Tagesspiegel Plus - jetzt gratis testen
Viel Eltern haben ihre freien Tage aufgebraucht, als die Kitas komplett zu waren. Nun stehen sie in der Arbeit unter Druck. Foto: Uwe Anspach/dpa
© Uwe Anspach/dpa

Weinende Eltern in vollen Arztpraxen Kitas schicken Kinder mit Schnupfen aus Angst vor Corona nach Hause

Ärzte berichten von verzweifelten Eltern, die um ein Attest betteln. Der Urlaub ist oft aufgebraucht. Der Hygieneplan des Senats enthält nur allgemeine Vorgaben.

Manche Kinder haben einen Dauerschnupfen. Die Nase läuft, das Kind ist quietschfidel – und eigentlich gesund. Bevor das Coronavirus grassierte, war das kein Grund für Eltern, ihr Kind krank zu melden. Jetzt schon. 

Offenbar kam es in Berlin bereits oft zu der Situation, dass Kitas die Eltern bitten, Kinder abzuholen, wenn diese geniest haben und erst wieder in die Kita zu bringen, wenn sie ein Attest vom Arzt vorweisen können, dass das Kind gesund sei. Das Problem: Viele Ärzte schreiben solche Atteste nicht.

Weinend hätten Eltern bereits in seiner Praxis gestanden und um ein Attest gebeten, berichtet Jakob Maske, Kinderarzt in Schöneberg und Pressesprecher des Berufsverbandes der Kinder und Jugendärzte (BVKJ). 

„Es ist nicht unsere Aufgabe und es macht medizinisch keinen Sinn, Kinder nach einem Schnupfen gesund zu schreiben“, sagt Maske. Ein solches Attest sei laut Infektionsschutzgesetz nur nach bestimmten Krankheiten nötig. Dann zahlt auch die Krankenkasse dafür.

Gesunde Kinder sollen nicht zum Arzt – schon gar nicht in der Coronakrise

Der BVKJ hat ein aufklärendes Schreiben veröffentlicht und hofft auf ein einheitliches Vorgehen aller Praxen. „Wir haben das Problem, dass hier vermehrt gesunde Kinder in die Praxis kommen, was wir eigentlich sowieso vermeiden wollen, aber zu Covid-19-Zeiten insbesondere“, sagt Kinderarzt Oliver Bartelt aus Prenzlauer Berg. Er bietet Eltern an, in den Kitas anzurufen. „Ich appelliere da an den gesunden Menschenverstand.“ Rund 30 Anfragen für „Gesundschreibungen“ habe es bei ihm gegeben.

[Von Spandau bis Marzahn: So ungleich sind Hausärzte und Fachärzte zwischen Berlins Bezirken verteilt. Die Übersicht gibt es jetzt bei Tagesspiegel Plus, 30 Tage kostenlos zur Probe.]

Die Sorgen und Ängste in den Kitas können die Ärzte allerdings verstehen. „Solange es keine klare Regelung vom Senat gibt, ist das für Kitas schwierig“, sagt Maske. In dem Musterhygieneplan der Senatsbildungsverwaltung für die Kitas – der eine „Empfehlung“ – darstellt, steht hierzu: „Bei Symptomen einer Atemwegserkrankung, u.a. Fieber, Husten, Kurzatmigkeit, Abgeschlagenheit/Müdigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen, Schnupfen, Halsschmerzen, Geruchs- sowie Geschmacksstörung zu Hause bleiben.“

Und: „Entwickeln Kinder im Laufe des Tages Krankheitssymptome, sollten diese von anderen Kindern getrennt und die Eltern zur zeitnahen Abholung aufgefordert werden.“ Das sei eine Einzelfallentscheidung, die vor Ort getroffen werde, sagt die Sprecherin der Senatsverwaltung.

Sie betont allerdings, dass es auch vor Corona so gewesen sei, dass Kinder mit Krankheitssymptomen nichts in der Kita zu suchen hatten. Der Senat versucht den Kitas Ängste zu nehmen, indem sich das Personal neuerdings ab sofort in vier Teststellen testen lassen kann, auch ohne Symptome.

Zurück in die Kita nach 48 Stunden ohne Symptome

Sabine Radtke, Referentin für die Kindertagesstätten beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, sagt: „Schön wäre, wenn in dem Hygieneplan vom Senat stehen würde: Wenn die Kinder 48 Stunden ohne Symptome sind, dürfen sie wieder zur Kita kommen. Manche Kitas handhaben das so, aber eine klare Regelung würde die Kita absichern.“

[Auf unserer interaktiven Karte können sie die Zahl der täglichen Neuinfektionen tagesaktuell verfolgen.]

So aber seien manche besonders vorsichtig. „Keiner will das Coronavirus in seiner Einrichtung haben, weil das dazu führen kann, dass große Teile der Belegschaft oder alle 14 Tage in Quarantäne müssen“, sagt Radtke. Und so verlangten dann einige ein Attest vom Arzt. Radtke wiederum versteht die Eltern, denn die stünden „in Erklärungsnot vor ihrem Arbeitgeber“.

[Verdacht auf Coronavirus: So unterschiedlich testen Berlins Kliniken. Lesen Sie mehr mit einem Tagesspiegel-Plus-Abo, 30 Tage lang kostenlos zur Probe.]

Corinna Balkow vom Landeselternausschuss Kindertagesstätten Berlin sagt, sie bekomme einige Mails von verzweifelten Eltern.  „Wenn man aus Gesundheitsschutzgründen sagt, die Kinder bleiben zu Hause, braucht man für die Eltern eine finanzielle Absicherung. Dann müssen sie bei vollem Gehalt freigestellt werden“, sagt Balkow.

Im August wird es besonders schwierig

Viele Eltern hätten ihre freien Tage in der ersten Hochphase der Corona-Pandemie zur Kinderbetreuung bereits aufgebraucht. Das wiederum verlagert das Problem zum Arbeitgeber, dem dann die Arbeitskraft fehlt. Alle Handelnden blicken mit Sorge auf den Herbst, wenn die Erkältungszeit beginnt.

„Richtig akut wird das Problem ab August, wenn auch die neuen Kinder in die Kitas eingewöhnt werden“, sagt Balkow. Aus Erfahrung seien diese Kinder anfangs häufiger krank. Das würde normalerweise niemanden überraschen. Aber normal ist gerade nichts.

Zur Startseite