Kino mit Geschmack. Seit 2007 ist die Sektion "Kulinarisches Kino" ein fester Bestandteil der Berliner Filmfestspiele. Foto: Jens Kalaene/dpa
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Berlinale: Kulinarisches Kino Filmreif aufgetischt

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Die Zukunft des Kulinarischen Kinos der Berlinale ist ungewiss. Die Veranstaltungsreihe hat das Bewusstsein für Essen und Ernährung geschärft.

Wie die Liebe geht auch die Politik durch den Magen. Denn auch essend kann man die Welt besser machen. Mit der Einführung des „Kulinarischen Kinos“ betrat Berlinale-Chef Dieter Kosslick 2007 absolutes Neuland und schuf so eine Sektion, die beim Publikum ein immer blitzschnell ausverkaufter Hit ist. Nach dem Genuss eines Filmes mit weltumspannenden Einsichten zum Thema Essen im Martin-Gropius-Bau gibt es im Spiegelzelt direkt daneben ein Gourmetmenü, zubereitet von wechselnden leuchtenden Sternen am Gastrohimmel. Dann wird diskutiert …

Das wird auch in diesem Jahr so sein unter dem Titel „A Taste for Balance“. Den Bogen für die Balance zwischen Politik und Geschmack schlägt Dieter Kosslick mit bewährtem Sinn für die aktuelle Weltlage: „Das ist nicht nur eine Empfehlung für eine ausgewogene Ernährung, sondern auch ein Rezept zur Wahrung der Demokratie.“

Gut essen, gut miteinander auskommen

Der erste Funke sprang über bei einem Symposium zum Thema Geschmack, das 2006 beim Berlinale-Nachwuchs-Festival stattfand. Geschmack, das war schon lange eine Herzensangelegenheit des bekennenden Vegetariers an der Spitze des Filmfestivals. Die Verköstigung des Galapublikums bei der Eröffnung hat er über die Jahre zu einem Aushängeschild für kreative und gesunde Ernährung gemacht hat, auch dank der Unterstützung der europäischen Vereinigung der „Jeunes Restaurateurs“. Gerade im Kulinarischen Kino ging es freilich nicht ohne Zumutungen ab. Schließlich sollte mit dieser Sektion das Bewusstsein dafür geschärft werden, was Essen für eine überragende Bedeutung für das Miteinander in Gesellschaften hat und wie viel Schindluder mit Nahrung getrieben wird. Das Kulinarische Kino gibt Filmen ein Forum, die sonst meist kaum eine Chance auf ein internationales Publikum gehabt hätten. Gleich im zweiten Jahr ging es mit „Kochen am Krisenherd“ richtig zur Sache. Da gibt es im Dschungel Schmetterlingslarven zum Frühstück, bei den Inuit Stücke von einem ein Jahr lang eingebuddelten Walross. Und bei einer alten Frau in Tschernobyl wird Suppe mit Gemüse aus ihrem Garten aufgetischt. Essen sei ein Weg, um Sex, Drama und Tod zu verstehen, sagte der britische Filmemacher Stefan Gates beim anschließenden Dinner. Essen verbindet eben alles, was großes Kino ausmacht.

Essen verbindet alles, was großes Kino ausmacht

Für Thomas Struck der diese Sektion von Anfang an geleitet hat, ist es ganz wichtig, dass erst der Film gezeigt wird und dann dem Essen ungeteilte Aufmerksamkeit zukommt. Das genau entspreche der Philosophie, das Essen als eigenes Kulturgut zu betrachten. Für Dieter Kosslick spielte bei diesem Kürprogramm neben der ökologischen Verantwortung auch die Tatsache eine Rolle, dass sich etliche Filmemacher selber mit Genussprodukten befassen. Bereits zwei Jahre nach der Premiere wurde er von Spitzenköchen für seine Verdienste um die internationale gastronomische Kultur mit der „Trophée Lalique“ ausgezeichnet. Paul Bocuse höchstselbst bereitete das Festmahl zur Verleihung.

„Jeder Akt des Essens ist auch ein politischer Akt“, erklärte Doris Dörrie gleich in der ersten Runde 2007 nach der Vorstellung ihres Films über die Kochkünste eines Zen-Priesters, die sie selber lehrten, „bewusster und konzentrierter“ zu kochen. „Food Inc.“ lag dem Festivalchef besonders am Herzen. Den Eröffnungsfilm der Veranstaltung 2009 erklärte er schon mal zum wichtigsten Film des ganzen Festivals: ein als „Horrorfilm“ eingestufter Streifen über die schrecklichen Folgen der Industrialisierung des Essens. Für die kritische Auseinandersetzung mit dem Raubbau durch die Fast-Food-Industrie warb der Festivalchef persönlich zwischen den Premieren.

