Rührt euch. 1100 deutsche Soldaten sind noch nahe Masar-i-Scharif stationiert. Die Bundeswehr hat hier auch Demut gelernt. Foto: Michael Kappeler/dpa
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Einsatz ohne Ziel Wie die Bundeswehr in Afghanistan mit ihrem Auftrag hadert

Kämpfen darf sie nicht, nur ausbilden: Nach fast 20 Jahren fragt die Bundeswehr mehr denn je nach dem Sinn ihres Einsatzes. Auch beim Besuch von Peter Tauber.

Es sind zwei hässliche Worte, besonders in den Augen eines Militärs. Aber sie stehen unübersehbar auf dem Monitor im Bunker des Hauptquartiers im Lager von Masar-i-Scharif: „Strategisches Patt“. Der Einsatz der Bundeswehr geht ins neunzehnte Jahr. Und das ist also die vorläufige Bilanz: ein Unentschieden.

Auf der einen Seite die Taliban und Drogenhändler, auf der anderen Seite die afghanische Regierungsarmee, die Amerikaner, die Deutschen; die Lokalfürsten mal hier, mal da. Trotzdem wirken die Uniformierten nicht resigniert, die der kleinen Delegation aus Berlin ihren Bericht abliefern. Sie wirken nur nüchtern. „Das ist ein hartes Land mit harten Bedingungen“, sagt der Stabschef.

Draußen brennt zur Bestätigung die Sonne seit zwei Stunden vom wolkenlosen Himmel auf den Lagerkomplex von Camp Marmal herunter. Den Namen hat die umzäunte Containerstadt von dem kargen Marmal-Gebirge, das im Süden bis zu 2000 Meter hoch aufragt. Meist vernebelt ein Schleier aus dünnem Staub die Sicht – aufgewirbelter Löß, der fruchtbarste Boden der Welt. Hier halten sich nur dürre Diestelgewächse auf ihm. Afghanistan, wird später ein Feldjäger sagen, sein Afghanistan hat keinen Duft und keine Farbe.

Im Bunker, in dem sich die Lagerführung zu Lagevorträgen wie diesem trifft, ist es halbdunkel und kühl. Dicke Stein- und Betonpackungen schützen den Bau vor Raketenbeschuss. Der kommt in der Nordregion immer wieder mal vor, ohne dass das in Deutschland noch eine Meldung wert wäre. Dort ist Camp Marmal so gut wie vergessen: Afghanistan – da haben wir noch Soldaten? Fast trotzig beginnt der Lagevortrag für die Gäste mit dem Hinweis, dieser Einsatz sei anders, als man daheim oft glaube.

Peter Tauber nickt. Der frühere CDU-General ist seit zwei Jahren Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium. In seinem Dienstzimmer im Bendler-Block hängt eine Landkarte vom Truppenübungsgelände seiner alten Wehrdiensteinheit. Tauber mag die Bundeswehr.

Die Zuneigung ist wechselseitig. „Für den lohnt sich’s“, knurrt einer, dem die kleine Delegation viel Zusatzarbeit beschert. Tauber sei keiner von diesen Polittouristen, die bloß wichtigtuerische Selfies für den nächsten Wahlkampf sammeln wollen: Seht her, ICH mit Helm und Splitterschutzweste!

In der Abenddämmerung bläst der Trompeter "Ich hatt’ einen Kameraden"

Förmlicher Anlass der Reise sind die Mongolen. Die sorgen seit zehn Jahren am Haupttor dafür, dass nichts und niemand ungebeten ins Lager reinkommt. Zur Feier des Jubiläums ist extra auch der Vize-Verteidigungsminister aus Ulan Bator hier. Der deutsche Staatssekretär wird der Wache danken und die neue ferngesteuerte High-Tech-Personenkontrollanlage bewundern. Außerdem hat er sich für die zwei Tage in der vergangenen Woche aber ausdrücklich ein Totengedenken erbeten am Ort der Erinnerung. 58 deutsche Soldaten sind in den knapp zwei Jahrzehnten gestorben und drei Polizisten. In der Abenddämmerung bläst der Trompeter „Ich hatt’ einen Kameraden.“ Der Tod gehört mit zur Bilanz. Nur will das in Deutschland inzwischen auch nicht mehr jeder so genau wissen.

