Dauerausstellung in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Foto: GHWK Berlin, Thomas Bruns
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Erinnerung an die Wannsee-Konferenz Buchhalter des Bösen

Jonas Krumbein

Im Januar vor 80 Jahren trafen Nationalsozialisten und Ministerialbürokraten am Wannsee zu einer Konferenz zusammen. Ihr Auftrag: die Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Europa.

Das perfideste Dokument der Wannsee-Konferenz“, sagt Geschichtsdidaktiker Martin Lücke von der Freien Universität Berlin, „ist ihr Protokoll“. Der Plan zur Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Europa ging nach der Konferenz am 20. Januar 1942 mit bürokratischer Genauigkeit in den deutschen Behördenumlauf: „Man sieht sehr genau, durch welche Hände das Protokoll gegangen ist, wer es mitgezeichnet hat“, sagt Lücke.

Für Geschichtsdidaktiker wie ihn ist es eine Herausforderung, zur Wannsee-Konferenz zu lehren. Das Problem: Bürokratie wirkt auf den ersten Blick bieder. Der Holocaust aber ist ein Menschheitsverbrechen. Lehrerinnen und Lehrern empfiehlt Lücke deshalb, mit Schulklassen nicht nur das Haus der Wannsee-Konferenz, 1940 bis 1945 Gästehaus der nationalsozialistischen Organisation Schutzstaffel (SS), aufzusuchen, sondern auch einen Ort der Vernichtung. Einen Ort wie das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin.

Doch auch die neu konzipierte Dauerausstellung im Haus der Wannsee-Konferenz hält Didaktikprofessor Lücke für gelungen: „Sie zeigt das Haus als Ort der Konferenz, nimmt diese aber als Aufhänger und diskutiert daran größere Fragen der Judenvernichtung wie Mitwisserschaft und Denunziantentum.

Sie zeigt jüdisches Leben in Deutschland vor 1933 und nach 1945. Sie belegt den Antisemitismus anhand sorgfältig ausgewählter Quellen.“ Quellen wie Denunziationsschreiben, in denen Menschen ihre jüdischen Kollegen oder Nachbarinnen an die Behörden verrieten. Oder das Protokoll selbst, verfasst von SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, 1961 in Jerusalem wegen seiner Beteiligung am Holocaust zum Tode verurteilt.

Über Mitwisserschaft und Denunziantentum

Für jedes Land Europas enthält Eichmanns Protokoll eine Zahl zu ermordender Jüdinnen und Juden, selbst für Länder, die das „Dritte Reich“ noch gar nicht besetzt hatte, insgesamt elf Millionen Menschen. „Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen (...) wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird“, heißt es. „Der allfällig verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen.“

Von Studierenden hört Lücke immer wieder zwei Fragen zur Wannsee-Konferenz: Was wusste die Mehrheit der Bevölkerung von alldem? Und wie war die Bürokratisierung des Massenmords möglich? Deutsche Studierende seien zwar oftmals verwundert über die bürokratische Planung, könnten sich aber grundsätzlich vorstellen, dass das der Bevölkerung verborgen geblieben sei, sagt Martin Lücke. Mit israelischen Studierenden, die sich häufig nicht vorstellen können, dass nichts durchgedrungen sei, gebe es zuweilen heftige Diskussionen zur Mitwisserschaft.

Die Postkarte (circa 1921) mit dem Motiv der Villa fand sich im Nachlass des zweiten Hausbesitzers Friedrich Minoux. Foto: GHWK Berlin Vergrößern
Die Postkarte (circa 1921) mit dem Motiv der Villa fand sich im Nachlass des zweiten Hausbesitzers Friedrich Minoux. © GHWK Berlin

Der Wissenschaftler hält sich in solchen Diskussionen zurück, lässt die Thesen der Studierenden aufeinandertreffen und bittet anschließend um Begründungen. Für den Geschichtsdidaktiker zählen Quellen- und Literaturbelege, aber auch Alltagswissen. Und das besagt: „Es ist schwer vorstellbar, dass Millionen Juden verschwinden konnten und dass niemand das bemerkt hat.“

Was das Alltagswissen nahelegt, hat die Forschung bestätigt: „Die Bevölkerung hat das Verschwinden jüdischer Bürger bemerkt und bewusst weggeschaut“, sagt Lücke und zitiert ein bereits 2006 veröffentlichtes Buch des Holocaust-Experten Peter Longerich: „Davon haben wir nichts gewusst!“

Einrichtung als Erinnerungsortes war kompliziert

Wie Longerich hat auch der Faschismusforscher Arnd Bauerkämper von der Freien Universität Berlin zur Nachgeschichte des Nationalsozialismus geforscht, wie Historiker den Umgang mit den Verbrechen nach 1945 nennen. Bauerkämper hat dazu ein 520 Seiten starkes Buch vorgelegt: „Die Erinnerung an Nationalsozialismus, Faschismus und Krieg in Europa seit 1945“. Im Wintersemester 2021/2022 gibt er ein Seminar über Holocaust und Erinnerungskulturen in Europa seit 1945. Auch mit der Wannsee-Konferenz und dem Haus, in dem sie stattfand, hat sich Bauerkämper auseinandergesetzt.

Heute ist die Villa ein Erinnerungsort. Doch der Weg dorthin war kein leichter: Nach Kriegsende nutzte der Bezirk Neukölln das Haus bis 1988 als Schullandheim. „Eine Initiative des Historikers Joseph Wulf, der 1966 einen Verein zur Erforschung des Nationalsozialismus gegründet hatte, scheiterte in den 1960er Jahren“, erzählt Bauerkämper. Bezirkspolitiker hätten das Schullandheim erhalten wollen. Für den Historiker auch ein Vorwand, um Erinnerungen zu vermeiden. Denn die Auseinandersetzung mit der „Endlösung“, wie Zeitgenossen den Holocaust nannten, galt noch lange nach Kriegsende weithin als Angelegenheit der Juden.

Und im Senat regte sich Sorge, die Villa der Wannsee-Konferenz könnte zu einer Pilgerstätte für Nazis werden. „Erst in den späten 1980er Jahren gewann die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Berlin an Dynamik“, sagt Bauerkämper. Ende 1986 rief der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen eine Kommission ins Leben, die Pläne für eine Gedenkstätte ausarbeiten sollte. 1992 wurde sie eröffnet.

Für Geschichtsdidaktiker Lücke steht das Haus der Wannsee-Konferenz heute dafür, wie es den Nationalsozialisten gelang, den Staatsapparat für den Holocaust einzuspannen. Eine Erkenntnis, die zu vermitteln wichtig bleibt. Denn 80 Jahre nach der Wannsee-Konferenz schleichen sich mitunter falsche Vereinfachungen in die Erinnerung. „Wenn ich mit Studierenden über die Verfolgung der Juden spreche“, sagt Lücke, „höre ich mitunter: Es gab Juden, Deutsche und Nazis. Die Kenntnis über ein Ereignis wie die Wannsee-Konferenz kann solche Vorstellungen brechen. Da saßen Deutsche, die Nazis sind und sprachen über Juden, die Deutsche sind.“

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