Gleitschirmflieger kennen keine Altersgrenze

 Das Klettern, sagt Michel Götz, 64, habe ihm „wieder festen Boden unter den Füßen gegeben“. Kitty Kleist-Heinrich
Extremsport im Alter Rentner am Limit

Spielt er gern mit seinem Leben? In seinem Alter? So sieht er das nicht. Im Klettern sucht er das Neue, und er versucht, seine Grenzen zu verschieben. Längst leben viele so wie er. Die Alten lassen sich durch ihr Alter von nichts mehr abhalten. Das zeigt sich gerade in den Risikosportarten. Schon vor zehn Jahren berichtete das Internetmagazin „55plus“, die Risikobereitschaft älterer Menschen steige „mit zunehmender Bildung“. Auch wenn der Zusammenhang nicht erklärt wurde: Für die damals 60- bis 70-Jährigen gelte, dass „nur 57 Prozent“ der Befragten mit Abitur Risikosportarten ablehnten. In den Bergen verunglückten einer Schweizer Statistik zufolge von 2000 bis 2014 beim Bergsteigen 41 Menschen, die die 60 überschritten haben, vier von ihnen siebzig und älter. Traurige Einzelfälle, gewiss, aber auch Ausdruck einer eher jugendlich wirkenden Bereitschaft, sich in Gefahr zu begeben. Gleitschirm- oder Drachenflieger kennen keine Altersgrenze. Im Juni 2015 stürzte in der Pfalz ein 75 Jahre alter Drachenflieger tödlich, im November ein 68-Jähriger in Bayern.

Soziologen haben den Trend noch nicht bemerkt. Die Soziologen dieser Entwicklung sind die Sportmediziner - und zugleich ihr Reparaturbetrieb. Der Eingangsbereich des „Sporthopaedicum“ an der Bismarckstraße in Berlin-Charlottenburg wirkt weniger wie eine sportärztliche Praxis als wie eine Ruhmeshalle des Leistungssports. Wer in der eleganten Sitzlandschaft wartet, sieht sich umgeben von Triathleten auf Fotos in Plakatgröße. 15 Fußballer-Trikots hinter Plexiglas, Aufnahmen von Wasserballern, eingerahmt das T-Shirt des Kraftsportlers Wilfried Pleske, der noch im Seniorenalter an Wettbewerben im Bankdrücken teilnimmt und 2015 bei den Deutschen Meisterschaften mit 137,5 Kilo auf der Hantel Platz eins gewann - ausgestattet mit einem künstlichen Schultergelenk aus dem Sporthopaedicum.

Es ist die Antwort auf ein medizinisches Bedürfnis. Oder eher: Es gibt verschiedene mögliche Antworten, etwa in Gestalt der Doktoren Frank Schneider und Michael Wagner. Schneider, ein großer, schlanker Mann mit grauen Schläfen ist, laienhaft gesagt, der Mann für den Ersatz ruinierter Gelenke, von den Schultern bis zu den Knien. Wagner, ein bisschen jünger als sein Kollege, mit rasierter Glatze, hat sich auf die Wiederherstellung von Knie- und Sprunggelenken spezialisiert. Um zu beschreiben, wie sich die Zeiten geändert haben, erzählt er von einer 65 Jahre alten Tischtennisspielerin. Die Frau sei mit einem Riss des vorderen Kreuzbandes in die Praxis gekommen. Sie habe, so Wagner, nicht mehr Tischtennis spielen können und „damit einen großen Verlust erlebt“. Früher habe man unter Ärzten gesagt: „Kein Kreuzband über 40.“ Heute wird so einer älteren Sportlerin mit einer Operation geholfen. „Die Patientin war rasend schnell wieder topfit“, sagt Wagner. „Im Endeffekt geht es bei uns um Lebensqualität.“

Viele Alte wirken heute jünger, vor allem fühlen sie sich so. Und formulieren Ansprüche. „Wir sehen, dass auch die älteren Patienten heutzutage eine verletzungsbedingte Einschränkung ihrer Lebensqualität nicht mehr so einfach hinnehmen wollen im Vergleich zu vor vielleicht 20 Jahren“, sagt der Chirurg Wagner. „Die Leute möchten ihre sportliche Aktivität nicht aufgeben und fordern für sich die gleichen Lösungsstrategien wie wir sie auch bei jüngeren Patienten anbieten können.“

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