Peter Tauber ist im Camp Marmal sehr willkommen - das gilt nicht für alle Politiker. Foto: Robert Birnbaum Vergrößern
Peter Tauber ist im Camp Marmal sehr willkommen - das gilt nicht für alle Politiker. © Robert Birnbaum

Erinnern wir also noch einmal kurz an die Grundzüge dieses vergessenen Einsatzes. Dazu ein paar Jahreszahlen: 2001 - Anschlag auf das World Trade Center. 2002 bis 2014 – Einsatz unter dem militärisch robusten Isaf-Mandat. Mit der Räumung des Lagers Kundus 2013 endete für die Deutschen dieser Teil.

Seit 2015 heißt das Mandat „Resolute Support“, was eine glatte Übertreibung darstellt: Resolut ist es gerade nicht. Die etwa 1100 deutschen Soldaten im Camp Marmal bei Masar-i-Scharif sollen als Teil einer multinationalen Truppe von landesweit rund 16.000 Soldaten die afghanische Armee ausbilden. Selber gegen Taliban kämpfen sollen die Deutschen nicht. Das übernehmen die Amerikaner mit ihren Spezialkräften, Drohnen und Bombern. In der Nacht knattern Hubschrauberrotoren über Camp Marmal.

Die Taliban reiben die Regierungsarmee auf

Man kann sich durchaus fragen, was der schwierigere Auftrag ist. Die afghanische Armee, zählt der Chef der deutschen Ausbilder auf, muss rekrutieren, ausbilden, Infrastruktur und Logistik aufbauen und die Bezahlung garantieren. Gleichzeitig liegt sie unter ständigem Feuer einer unsichtbaren Guerilla-Armee, die inzwischen über hochmobile „Red Units“ verfügt: Kämpfer auf Motorrädern und Pick-ups, mit Scharfschützengewehren und Nachtsichtgeräten. Die Taliban, lautet der Lagebericht, „reiben die Regierungsarmee auf, Tag für Tag, Nacht für Nacht, Woche für Woche“.

Aufbauen, ausbilden, kämpfen – „das alles gleichzeitig zu leisten, wäre für niemanden leicht“, sagt der deutsche Ausbilder. Hier ist es richtig schwer. „Afghanische Mentalität“ steht auf der Liste der Problempunkte an erster Stelle. Dahinter steckt zum Beispiel die Geschichte vom Lagerverwalter, die Generalleutnant Andreas Marlow erzählt, als Stabschef in Kabul die Nummer drei unter dem amerikanischen Oberbefehlshaber, General Austin Scott Miller.

Die US-Armee hatte ein Depot im Süden des Landes gut bestückt. Deshalb wunderten sie sich in Kabul, als wenig später Einheiten aus der Gegend Nachschub anforderten. Der vor Ort entsandte Inspekteur traf auf einen stolzen Depotverwalter: Er hatte gut aufgepasst, nichts war weg – alles noch da!

Das bloße Überleben ist die Aufgabe für jeden neuen Tag

Oder die Sache mit der Zukunft. In diesem harten Land, in dem seit Jahrhunderten Stammesfürsten und Kriegsherren den Ton angeben, in dem Machtbereiche dauernd wechseln und Verlass nur auf die Hitze im Sommer und die Kälte im Winter ist – in diesem harten Land ist das bloße Überleben die Aufgabe für jeden neuen Tag. Warum Gedanken an den nächsten verschwenden?

Vorausschauende Planung, strategisches Denken sind unbekannt. Der Ausbilder hat seinen Schülern darum erst einmal beibringen müssen, dass es kein militärisch sinnvolles Vorgehen ist, bei einem Überfall auf den eigenen Konvoi die Hände zu heben, sich in der nächsten Moschee zu den Taliban zu bekennen und zehn Tage später wieder aufzutauchen, als wäre nichts gewesen. Sondern dass man abspringen und zum Gegenangriff übergehen muss.