Auch in diesem Jahr trifft sich die Avantgarde des guten Essens im Spiegelzelt. Foto: Jans Kalaene/dpa
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Schon zum 13. Mal kommt die Avantgarde des wirklich guten Essens nun im Spiegelzelt zusammen, das 200 Leute fasst. Hausherr Thomas Struck empfängt dort als Moderatoren oft hochkarätige Experten. Zwischen dem Slow-Food-Gründer Carlo Petrini und der amerikanischen Restaurantbesitzerin und Vorkämpferin für Bio-Lebensmittel Alice Waters waren schon viele dabei, die weltweit Rang und Namen haben.

Dieter Kosslick selber scheute sich auch nicht, beim ganzen Festival kulinarisch neue Wege zu gehen. Bei der glanzvollen Eröffnung mit 2500 Gästen verzichteten die Köche 2014 erstmals in der Geschichte des Festivals auf Fleisch. Stattdessen gab’s „Heimisches aus Garten, Wald und Flur“ – oder mit Maronen und Schalotten gefüllte Serviettenknödel an Bergkäseschaum. Beim exklusiven Bärendinner für die Sieger des Festivals gibt es in der letzten Berlinale-Nacht im Spiegel-Zelt seit einigen Jahren schon traditionell die Auswahl zwischen zwei Gourmet-Menüs, von denen eines mit Fisch und eines vegetarisch ist.

Klaus Wowereit hätte lieber eine Currywurst gegessen

In seiner Mission für gesundes Essen, ließ sich Dieter Kosslick auch nicht vom früheren Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit irritieren, den es ausgerechnet hier nach Currywurst verlangte. Die Schauspieler goutieren Hauptgerichte wie Topinambur, Grünkohl und Steckrübe mit Graupenrisotto und Rotkohl-Bete-Jus.

Einmal kommt bei jedem Kulinarischen Kino auch der Nachwuchs zum Zuge. Zu den Sternstunden gehörte ein Menü, das Sternekoch Michael Hoffmann mit Berliner Schülern aus Lebensmitteln kochte, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen war – zu dem Film „Taste the Waste“. Der setzte sich kritisch mit dem Thema Abfallproduktion auseinander. Egal ob es um Tempel-Food einer koreanischen Nonne oder um die rastlosen Reisen des Viele-Sterne-Kochs Alain Ducasse geht, wie im letzten Jahr, das Kulinarische Kino hat den Horizont seiner Fans erheblich erweitert. Inoffiziell gehört inzwischen auch der Street Food Market am Potsdamer Platz dazu, der während der Berlinale gesundes Fast Food bietet.

Die Preise für Kino mit Menüs von Spitzenköchen rechnen sich nicht

Wie und ob es weitergeht, ist allerdings offen. Für Dieter Kosslick ist das Kulinarische Kino eine essenziell wichtige Sektion, die er gegen alle Anfechtungen eisern verteidigt hat. Aber diese ist seine letzte Berlinale als Chef. „Wir befinden uns in einer Übergangsphase“, sagt Thomas Struck, und dass die neue Leitung eine Entscheidung pro oder contra treffen müsse. Immerhin ist mit Mastercard diesmal ein großer Sponsor am Start. Denn die Eintrittspreise mit den Menüs von Spitzenköchen im Anschluss an den jeweiligen Film ließen sich privatwirtschaftlich so nicht kalkulieren. Gerüchten zufolge soll zwar erst mal alles so bleiben, eindeutige Signale gibt es aber noch nicht.

Wie wegweisend die filmische Beschäftigung mit dem Essen ist, zeigt gleichwohl das internationale Interesse. Kooperationen gab es unter anderem mit Spanien und Polen. Weitere könnten folgen, sagt Struck. Das funktioniere aber nur, wenn die Vorgaben eingehalten würden, also die Filme nicht plötzlich direkt beim Essen gezeigt würden. Einen Starauftritt wird dieses Jahr der israelische Koch-Autor Yoram Ottolenghi haben, der sein neuestes Werk im Rahmen einer Tea Time vorstellen wird. Außerdem werden auch wieder Filme gezeigt, die Missstände thematisieren: „Food for Thought“. Der Titel hätte auch umgekehrt von Anfang an über der gesamten Sektion Kulinarisches Kino stehen können. Wer dem, was er isst, seine Gedanken schenkt, wird unweigerlich beim bewussten Genuss landen.

Dieser Beitrag ist auf den kulinarischen Seiten "Mehr Genuss" im Tagesspiegel erschienen – jeden Sonnabend in der Zeitung. Hier geht es zum E-Paper-Abo. Weitere Genuss-Themen finden Sie online auf unserer Themenseite.

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