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Der Schlüssel zur Zukunft - Philipp Bouteiller (l) von der Tegel Projekt GmbH zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) vor dem ehemaligen Flughafengebäude in Tegel. Foto: Paul Zinken/dpa
© Paul Zinken/dpa

Zurück in die Zukunft Der Bund hat TXL an Berlin übergeben – Start für Europas größtes High-Tech-Quartier

Die Pläne für den frühren Flughafen Tegel sind ambitioniert. Mit Siemensstadt 2.0 und Gartenfeld entsteht dort ein neues Kerngebiet für wohnen und forschen.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) ließ auf sich warten. Das Akademische Viertel war längst vorbei, als die zwei Limousinen vor dem Hexagon am Terminal D des stillgelegten Flughafens Tegel stoppten.

Der Airport ist Geschichte, die Ära Müller in einem Monat auch – aber für beide öffnet sich ein neues Kapitel. Für Müller im Bundestag, falls der Wähler es will. Und dem 52 Hektar großen Areal des stillgelegten Flughafens steht eine Zukunft als CO2-neutrales Quartier bevor, das neue Maßstäbe setzt beim Wohnen und Arbeiten.

Am Donnerstag wechselte das Areal vom Eigentum des Bundes an Berlin, und der Regierende reichte es gleich weiter an den Chef von „Tegel Projekt“, Philipp Bouteiller. „60.000 Schlüssel für 60 Gebäude“ übergebe er, sagte Müller und einen symbolischen gab es dazu – als Fotomotiv.

Die exakte Kopie des 1974 von den Architekten Gerkan und Marg an den damals Regierenden Klaus Schütz überreichten Schlüssel war nach Plänen aus den Archiven der Architekten nachgebaut worden.

Verantwortlich ist nun Bouteiller. Er gab das „Take off für Tegel!“ frei und damit für den Umbau des Areals in ein Gewerbegebiet mit potenziell 20.000 Arbeitsplätzen, der „Urban Tech Republic“, einer Siedlung mit 5000 Wohnungen, das „Schumacher Quartier“, sowie einem 150 Hektar großen „Landschaftsraum“, das Naherholungsgebiet für Bewohner des von Ausfallstraßen zerschnitten Kurt-Schumacher-Platzes und südlichen Reinickendorfs werden könnte.

Zwei Kilometer nur zur Siemensstadt 2.0

Das Projekt hat noch mehr Potenzial, nämlich dem zersiedelten Gebiet nördlich der City West, wo die Stadt zerfranst, Halt und Impulse zu geben. Allein schon durch die Zahl der neuen Einwohner und Beschäftigten, außerdem noch weil am Donnerstag zugleich auch der Startschuss für das ähnlich ambitionierte Gebiet „Siemensstadt 2.0“ nebenan erfolgte.

Dazu kommt noch das landeseigene Siedlungsvorhaben Gartenfeld. Die Projekte bilden mit Tegel einen Wachstumsgürtel, dessen Größe beispiellos in Europa ist, erst recht in Metropolen.

Aus und vorbei - der Flughafen Berlin-Tegel wird nun umgebaut zur "Urban Tech Republic". Foto: Jan Woitas/dpa Vergrößern
Aus und vorbei - der Flughafen Berlin-Tegel wird nun umgebaut zur "Urban Tech Republic". © Jan Woitas/dpa

Zumal die Pläne zeitgemäß und ambitioniert sind: Auf dem Flugfeld wird eine „Holzbauhütte“ aufgestellt, das den Baustoff für Häuser und einige Gewerbebauten aus den Berliner Forsten und Brandenburg bezieht. Regenwasser wird komplett versickern auf dem Areal, nichts fließt in die Kanäle. Der Strom kommt von der Sonne und anderen Technologien mit wenig Emission. Autos sollen die Ausnahme sein, ein Netz von Radwegen wird TXL mit den Nachbarsiedlungen und der City verbinden. Natürlich wird es Elektromobile mit zwei oder mehr Rädern geben, die an intelligenten Lichtmasten geladen werden. 140 Innovationen verspricht Gudrun Sack, Co-Chefin von Tegel Projekt – und in der Summe ein Co2-neutrales neues Quartier.

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Vorher muss die Vergangenheit bewältigt werden: 42 Kilometer Wasserleitungen und zehn Kilometer Klimatisierungsnetze aus den 1970er Jahren sind zu erneuern. Stabbrandbomben und Handgranaten aus dem Zweiten Weltkrieg liegen zuhauf im Boden – fast eine Tonne sprengfähige Munition förderten die Experten bisher zutage. Bis September soll die Räumung abgeschlossen werden.
Die Zukunft ist dann ganz der zivilen Hochtechnologie gewidmet. Der Zuzug der Beuth-Hochschule mit 13 Studiengängen – darunter Elektromobilität, Architektur, Urbane Pflanzen- und Freiraum-Management, Gebäudemanagement und Mechatronik – weist den Weg: Auch viele der private Firmen, die herziehen, werden „urbane Technologien“ für die „Smart City“ herstellen.

Klimawandel und der Rückbau der Städte vom automobilen aufs menschliche Maß ist ein weltweiter Trend. Den Schub dafür bringen Digitalisierung und Elektrifizierung von Fahrzeugen, Gebäuden und Gebrauchsgegenständen. Nach Tegel ziehen die Vordenker der neuen Städte mit reduziertem Verbrauch von Ressourcen – und sie sollen sich gleichsam selbst die Blaupause der neuen Stadt aufs Flugfeld stellen.

Die ersten Mieter sollen 2027 einziehen

So jedenfalls die Theorie. Helfen könnte aber auch der Wettbewerb der Standorte. Denn zwei bis drei Kilometer Luftlinie entfernt entwickelt Siemens ebenfalls sein Quartier der Zukunft und investiert 600 Millionen Euro. Und auch dort will der Konzern Forschung und Gewerbe ansiedeln.

Am Donnerstag unterzeichneten Vertreter des Senats, des Bezirks Spandau und der Firma den städtebaulichen Rahmenvertrag. Er umfasst eine Million Quadratmeter Bruttogeschossfläche, davon mehr als die Hälfte für Produktion und Gewerbe und gut ein Viertel für die geplanten 2700 Wohnungen. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) sprach von einem „Push für den gesamten Nordwesten der Stadt“.
In Tegel sind die Wegmarken gesetzt: Im Jahr 2027 sollen im Bereich der „Urban Tech Republic“ viele Sanierungsarbeiten abgeschlossen sein und im ehemaligen Empfangsterminal B ein „Start-up- und Kongress-Center“ eröffnen.

Parallel dazu nimmt die Berliner Hochschule für Technik in Terminal A den Betrieb auf. Auf dem Gelände außerdem: Die Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienste-Akademie, die in Hangars einzieht.
Für den Wohnungsbau sollen bereits im ersten Quartal 2022 die „Konzeptverfahren“ aufgelegt werden. Die ersten Bauabschnitte sollen 2027 fertig werden, sodass die ersten Mieter einziehen können. Auch der „Bildungscampus“ sowie der „zentrale Quartierpark“ sollen dann fertig gestellt sein.

Ab 14. August bietet der Entwickler zweistündige Führungen für alle Berliner an, vom 21. August bis 5. September wird das frühere „Klangkunst-Festival“ in den Terminals A und B neu aufgelegt.

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