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Rund 100 Schulen hätten bei der digitalen Anmeldung mitmachen können – nun wurde das Vorhaben abgeblasen. Foto: imago/wolterfoto
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Wenn die Digitalisierung floppt Trotz Pandemie persönlich zur Schulanmeldung in Berlin

Erst sollten sich Berlins Siebtklässler digital anmelden - nun müssen sie doch erscheinen. Warum musste die Verwaltung innerhalb von zwölf Tagen umschwenken?

Es klang nach Zukunft – so, als wäre Berlin schon auf dem Stand des europäischen Digitalvorbildes Estland angekommen: Mitte Januar teilte die Bildungsverwaltung rund 100 Oberschulen mit, dass die Anmeldung ihrer Siebtklässler digital erfolgen könne.

Das sei doch „insbesondere in Corona-Zeiten eine persönliche und gesellschaftliche Entlastung“. Im übrigen entfalle damit für die Schulen die „händische Erfassung der Daten“. Am Mittwoch wurde die Zusage revidiert.

Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Alle betroffenen rund 26.000 Berliner Familien müssen sich auch dieses Jahr – Mitte Februar – höchstpersönlich und analog auf den Weg machen, um ihre Anmeldebögen an ihren Erstwunschschulen abzugeben, wo dann alle Schülerdaten eingetippt werden müssen. Der Traum einer Digitalanmeldung mittels eines Codes ist ausgeträumt. Warum aber musste die Verwaltung innerhalb von zwölf Tagen umschwenken?

„Leider hat sich heute herausgestellt, dass dieser Weg in diesem Jahr noch nicht zur Verfügung steht“, teilte die zuständige Führungskraft, der vor mehr als fünf Jahren aus Hessen geholte Spezialist Kay Hansen, den betroffenen Schulen mit. Die persönliche Anmeldung an der Erstwunschschule durch die Erziehungsberechtigten sei „auch in diesem Jahr unbedingt erforderlich“.

Warum der Weg „nicht zur Verfügung steht“, erklärte er nicht. Dazu äußerte sich allerdings der Sprecher der Bildungsverwaltung auf Anfrage: „Um Irritationen zu vermeiden, hat man beschlossen, in diesem Jahr noch einmal am Prinzip der persönlichen Anmeldung festzuhalten. Zwei verschiedene Verfahren hätten Eltern verunsichert und die Schulämter zusätzlich belastet“.

Die Digitalisierung der Schulverwaltung - seit 2008 kein Erfolg

Um zu verstehen, warum die Rede von „zwei verschiedenen Verfahren“ ist, muss man etwa 13 Jahre zurückgehen. Denn so lange ist es her, dass Berlins Bildungsverwaltung – damals noch unter Senator Jürgen Zöllner (SPD) – die Digitalisierung der Schulverwaltung anzuschieben versuchte.

Allerdings setzte er aus Datenschutzgründen auf eine dezentrale Lösung des „E-Government“ – ein Weg, der sich nach ein paar Jahren als teure Sackgasse erwies. Der Landesrechnungshof bezifferte den Schaden 2015 auf mindestens 16 Millionen Euro.

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In dieser verfahrenen Situation – teure riesige Server schlummerten in eigens hergerichteten klimatisierten Räumen – setzte Zöllners Nachfolgerin Sandra Scheeres (SPD) auf eine Lösung aus Hessen mit dem Kürzel LUSD, was ausgeschrieben „Lehrer- und Schülerdatenbank“ heißen sollte. Um nicht erneut zu scheitern, wurde Kay Hansen gleich mitgeholt.

Zunächst war die Zuversicht groß: Scheeres verkündete, dass nun alle Schulen nach und nach auf LUSD umgestellt würden. Die „handgestrickten“ Softwarelösungen einzelner Schulen sollten der Vergangenheit angehören – und zwar bereits Ende 2018, lautete Scheeres’ Zeitplan: Seit Ende 2015 flossen dafür Gelder, deren Nutzung der damalige Bildungs-Staatssekretär Mark Rackles (SPD) in der Antwort auf eine skeptische Anfrage des grünen Abgeordneten Thomas Birk vorrechnete.

