzt. Die Nachzüchtung machte eher schlapp. „Gegenwärtige Sorten unterliegen einem viel schnelleren Alterungsprozess, heutzutage vergreisen schon 50 bis 60 Jahre alte Bäume schneller.“ Heißt im Umkehrschluss: „Die alten Sorten kommen mit veränderten Temperaturen und Feuchtigkeitsbedingungen besser zurecht.“

Es geht ums Überleben

Wer mit Schwärzel spricht, merkt, ihm geht es weniger um die Frucht, es geht um das Gehölz als dauerhaftem Nahrungsspender. Für den Handel sind Hochstämme alter Sorten meist uninteressant: schlecht maschinell zu beernten, das Obst nicht ebenmäßig genug, nicht handlich, nicht druckfest, nicht auf Abruf reif. „Heute wird auf Massenertrag gezüchtet“, sagt Schwärzel. „Wir verbrauchen unsere Ressourcen zu frühzeitig.“
Entscheidend für das Wachstum der Bäume im großflächigen Anbau ist das Wasser. Jedes Gebiet, das unter 35 Bodenpunkten auf einer Skala von null bis 100 angelegten Skala liege, sei ungeeignet für Obstbäume – außer, sie stehen auf Grundwasser beeinflusstem Boden. Brandenburger Obstbaumwiesen ächzen unter der Trockenheit. Dort liege der Durchschnittswert bei 18 bis 25 Bodenpunkten. Schwärzel: „Heute taugen nur noch 20 Prozent der Flächen für den extensiven Anbau.“

Angebote für Selbstpflücker gibt es zuhauf. Im Internet findet man sie zum Beispiel auf der Website von mundraub.org Foto: dpa / Mohssen Assanimoghaddam Vergrößern
Angebote für Selbstpflücker gibt es zuhauf. Im Internet findet man sie zum Beispiel auf der Website von mundraub.org © dpa / Mohssen Assanimoghaddam

Die Versuchsstation hält mit ausgesucht widerstandsfähigen Züchtungen dagegen – und mit schmackhaften Sorten. Denn Pflanzen solcher Sämlinge trügen das Erbgut der alten Sorten in sich, es besteht Harmonie zwischen Wurzel und Pflanze. Die Bäume leben und tragen lange und sind wenig krankheitsanfällig. „Wir sind ein Multiplikator, geben Sämlinge ab – sozusagen von der besten Mutter die Tocher“, sagt Hilmar Schwärzel. Das Ergebnis des Mendelns beschreibt er so: „20 Prozent sind Schrott, 70 Prozent liegen auf dem Niveau der Mutter, fünf Prozent übertreffen die Mutterpflanze.“
Ist das die Zukunft des Obstanbaus? Es hat sich gezeigt, dass „Resistenzzüchtungen“ gegen Winterkälte sogar trockene Sommer weit besser überleben. Gartenbesitzern rät Schwärzel deshalb: „Finger weg von Supereliten. Nicht irgendwas vom Gartencenter kaufen. Ein alter Baum ernährt einen auch die nächsten 20 Jahre.“

Öfter mal ne Landpartie

Der Müncheberger Chef setzt aber auch auf die Hobbygärtner. „Der Liebhaber-Gartenbau ist die Bank, die 99 Prozent der gesamten Biodiversität erhalten kann“, sagt er. „Pflanzen, pflegen, erhalten.“ Damit das Herantasten leichter fällt, schlägt er Verbrauchern vor, öfter mal eine Landpartie zu machen, Obst ab Hof einzukaufen, einen Stopp einzulegen, wenn Hobbygärtner vor ihren Häusern eigene Ernte anbieten, am Straßenrand auch selber zu pflücken – gerade in Coronazeiten eine gute Idee. „Dieses Obst hat ja nie eine menschliche Hand berührt.“ Wer eine liebgewonnene Sorte dauerhaft im Garten haben will, fährt nach Müncheberg und hat allein 1000 Sorten Kernobst zur Auswahl. Schwärzel: „Hier findet jeder seine.“

