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Alles wird zum Start-up: Oetkers Getränkelieferdienst heißt nur noch Flaschenpost. Foto: imago images/Future Image
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Zusammenlegung mit Flaschenpost Dr. Oetker stellt Hunderte Durstexpress-Mitarbeiter vor ungewisse Zukunft

Es war ein Milliarden-Deal: Der Oetker-Konzern führt seine Getränkelieferdienste zusammen. Gewerkschaft und Politik fürchten um Hunderte Jobs in Berlin.

„Aus Durstexpress wird Flaschenpost - Eine Marke, doppelte Expertise“. So überschrieb der Getränkelieferdienst Flaschenpost aus Münster Mitte der Woche eine öffentliche Erklärung. Durstexpress werde schrittweise an allen Standorten auf Flaschenpost überführt, hieß es. Dabei würden teilweise Lagerstandorte zusammengelegt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten „nach Möglichkeit“ Beschäftigungsangebote in einem Nachbarlager unterbreitet werden.

An Standorten in Leipzig, Bochum und Berlin seien Kündigungen ausgesprochen worden, berichtet die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Konkret seien am bisherigen Standort von Durstexpress in der Teilestraße in Berlin-Tempelhof mehrere Hundert Jobs in Gefahr.

Grund für die Ungleichbehandlung sei die geplante Gründung eines Betriebsrats an diesem Standort, meint Sebastian Riesner, der Geschäftsführer der NGG für die Region Berlin-Brandenburg. Belege dafür liefern könne er nicht, räumt er ein. „Aber unsere Erfahrung mit diesem Unternehmen spricht dafür“. Insgesamt müssten rund 700 der bis zu 1600 Angestellten um ihre Jobs bangen.

Die Oetker-Gruppe – genauer die Dr. August Oetker KG – mit Zentrale im ostwestfälischen Bielefeld ist einer der größeren Spieler auf dem internationalen Lebensmittelmarkt, hierzulande in vielen Segmenten sogar Marktführer. Mit rund 400 Tochterunternehmen machte Oetker 2019 rund 7,4 Milliarden Euro Umsatz. Diese Erlöse und auch der Gewinn dürften im Corona-Jahr 2020 noch gestiegen sein, da mehr Menschen als bisher Getränke und Speisen zu Hause konsumiert haben.

Die Rede ist von einer schlankeren Kostenstruktur

In der Hauptstadtregion gehören unter anderem die Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei in Hohenschönhausen und die Kette Getränke Hoffmann mit Zentrale in Blankenfelde-Mahlow südlich von Berlin zum Oetker-Imperium. Mit der Gründung des Online-Lieferdienst Durstexpress 2017 wollte Oetker auch die sogenannte „letzte Meile“ auf dem Weg zu den Kunden zurücklegen und dem aggressiven wie erfolgreichen Lieferdienst-Start-up Flaschenpost sprichwörtlich das Wasser abgraben.

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Als das nicht so gelang, wie man sich das vorstellte, offenbar auch wegen der schlankeren Kostenstruktur bei Flaschenpost, wie man hört, kaufte der Konzern über seine Tochter Radeberger den kleinen Wettbewerber. Anfang Dezember billigte das Bundeskartellamt dieses Vorhaben.

Jetzt, einige Wochen später, legt Oetker also seine beiden Lieferdienste zusammen – und zwar basierend auf den „Business- und Operations-Prozessen der Flaschenpost“, wie das Unternehmen in feinstem Managersprech erklärt. Heißt auf Deutsch: Mitarbeitende, die bisher bei Durstexpress angestellt waren, und sich nun an einem anderen Standort bewerben müssen, haben einiges zu schlucken. Sie müssen nach Schätzungen aus Arbeitnehmerkreisen mit mehreren Hundert Euro weniger Geld im Monat rechnen.

Oetker bleibt vage bei Löhnen, kündigt aber Erhöhungen an

Die Frage, was zum Beispiel Fahrerinnen und Fahrer bei Flaschenpost verdienen, beantwortet der Flaschenpost-Unternehmenssprecher Martin Neipp nicht konkret. „Generell verdienen alle Mitarbeiter bei Flaschenpost bereits zum Start deutlich über Mindestlohn und haben die Möglichkeit, je nach Betriebszugehörigkeit und Leistungszulagen schnell mehr zu verdienen“, erklärt er. Bei der NGG geht man von einer Vergütung nur „knapp über dem Mindestlohn“ von aktuell 9,50 Euro die Stunde aus.