Erst ein Drittel der weiterführenden Schulen ist angeschlossen

Dass dieser Termin nicht zu halten sein würde, zeichnete sich bald ab, denn es hatte sich herausgestellt, dass Berlins Regelungen für die verschiedenen Schulabschlüsse nach der zehnten Klasse und für die gymnasiale Oberstufe derart kompliziert sind, dass man sie mit dem hessischen System nicht abbilden konnte. So fing man erst mit den Grundschulen an.

Inzwischen ist man zwar bei den Oberschulen und Förderschulen angekommen, aber noch lange nicht „durch“, denn es gibt rund 300 Oberschulen, aber nur die genannten 100 sind schon dabei, obwohl die Bildungsverwaltung schon jetzt zwei Jahre hinter dem ursprünglichen Zeitplan ist. Mehrere Schulleiter sagten am Mittwoch auf Anfrage, sie hätten sich bei der Einführung von LUSD „lieber nicht vorgedrängelt“, weil andere Schulen über kompliziere Verfahren und unausgereifte Lösungen berichtet hätten.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres, SPD, wollte die Anbindung aller Schulen 2018/19 beendet haben. Foto: dpa Vergrößern
Bildungssenatorin Sandra Scheeres, SPD, wollte die Anbindung aller Schulen 2018/19 beendet haben. © dpa

Die persönliche Anmeldung hat auch Vorteile

„Wir haben an LUSD teilgenommen, sind allerdings ausgestiegen, als wir Zeugnisse drucken mussten, was aber noch nicht ging. Zeugnisausdrucke sind mittlerweile möglich, aber die Abschlussberechnungen für Jahrgang 10 noch nicht vollständig. Für die gymnasiale Oberstufe liegen auch noch keine Lösungen vor. Daher warten wir weiter ab und nutzen andere Systeme“, berichtete Sven Zimmerschied, der Leiter der Charlottenburger Friedensburg-Sekundarschule.

Im Übrigen sei „die Idee, die Anmeldungen kontaktlos zu gestalten, sicher gut gemeint“, aber technisch sei das Anmeldeverfahren dafür nicht überarbeitet worden. Hinzu komme, dass viele Familien in diesem Zusammenhang auch viel Beratungsbedarf hätten – etwa bei der Wahl der zweiten Fremdsprache, der Auswahl von Wahlpflichtfächern und besonderen Fördermöglichkeiten. Daher sei das persönliche Anmeldegespräch sinnvoll.

Familien einzeln im Klassenraum empfangen oder Briefkasten im Foyer

Diese Ansicht teilen etliche Schulleiter. So berichtet Andreas Steiner vom Steglitzer Fichtenberg-Gymnasium, dass er sich darauf eingestellt habe, alle Familien einzeln mit Abstand in einem Klassenraum zu empfangen. Aus dem Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Pankow heißt es, man werde einen Briefkasten im Foyer aufstellen und - in geringem Maße - für Familien, die Fragen haben, Anmeldezeiten benennen, erläutert Schulleiter Ralf Treptow.

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Während also für das konkrete Problem der Siebtklässler-Anmeldungen offenbar Lösungen gefunden werden, gibt es aber an anderen Stellen noch ungelöste Aufgaben – und zwar sogar bei den Grundschulen, die doch als erste in das System aufgenommen wurden. Dem Tagesspiegel liegt ein Beschwerdeschreiben des Schulamtes Lichtenberg vom November 2020 vor, demzufolge sich alle zwölf Schulämter gemeinsam bei Hansen über die Zusatzbelastung durch LUSD beklagten hatten.

Konkret geht es um das Zusatzprodukt „LUSDIK“, das die Kommunikation erleichtern sollte. Die Amtsleiter listen rund zwei Dutzend Beschwerden auf, die alle darauf hinauslaufen, dass „der Unmut über diesen sehr hohen zu betreibenden Mehraufwand stetig gewachsen ist“. Zu Unrecht sei den Ämtern die ganze Zeit eingeredet worden, es handele sich nur um „Einzelprobleme“. Einer Bitte um Stellungnahme zu dem Schreiben der Schulämter kam die Bildungsverwaltung bis Redaktionsschluss nicht nach.

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