Mein Freund, der Baum. Wer für seine Lieblingssorte keinen eigenen Garten hat, kann eine Obstbaumpatenschaft übernehmen. Die bietet zum Beispiel die Initiative Langerwischer Obstgarten in Michendorf. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Mein Freund, der Baum. Wer für seine Lieblingssorte keinen eigenen Garten hat, kann eine Obstbaumpatenschaft übernehmen. Die bietet zum Beispiel die Initiative Langerwischer Obstgarten in Michendorf. © Kitty Kleist-Heinrich

Die Station ist längst mehr als ein Geheimtipp. Täglich steuern sie 30 bis 40 Autos an. „Die Leute bekommen einen Erntekorb, fressen sich durch die Anlage und pflücken, was schmeckt“, erzählt Schwärzel, meist einen Vorrat für mehrere Monate. „Sie notieren den Standort, den Baum, von dem Sie gut gegessen haben, meinetwegen Reihe fünf, Baum 35. Dann schreiben Sie uns im Winter, den will ich haben. Im Veredlungsseminar Ende Februar halten wir dann Reiser vor und geben ein Bäumchen zu dem Material ab.“ Oft bringen Besucher auch eigene Reiser mit und lassen sich die Winterhartveredelung zeigen. Schwärzel kennt Sorten, die über Familien weitervermittelt wurden, der Rote Pförtner oder der Apfel aus Lunow etwa. Oder der Echte Grünheider. Regionale Baumschulen helfen bei der Kultivierung.

Weltkulturerbe Streuobstwiese

Sofia Blind nennt in ihrem Buch zahlreiche Initiativen, die sich für die Erhaltung alter Obstsorten einsetzen, etwa den 1991 wiedergegründete deutsche Pomologenverein, der auch in Brandenburg eine Landesgruppe hat, Vereine wie Arche Noah oder Fructus und ProSpecieRara in der Schweiz. Sie empfiehlt Baumpatenschaften, Obstmuseen, Schaugärten, Obstlehrpfade, Baumschulen und Keltereien.
Es besteht Hoffnung. Die „Initiative Hochstamm Deutschland“, schreibt sie, habe den Antrag gestellt, den Streuobstbau als immaterielles Unesco-Weltkulturerbe anzuerkennen. Dann säße auch der Herbstprinz wieder ganz sicher auf dem Thron.

"Die alten Obstsorten - Von Ananasrenette bis Zitronenbirne. Geschichten, Rezepte und Anbautipps", Sofia Blind, 2020 DuMont-Verlag, 160 Seiten, 25 Euro Foto: DuMont / promo Vergrößern
"Die alten Obstsorten - Von Ananasrenette bis Zitronenbirne. Geschichten, Rezepte und Anbautipps", Sofia Blind, 2020 DuMont-Verlag, 160 Seiten, 25 Euro © DuMont / promo

Tipps und Adressen

LVGA Obstbau-Versuchsstation Müncheberg, Eberswalder Str. 84, 15374 Müncheberg, Brandenburg; Pomologenverein LG Brandenburg, Landessprecher Hans-Georg Kosel, Tel. 03301/538489; Straßenobst pflücken: mundraub.org; Baumpatenschaften: z.B. Langerwischer Obstgarten e.V., Feuerbachstr.9, Michendorf/OT Langerwisch, langerwischer-obstgarten.de

Typische Sorten für unsere Gegend

Klarapfel. Auf diesen Einwanderer aus Lettland und typischen deutschen Sommerapfel passen nur Superlative. Keiner ist so früh erntereif – schon Mitte Juli, und genau dann, wenn seine Farbe von weißlich zu gelbgrün wechselt, schmeckt er am besten. Keiner bleibt beim Kochen und Backen so appetitlich weiß. Kaum einer trägt am Baum so üppige Blüten, die sich noch vor den Blättern öffnen. Keiner riecht so betörend und könnte ganze Räume parfümieren. Er hat nur ein Manko: Gepflückt hält der Klarapfel nur zirka zwei Wochen.

