Anastassia Pletoukhina ist Vorsitzende des jüdischen Studentenverbandes Studentim. Foto: Mike Wolff
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Zwischen Antisemitismus und Alltag Wie junge Juden Berlin erleben

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Für viele Jüdinnen und Juden ist Berlin attraktiv – so wie für Anastassia Pletoukhina. Bei einem Treffen spricht sie über Anziehung und Vorsicht.

Die „Literaturhandlung“ in der Joachimsthaler Straße in Charlottenburg ist hell und offen. In der Auslage liegen Bücher in hebräischer Schrift. „Wie Juden leben“ heißt ein Buch. Nebenan gibt es Silber, auf einem Teller sieht man einen Davidstern glänzen – wenn man genau hinsieht. Die meisten Passanten laufen schnurstracks daran vorbei. Dass sich im Hinterhaus die zentrale orthodoxe Synagoge befindet, sieht man im Vorbeigehen kaum – bloß die beiden Polizisten vor dem Eingang lassen es vermuten.

Als Anastassia Pletoukhina angehastet kommt, grüßt sie die Polizisten. Pletoukhina kennt sie. Die 32-Jährige redet klar und entschieden, selbstbewusst. Man sieht ihr an, dass sie sich hier wohlfühlt. Pletoukhina ist in Moskau geboren und in Lübeck aufgewachsen.

Nach Berlin zog sie 2011 – auch wegen des jüdischen Lebens in der Stadt. Wegen der Internationalität, der jüdischen Vielfalt, der koscheren Lokalen, die es so in anderen deutschen Städten nicht gibt. Für viele Jüdinnen und Juden sei Berlin ein Anziehungspunkt, erzählt sie. Ein Ort, um „mehr vom jüdischen Leben mitzubekommen, sich stärker mit der jüdischen Tradition zu beschäftigen“.

In Charlottenburg gelinge das gut. „Hier gibt es so viele Synagogen – in einem Radius von nicht mal zwei Kilometern.“ Von der zentralen orthodoxen Synagoge ist auch die wichtigste liberale nicht weit. „Charlottenburg dürfte sich für viele vor dem inneren Auge auftun – als Zentrum jüdischen Lebens in West-Berlin.“

Stolpersteine und Plaketten erinnern an Vergangenes

Stolpersteine und Plaketten an den Häusern machen deutlich, dass in Charlottenburg schon vor dem Zweiten Weltkrieg viele Jüdinnen und Juden wohnten – Pletoukhinas Lieblingsschriftstellerin Mascha Kaléko etwa. Während mancher diese im Vorübergehend kaum wahrnimmt, sind für Pletoukhina solche Verweise im Stadtraum wichtig: „Sie zeigen mir, dass ich dort angekommen bin, wo früher gezwungenermaßen jüdisches Leben aufgehört hat. Das ist mein Ort, wo ich einen Beitrag zum Weiterleben der jüdischen Gemeinschaft leisten kann.“

Pletoukhina steckt voller Tatendrang. Die jüdische Tradition weiterzutragen, ist der 32-Jährigen wichtig. In das Gebäude in der Joachimsthaler Straße kommt sie nicht bloß, um die jüdische Buchhandlung zu besuchen, sondern auch wegen der Räume der orthodoxen Gemeinde im Hinterhaus. „Ich habe quasi hier gewohnt“, sagt sie.

Zwei Jahre hat Pletoukhina das Jugendzentrum der orthodoxen Gemeinde geleitet, außerdem in dem deutschen Büro der Jewish Agency for Israel gearbeitet, das in dem Gebäudekomplex lange seinen Sitz hatte. Hat 2011 Berlins jüdische Studierendeninitiative „Studentim“ mitgegründet, die sich anfangs noch in den Gemeinderäumen traf. Heute noch sitzt sie der Initiative vor.

Während sich die Initiative anfangs stark auf die Gebäude in Charlottenburg konzentrierte, wolle sie sich heute Räume in der ganzen Stadt erschließen. Studentim sei in Berlin die erste jüdische Initiative gewesen, die begann, „grassroots-mäßig“ in der Stadt unterwegs zu sein und die sich dabei an ein studentisches Publikum richtete, erzählt die 32-Jährige. Es habe ein Bedürfnis gegeben, sich als junge Initiative von der Gemeinde zu lösen, auch für säkulare Juden Angebote zu schaffen und flexibler zu sein.