Am besten übt man so etwas direkt draußen im Gelände. Doch das ist nun der Punkt, an dem die Politik ins Spiel kommt. „Draußen im Gelände“ entspricht nicht den Vorgaben aus Berlin. Die Auszubildenden unter realistischen Bedingungen zu drillen, entspricht auch nicht den Vorgaben aus Berlin, weder aus dem Ministerium noch dem Bundestag. In der Praxis laufen sie auf eine Vermeidungsstrategie hinaus, für die sie hier nur bitteren Spott haben: „Es darf auf keinen Fall weh tun, und immer die Rechte der Frauen mitdenken!“

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat sich von ihren Soldaten schon einiges anhören müssen. Foto: Thomas Peters/dpa Vergrößern
Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat sich von ihren Soldaten schon einiges anhören müssen. © Thomas Peters/dpa

Der offizielle Auftrag heißt „Beratung, Ausbildung und Unterstützung“. Die Realität – bestenfalls ein Notbehelf. Die etwa 120 deutschen Trainer fliegen stundenweise in afghanische Camps ein, unterrichten unter scharfem Personenschutz in abgesicherten Räumen. Man redet, malt Sachen auf, trinkt Tee, redet. Deutschen Schulabgängern kann man so vielleicht etwas beibringen. Afghanistan ist aber Mittelalter mit Smartphone.

Für das Verhalten im Konvoi gibt es neuerdings ein Lehrvideo. Es zeigt, wie man aus dem Fahrzeug springt, wo man Deckung sucht und wie ein Gegenangriff aussieht. In dem Film springen die Soldaten nach links raus. Seither springen alle, die das Video gesehen haben, auch nach links raus, selbst wenn es von dort schießt. Ein Ausbilder zuckt die Schultern. „Von mir aus springen sie die nächsten 35 Jahre links raus – Hauptsache, sie greifen an!“

Dabei wissen alle, dass es besser ginge. Der US-General Miller weiß es, der nicht nur die amerikanischen Kampftruppen befehligt, sondern zugleich Chef von „Resolute Support“ ist. Er will, dass die Ausbilder rausgehen aus den Lagern, in denen sie nur Theorie lehren können an den Ohren von Rekruten vorbei, die Theorie nicht verstehen: Bauernjungen, oft Analphabeten, einfache Leute, die den Sold brauchen. Wer an den häufig angegriffenen Checkpoints entlang der größeren Straßen Dienst tue, hat ein afghanischer General einmal einem Deutschen erläutert, der habe keine Beziehungen.

Sie möchten raus, ins Gelände

Auch jeder im Camp Marmal weiß, dass es besser ginge. „Drei Wochen mit den Afghanen draußen im Gelände wie 2011, das war das Einzige, was funktioniert hat“, sagt ein Ausbilder. Die Politik im fernen Berlin will das aber nicht. Tauber kriegt deshalb einiges zu hören hinter verschlossenen Türen. Seine Chefin Ursula von der Leyen hat sich das auch schon anhören müssen. Die Beschwerden kreisen oft um das Wort „Ziel“: Gebt uns doch bitte ein Ziel, auf das dieser Einsatz hinsteuern soll, eine realistische Vorgabe.

Und dann lasst uns die Umsetzung einfach machen, wie wir das gelernt haben! Ja, das Risiko stiege. Die Gefahr würde wieder größer, beim Training draußen in einen Hinterhalt zu geraten, auf Sprengfallen zu fahren oder einen Schuss in den Rücken zu kriegen von einem der gefürchteten Binnentäter: unauffällige Soldaten, die plötzlich auf die eigenen Leute feuern.

Aber, sagt ein Offizier, mit solchen Situationen umzugehen, sei doch sein Handwerk: „Aufgabe und Zweck des Soldaten ist es zu kämpfen.“ Alles andere können andere auch. Aber als der Mann neulich von einem Vorgesetzten gefragt wurde, wie sich denn die Kameraden aus einer der kleineren Partnernationen so machten, und er antwortete, na ja, geht so, aber kämpfen können die – da bekam er zu hören: „Das sollen sie gar nicht.“

"Letztlich wird in diesem Land immer noch ein Krieg geführt"

Es muss ein Gefühl gewesen sein wie wenn jemand dem Feuerwehrmann sagt: Nö, löschen – lass’ das mal. Dabei brennt es. „Letztlich wird in diesem Land immer noch ein Krieg geführt“, sagt der Offizier. Ohne den Kampfeinsatz der Amerikaner gäbe es kein Patt, sondern längst eine verheerende Niederlage. Die Taliban beherrschen die Fläche, die weiten wüsten Gegenden des Landes. Auf den Karten der Militärs sind nur die städtischen Regionen blau markiert – dort hält sich halbwegs die afghanische Armee.