Römische Schmalzbirne. Das Rätsel haben Pomologen vor einiger Zeit gelöst: Der von Fontane bedichtete Birnbaum des Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland war eine „Römische Schmalzbirne“, bekannt schon im Barock, ein widerstandsfähige Sorte, die selbst die kleine Eiszeit in Europa überstand. Melanchthonbirne hatte sie der sächsische Pfarrer Andreas Göcht zu Ehren des Philosophen Philipp Melanchthon benannt. Dem schmeckte sie nämlich beim Besuch im Pegauer Pfarreigarten bei Leipzig so gut, dass er Göchts Söhnen eine Ausbildung an der Fürstenschule in Grimma spendierte. Die Birne, rotbackig, süßweinig, erntereif Ende August und heute eher selten, war also schon einmal Gold wert.

Gubener Spilling. Früher vermehrte jeder Bauernhof seine Landpflaumen selbst; sie wurden dann typisch für die jeweilige Gegend. Ein Beispiel sind Spillinge, auch Hundspflaume genannt. Gelb, blau oder gelb-rot sind sie, klein, länglich, fest, reif von Juli bis August, leicht steinlösend, duftend und besonders aromatisch. Der Spilling aus Guben ist Kult im Spreewald und in der Lausitz. Ihn aßen schon die Römer – Steine wurden bei Ausgrabungen gefunden – und er wird noch heute kultiviert. Tolle Marmelade daraus verkauft übrigens Rixmanns Hof mitten in Linum.

Portugiesische Birnenquitte. Im Oktober und November haben sie wieder ihren großen Auftritt: Quitten, in der Antike „Goldapfel“ genannt. Reinbeißen sollte man nicht, so dekorativ sie auch aussehen, so wundervoll sie auch duften. Quitte ist nur gekocht und gezuckert oder in Butter gedünstet genießbar. Die schönste und größte soll eine Portugiesin sein. Und ihr Baum steht dem in nichts nach, trägt im Frühling riesige roséfarbene Blüten und im Sommer große, dunkelgrüne Blätter. Eine Augenweide, ein Gaumenschmaus.

Schwarze Maulbeere. Sie ist etwas Besonderes. Ovid ließ in seinen „Metamorphosen“ Pyramus und Thisbe unter einem Maulbeerbaum den Liebestod sterben. Die aus Persien importierte Art – keine Beere, sondern eine Scheinfrucht wie die Erdbeere – galt schon im 18. Jahrhundert als Delikatesse: blutrot und süßer als jede Brombeere. Aber Achtung: Ihr Saft verfärbt alles! Ihre weiße Art dagegen wurde überall dort gepflanzt, wo Seidenraupenzucht betrieben wurde. Wer solche Jahrhunderte alten Riesenbäume sehen will: Jenseits des Gartens der Chamisso-Gedenkstätte Kunersdorfer Musenhof (Bliesdorf im Oderbruch) steht eine ganze Allee von ihnen.

Roter Bellefleur. Der Hübsche entfaltet seine rosa-weiße Blütenpracht erst, wenn andere Apfelbäume schon verblüht sind. Dass er ein Spätaufsteher ist, sagen schon seine Volksnamen „Pfingstapfel“ oder „Siebenschläfer“. Ein Baum, dem selbst zugige Lagen nichts ausmachen. Auch mit den Früchten ist er spät dran, sie sind, gelb mit karmesinroten Streifen, erst im Oktober pflückreif, dafür aber bis in den Mai zu lagern und schmecken dann immer noch saftig, himbeerartig süß-säuerlich.

Werdersche Glaskirsche. Ihr Name kommt vom glasig-hellen Fruchtfleisch. Sie färbt auch beim Kleckern nicht und ist als Sauerkirsche doch vergleichsweise süß. Ihre mittelgroßen, kugelrunden, knallroten Früchte sind ideal zum Einmachen oder für Obstwein, wie er auf der Insel Werder, etwa beim Obsthof Lindicke ausgeschenkt wird und im Hofladen zu kosten und zu kaufen ist.

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