In Charlottenburg ist das Judentum lebendig. Foto: Mike Wolff
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Auf der Suche nach geschützten Räumen

Aber das war anfangs nicht einfach – und ist es bis heute nicht. „Wir wussten nicht, wie offen wir das halten können, auch wegen der Sicherheit. Darum war es anfangs gut, uns an die Gemeinde zu halten.“ Anders als andere studentischen Initiativen in Berlin muss Studentim für öffentliche Veranstaltungen geschützte Räume finden, aufpassen, aus Angst vor Antisemitismus.

Die Adresse der Räume außerhalb der Gemeinde, in denen sich „Studentim“ heute trifft, verrät die Initiative Interessierten nur auf Nachfrage. „Wir schauen dann, wer das ist, zum Beispiel schauen wir manchmal auch, mit wem die Person auf Facebook verknüpft ist.“ Das heiße nicht, dass sie sich verstecken müssten. „Aber wir können uns das als Organisatoren und Organisatorinnen nicht schönreden, weil wir in der Verantwortung für andere Leute stehen“, sagt Pletoukhina.

Die Dokumentationsstelle antisemitischer Vorfälle „RIAS“ kann diese Bedenken nur bestätigen. Nach Angaben von RIAS finden die wenigsten gemeldeten antisemitischen Vorfälle in Berlin unmittelbar vor Synagogen statt. Was vermutlich am Polizeischutz liegt. Die meisten gemeldeten antisemitischen Vorfälle in Berlin ereigneten sich auf offener Straße, sagt RIAS-Sprecher Alexander Rasumny.

Zurück zur Joachimsthaler Straße. Pletoukhina schlendert in Richtung Ku’damm, wo sich Sightseeing-Busse reihen. „Hier hört man alle Sprachen der Welt – auch Hebräisch“, kommentiert sie. Doch die vermeintliche Toleranz kann trügen. Hier, wo die Polizisten von der Synagoge nicht mehr hinschauen können, häuften sich die antisemitischen Vorfälle, erzählt die 32-Jährige.

Außerhalb der Sichtweite

Während die Polizisten vor der Synagoge erklärten, sie könnten sich nicht daran erinnern, dass vor den Gemeinderäumen jemals etwas passiert sei, weiß Pletoukhina aus ihrer Zeit als Jugendleiterin, dass Gemeindemitglieder am nahe gelegenen Ku‘damm oft Antisemitismus erlebten. „Es war erstaunlicherweise immer ein Ort der antisemitischen Vorfälle. Die Jugendlichen wurden hier doof angequatscht: Bist du Jude oder was? Aber nicht neugierig, sondern provokativ.“ Viele von ihnen hätten dann abgestritten, dass sie Juden sind. Pletoukhina betont, dass solche Vorfälle für die jüdische Gemeinschaft längst Teil des Alltags seien.

Laut RIAS ist Charlottenburg-Wilmersdorf nach Mitte der Bezirk, in dem stadtweit die meisten antisemitischen Vorfälle gemeldet werden – was wohl damit zusammenhänge, dass dort viele Jüdinnen und Juden leben, so Alexander Rasumny. Die wenigsten fänden berlinweit in Reinickendorf statt. „Dort ist wenig Infrastruktur des jüdischen Lebens. Die ist stärker in Mitte, Charlottenburg, Prenzlauer Berg.“

Vor 2014 habe es in den Gemeinden Überlegungen gegeben, auf Polizeischutz zu verzichten, sagt Pletoukhina. „Die jüdische Gemeinschaft hat diskutiert und gesagt: Ach, wir brauchen das alles nicht, das ist doch längst überholt. Gerade die jungen Leute haben gesagt: Ach, das wird hier bald alles so selbstverständlich sein wie alles andere.“

Aber dann kam der Gaza-Krieg von 2014. „Und hat uns gezeigt, dass es doch alles bisschen anders ist.“ Das Jahr markiere einen Wendepunkt – auch wegen Demonstrationen auf deutschen Straßen: „Demonstrationen, auf denen nicht nur Kritik an Israel geübt worden ist, sondern eben auch gerufen wurde: ‚Juden ins Gas‘.“ Und ich dachte: Gott sei Dank arbeite ich in einer jüdischen Gemeinde, die so gut bewacht ist.“

Eine Verfechterin von Dialogarbeit

Für Pletoukhina war das erschütternd. „Ich war sehr traurig über diese Erkenntnis, sehr enttäuscht, persönlich, weil ich eigentlich immer Verfechterin von Dialogarbeit bin und denke, dass wir in Deutschland irgendwann einmal Selbstverständlichkeit schaffen können – und fand es besonders schade, dass es in Berlin so schien, als seien wir weit davon entfernt.“

Dass sich in Berlin nach aktuellen Studien mehr antisemitische Straftaten ereignen als in jedem anderen deutschen Bundesland, wundert sie nicht: „Wenn zu Hause Al Jazeera läuft, darüber gesprochen wird, wie ‚scheiße Israel ist‘ und auch in den Familien vielleicht offen darüber gesprochen wird, dass Juden ‚alle Schweine sind‘“, sei das kein Wunder.

