"Der Klimawandel verändert die Verhältnisse im Innern Deutschland"

Erderwärmung und Politik „Lieber Klimawandel als Ökodiktatur“

Wenn es so weitergeht und sich die Erde weiter erhitzt – wird der Ruf nach staatlichen Eingriffen lauter werden? Und: Bedeutete das ein Problem für die liberalen Gesellschaften des Westens?
Ich würde sagen, das bedeutete einen Modernisierungsschub. Gesellschaften des westlichen Typs haben sich immer durch soziale Bewegungen modernisiert, durch die Frauenbewegung, die Bürgerrechtsbewegung, die Ökobewegung. Dieses Bewegungsmoment fehlt derzeit. Ich würde das aber gar nicht fatalistisch sehen, denn es gibt in meiner Wahrnehmung eine neu heranwachsende, politisch engagierte Generation. 2018 gab es, anders als in den Jahren zuvor, wieder sehr viele Demos – vom Hambacher Forst über #unteilbar in Berlin bis zu den Protesten gegen das Polizeiaufgabengesetz in Bayern –, und das Erstaunliche war, dass es einen unglaublich großen Anteil junger Leute dort gab.

Was passiert, wenn dieser jungen Generation der Geduldsfaden reißt? Halten Sie so etwas wie einen ökologisch motivierten Terrorismus für denkbar?
Unwahrscheinlich. Aber als Sozialpsychologe kann ich nur sagen: Grundstürzende Bewegungen werden niemals vorhergesehen. Vor 1968 hat man in Studien konstatiert, dass man es mit einer total unpolitischen Jugend zu tun hat, und wenige Monate später brach die Studentenrevolte los; niemand hat am 8. November 1989 den Mauerfall oder vor Dezember 2010 die Arabellion kommen sehen. Aber: Generationelle Ungerechtigkeit ist eine sehr starke Triebkraft für Veränderung – insofern: Vielleicht steuern wir da auf etwas Umstürzendes zu.

Wenn wir ein paar Jahre vorausschauen, alles geht weiter wie bisher …
Das wird nicht passieren. Betrachten wir das Phänomen noch mal anders. Dann sehen wir, dass sich unsere Lebensverhältnisse infolge des Klimawandels sehr wohl bereits radikal geändert haben. Und zwar in Form einer innergesellschaftlichen Stressreaktion. Die Migration, die unter anderem eine Folge des Klimawandels ist, hat die innen- und sicherheitspolitischen Parameter in diesem Land seit 2015 radikal verändert. Es gibt nationalistische Parteien, Rassismus, Populismus. Das ist aus meiner Sicht die wesentliche Folge dessen, worüber wie hier reden: Erhöht sich der äußere klima- und umweltbedingte Druck, werden die Verhältnisse im Innern, die Wertigkeit von Freiheit, Toleranz und Menschenrechten, verändert, werden unsere zivilisatorischen Standards infrage gestellt. Das ist das eigentliche Problem: Dem Klima ist egal, ob es sich verändert – aber das gesellschaftliche Klima wird massiv tangiert und unsere Freiheitsstandards gesenkt.

Sie sprechen von autofreien Städten, wollen SUVs verbieten und Flugreisen verteuern. Sind das nicht auch freiheitseinschränkende Maßnahmen?
Nein. Das sind klassische ordnungspolitische Fragen. Forderungen wie die nach einem Tempolimit, einer Limitierung von Fahrzeuggrößen und -gewicht, einer Deckelung von Maximalverbräuchen sind doch nichts Neues. Denken Sie ans Rauchverbot. Das war lange unvorstellbar – und hat sich in ganz Europa durchgesetzt. In modernen Gesellschaften wird Verantwortung eben auch dadurch wahrgenommen, dass man dafür sorgt, dass Lebensmöglichkeiten von Menschen nicht eingeschränkt werden durch die Freiheitsbedürfnisse anderer. Das gilt auch für die Klimapolitik und das Auto.

Wenn die Ökopolitik versagt – droht dann die Ökodiktatur?
Wer entscheidet darüber, was gut und was schlecht, was richtig, was falsch ist? In der Diktatur der Diktator. Aber gerade das Langsame, das Widerstreitende, das Abwägende in unserer Demokratie hat in der Vergangenheit für gute Lösungen gesorgt. Deshalb sage ich nachdrücklichst: Bevor ich in einer Diktatur lebe, lebe ich lieber im Klimawandel.

Harald Welzer ist Sozialpsychologe und Direktor der „Stiftung Zukunftsfähigkeit – Futurzwei“ in Berlin. Der 60-Jährige lehrt an der Europa-Universität Flensburg und an der Universität Sankt Gallen mit den Forschungsschwerpunkten Transformationsdesign, Kulturwissenschaftliche Klimaforschung, Erinnerungs- und Gewaltforschung.

Am 27. Februar erscheint im S. Fischer-Verlag von Harald Welzer „Alles könnte anders sein – Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen“. Sein erstes Buch zum Klimawandel, wie Welzer sagt, in dem er nur positive Gedanken und Ideen zum Besten gibt.

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