Endstation für den Durstexpress: Oetkers eigener Dienst ist Geschichte, seine Lohnstruktur auch. Foto: imago images/Bildgehege Vergrößern
Endstation für den Durstexpress: Oetkers eigener Dienst ist Geschichte, seine Lohnstruktur auch. © imago images/Bildgehege

In der Logistik werde man mit Wirkung zum 1. Februar 2021 erneut flächendeckend die Löhne erhöhen, um mögliche Unterschiede im Lohngefüge zwischen Flaschenpost und Durstexpress weitgehend auszugleichen, kündigt Firmensprecher Neipp an, ohne Zahlen zu nennen. Das Gehaltsgefüge orientiere sich auch an regionalen Rahmenbedingungen.

Betriebsrat nur in der Zentrale, Tarifverträge gelten nicht

Bei der NGG berichtet man vom „gewerkschaftsfeindlichen“ Ruf des Unternehmens Flaschenpost. Einen Betriebsrat gibt es lediglich in der Zentrale in Münster und am Standort in Düsseldorf, bestätigt die Firma. Tarifverträge gelten nicht. Die NGG fordert die Geschäftsführung auf, das Personal des Logistikstandortes Tempelhof zu den Konditionen von Durstexpress weiter zu beschäftigten.

So wie an den anderen beiden Berliner Standorten in Charlottenburg und Friedrichshain müsse ein fairer Betriebsübergang nach den Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuchs (§ 613a BGB) organisiert werden. „Wenn ein Unternehmen wie Dr. Oetker das Start-up Flaschenpost für eine Milliardensumme kauft, muss es auch dafür sorgen, dass die Belange der Beschäftigten ernst genommen werden“, sagt der regionale NGG-Chef Riesner.

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„Umstrukturierungen zu Lasten der Belegschaft: Diese Praxis ist nicht unbekannt“, sagt Cansel Kiziltepe, die für die SPD im Bundestag sitzt. Die Durstexpress-Zentrale in Friedrichshain liegt in ihrem Wahlkreis. Anstatt einer geregelten Übernahme beim Betriebsübergang zu vollziehen, würden Unternehmen von den Beschäftigten verlangen, sich beim Übernahme-Unternehmen neu zu bewerben, erklärt die Volkswirtin die beliebte Masche aus der Betriebswirtschaft. „Die Folge ist klar: Schlechtere Bezahlung, schlechtere Bedingungen, schlechterer Kündigungsschutz! Und das obwohl sich faktisch nichts geändert hat!“

Flaschenpost weist Zusammenhang mit Betriebsrat zurück

Flaschenpost-Sprecher Neipp erklärt, es bestehe „keinerlei Zusammenhang mit einer geplanten Betriebsratsgründung“. Man weise diese von der NGG aufgestellte Behauptung „aufs Schärfste zurück“. Man wende unternehmensweit die gleichen objektiven Kriterien bei der Entscheidung hinsichtlich der Fortführung von Standorten an.

Richtig sei aber, dass die Mitarbeiter der fortgeführten Standorte Alboinstraße (Tempelhof) sowie Lise-Meitner-Straße (Charlottenburg) auch künftig unverändert beziehungsweise im Rahmen eines Betriebsübergangs weiter beschäftigt werden, während die Kolleginnen und Kollegen an den nicht fortgeführten Durstexpress Standorten Berlin-Teilestraße (Tempelhof) und Gehrenseestraße (Alt-Hohenschönhausen) die Möglichkeit hätten, sich bei der Flaschenpost in anderen Lagern neu zu bewerben. Neipps Begründung: In Tempelhof und Charlottenburg lägen – im Unterschied zum Weiterbetrieb von Durstexpress Lägern – nicht die Voraussetzungen für einen Betriebsübergang vor.

Sozialdemokratin Kiziltepe erinnert den Konzern an seine Verantwortung und veröffentlichte zum Wochenende auch einen offenen Brief an die Oetker-Familie und die Geschäftsführung. Im boomenden Liefergeschäft hätten die Beschäftigten durch tagtäglich engagierte Arbeit Rekorde gesetzt und so maßgeblich an der Expansion und am Wachstum der Unternehmen mitgewirkt, argumentiert sie. Ohne sie wären Durstexpress und Flaschenpost nie so erfolgreich geworden wie sie es jetzt seien. „Sie müssen daher auch im Rahmen eines Betriebsübergangs die Anerkennung erhalten, die sie verdienen.

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