Vorfälle nicht instrumentalisieren

Jedoch warnt Pletoukhina, dass antisemitische Vorfälle in Deutschland nicht instrumentalisiert werden dürften, um gegen Muslime Stimmung zu machen. Das könne Antisemitismus gar verstärken. „Dieses ständige ‚wir solidarisieren uns mit jüdischen Mitbürgern, die gehören dazu und die anderen irgendwie nicht‘ ist auch nicht sonderlich förderlich für das interreligiöse Verständnis“, sagt sie.  

Auch gebe es schließlich nicht nur rechten und muslimisch motivierten Antisemitismus – Antisemitismus komme von allen Seiten, oft auch von linker. Das werde in Debatten um Antisemitismus oft vergessen. Häufig gehe Antisemitismus mit Israelkritik einher. „Wenn in Israel irgendwas passiert, dann ist es normal, dass irgendwie eine Person jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens adressiert wird: Also was ihr da macht! Das ist so ein Klassiker.“ Dann reagiere Pletoukhina verwundert. „Ich? Wenn, habe ich persönlich vielleicht sogar mehr die Kritik an Putin verdient, weil ich einen russischen Pass habe.“

„Wenn jemand Hebräisch spricht, ist er sowohl als Jude als auch als Israeli erkennbar“

Besonders Menschen, die augenscheinlich als Juden erkennbar seien, würden Opfer antisemitischer Attacken, Menschen mit Kippa oder Israelflaggen, sagt Rasumny von RIAS. Er weist darauf hin, dass es außerdem viele Angriffe auf Menschen gebe, die Hebräisch sprechen. Gerade die zögen Antisemitismus von unterschiedlichen Seiten an. „Wenn jemand Hebräisch spricht, ist er sowohl als Jude als auch als Israeli erkennbar.“

Pletoukhina trägt seit ihrer Hochzeit eine traditionell jüdische Kopfbedeckung. Doch viele hielten diese für ein modisches Sommertuch, erklärt sie, nur wenige, würden die religiöse Bedeutung erahnen. Sie sagt, dass sie sich in der Stadt insgesamt sicher fühle – sie sich hier ihre Räume suchen kann, gerade in Charlottenburg, eben weil hier so viele Juden leben.

Als sie später in einem Café sitzt, erzählt Pletoukhina, dass sie hier öfter sitze, ohne Bedenken ihren Laptop mit Studentim-Logo aufklappe – einem halben Davidstern. Oft würde sie darauf dann gar positiv angesprochen. Manchmal seien es auch einfach „Menschen mit verstärktem Mitteilungsdrang“, die ihr dann erzählen, dass sie auch schon in Israel waren. Oft treffe sie hier auch Menschen aus der Gemeinde. Die Inhaber des Cafés seien nicht jüdisch, das Café für sie dennoch ein jüdischer Ort, weil sich hier die Wege vieler Jüdinnen und Juden kreuzten.

Die Synagoge in der Joachimsthaler Straße besucht Anastassia Pletoukhina gerne. Foto: Mike Wolff
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Im Alltag angekommen

Überall würde Pletoukhina den Laptop mit dem Davidstern nicht aufklappen. „Ich würde mich mit diesem Zeichen nicht in der Turmstraße in eine Bar setzen oder in ein Lokal, was eine arabische Inschrift hat.“ Aber das wäre auch nicht der Ort, wo sie arbeiten würde, sagt sie.

Sie deutet später auf rote Schirme vor einem koscheren Supermarkt, in ihrem Charlottenburger Kiez. Für viele sei das ein ganz normaler Supermarkt, sagt sie. „Da gehen Leute rein, die einfach nur Bier kaufen wollen und treffen auf Menschen, die super religiös sind.“ Auch solche Szenen seien Teil des städtischen Alltags, stifteten Normalität und stimmten sie zuversichtlich. „Die Leute, die da einkaufen, sehen: Das gehört dazu. Das ist ein jüdisches Geschäft? Kein Problem.“

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