Peter Tauber informiert sich über die Lage in Nord-Afghanistan. Foto: Robert Birnbaum Vergrößern
Peter Tauber informiert sich über die Lage in Nord-Afghanistan. © Robert Birnbaum

Man könnte also an dieser Stelle aufhören mit dieser Geschichte und überhaupt mit diesem Einsatz, so wie es andere ja schon getan haben: Die Kanadier sind raus, die Franzosen. Als Donald Trump mit dem Abzug zu spielen begann, kam auch in Deutschland sofort der Ruf auf, das Mandat zu beenden. Im März verlängerte es der Bundestag schulterzuckend doch um ein weiteres Jahr.

Im Camp Marmal verfolgten sie die heimischen Debatten mit Kopfschütteln. Wenn die Amerikaner gehen, müssen sie mitgehen. Aber sonst? Abzug – und dann? „Spätestens seit 2015 sollte es jeder begriffen haben“, sagt einer der Führenden in Anspielung auf das Flüchtlingsjahr. „Wenn wir nicht zur Krise kommen, kommt die Krise zu uns.“

Ein Zeitfenster. Das können sie offenhalten

In Afghanistan wächst gerade eine neue Elite heran, junge Menschen mit Schul- und Hochschulbildung. Es ist kein Zufall, dass auf den Grafiken, die Tauber und seine Delegation im Bunker des Hauptquartiers sehen, die symbolischen Fortschrittsbalken für die afghanische Armee bei den anspruchsvolleren Themen „Stabsarbeit“, „Luftwaffe“ und „Spezialkräfte“ Gelb und sogar Grün zeigen. Wenn über Masar-i-Scharif jemals wieder die schwarze Fahne der Taliban weht, machen sich diese Jungen als Erste auf den Weg.

Natürlich ist den Soldaten klar, dass sie das Problem nicht militärisch lösen können. „Das Militär bietet eine Option“, sagt einer. „Was wir können, ist, ein Zeitfenster offenhalten“, sagt ein anderer. Nur wenn das Feldlager in der Ebene vor dem Marmal-Gebirge den Augenschein dafür liefert, dass die Welt noch Notiz nimmt; nur wenn das US-Militär die Taliban jagt und ihnen damit klarmacht, dass sie nicht siegen können – nur dann führen die Verhandlungen mit ihnen vielleicht zu einem Friedensabkommen. Das würde sicher keinen richtigen Frieden bringen, sondern nur neue Probleme. Aber neue Probleme können hier schon Fortschritt bedeuten.

All die hehren Nebenziele sind weg

Die Bundeswehr hat am Hindukusch Demut gelernt in diesen zwei Jahrzehnten. Von Brunnenbohren und Mädchenschulen redet keiner mehr. Demokratie nach westlichem Vorbild, „Staatenbildung“, „Herzen und Köpfe gewinnen“ – so viele freundliche Irrtümer liegen unter dem braungrauen Staub begraben.

Geblieben ist ein Einsatz ohne Ziel. Aber so sonderbar das klingen mag: Er fühlt sich zum ersten Mal realistisch an. All die hehren Nebenziele sind weg, die wenig mit diesem Land zu tun hatten, dafür viel mit dem guten Gewissen der Deutschen. Was jetzt noch bleibt? Wer im Camp Marmal nachfragt, was sie denn als sinnvolles Ziel gerne von der Politik gesetzt sähen, bekommt von allen Gesprächspartnern ungefähr die gleiche Antwort: „Die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Erde muss ein Interesse an einem stabilen Afghanistan haben.“

Auf den Satz können sie aus dem Mund eines Berliner Politikers aber lange warten. Nicht nur, weil sich von „Wirtschaftsmacht“ dort keiner zu reden traut und von „Interesse“ erst recht nicht – das klingt immer so kalt! Nein, der Satz würde auch bedeuten, die letzte Realität Afghanistans anzuerkennen.

Fortschritt bemisst sich in diesem harten Land nicht nach Jahren und auch nicht nach deutschen Wahlperioden. Wie lange hat Europa gebraucht vom Kontinent der Kriege bis jetzt? „Das hier“, sagt ein Offizier, „ist eine epische Aufgabe.“ Er wirkt aber dabei gar nicht so, als ob ihn der Gedanke schrecken würde. Er wirkt einfach nur nüchtern.

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