Einer wie alle. Lochfassaden wie bei diesem Neubau der landeseigenen Gesobau in der Pankower Mendelstraße sieht man mittlerweile an jeder zweiten Ecke in der Stadt. Foto: Gesobau/Thomas Bruns
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Warum Neubau in Berlin so hässlich ist Stadt der Grässlichkeiten

Jürgen Tietz

Lochfassaden-Langeweile und Dämmstoff bis ins Delirium: Berliner Neubau fällt vor allem als ästhetisches Ärgernis auf. Ein Essay.

Luftig gruppieren sich die liebevoll sanierten Wohnhäuser rund um den Pankower Amalienpark. Mit ihren Erkern und Balkonen lächeln sie freundlich ins winterliche Grau. Ein Stück Berliner Architektur und Städtebau vom Feinsten, Jahrgang 1897. Entworfen vom Architekten Otto March. Nur ein paar Schritte entfernt vom Amalienpark liegt die Mendelstraße. Gut 120 Jahre später hat dort die landeseigene Berliner Gesobau gerade 351 neue Wohnungen errichtet, davon ein Drittel als geförderter Wohnungsbau.

Doch was für ein Unterschied. Anstatt belebter Fassaden reiht sich dort die trostlose Lochfassaden-Langeweile aneinander. Dass die Wohnungen dennoch schwuppdiewupp weg waren, muss nicht verwundern. Wohnungen sind Berliner Mangelware, nicht nur die bezahlbaren. Da geht alles über den Tisch, selbst bei einem verschnarchten Städtebau mit Blockrandschließung, Grundrissen ohne Esprit oder einer mit Schießschartenfenstern durchsetzten Fassade mit vorgeklatschtem Wärmedämmverbundsystem (WDVS).

Ein Wort, so schrecklich wie das Material, das innert weniger Jahre unansehnlich wird und als Sondermüll zu entsorgen ist. Wer sich in bundesdeutschen Städten umschaut, entdeckt diese immerselbe Architektursoße überall, quadratisch uninspiriert. Doch von Lankwitz bis Marzahn häufen sich diese Bauten mit wärmeschutzoptimal minimierten Fensterflächen bei maximierter architektonischer Banalität. Die Gründe für die Architekturmisere sind vielfältig.

Die Architekten sind nicht alleine schuld

Wer glaubt, das sei allein die Schuld der Architekten, macht es sich zu leicht. Denn wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, können die besten Architekten keine wirklich guten Häuser bauen. Warum? Jenseits von wenigen ausgewählten Prestigeprojekten und der Oase der selbstbestimmten Baugruppen geht es beim Bauen in Berlin weder um Innovation noch um gute Architektur und schon gar nicht um Qualität.

Ausschlaggebend ist nahezu ausschließlich der Preis. Und der wird durch die immer höheren Anforderungen der Energieeinsparverordnung, des Brand- und nicht zuletzt des Lärmschutzes kontinuierlich nach oben geschraubt. Im Gegenzug wird an allem anderen gespart und rumnormiert, was das tragende Betonraster aushält. Also werden kostengünstige Kunststofffenster eingebaut anstelle hochwertiger Holzfenster, die lange halten und gut zu reparieren sind. Die Fassaden bekommen ein ökologisch fragwürdiges WDVS vorgeklatscht, anstelle aus dicken und langlebigen Ziegelwänden errichtet zu werden. Das alles hat dramatische Folgen. Denn wer billig baut, der baut selten nachhaltig und schlecht aussehen tut es obendrein. Das Ergebnis ist eine gebaute Wegwerfgesellschaft, die vielleicht im Moment kostengünstiger erscheint, aber auf Dauer viel teurer kommt.

Umstritten. Der geplante Neubau des Museum der Moderne sorgt schon vor Grundsteinlegung für Debatten. Illustration: promo Vergrößern
Umstritten. Der geplante Neubau des Museum der Moderne sorgt schon vor Grundsteinlegung für Debatten. © Illustration: promo

Kostendruck mit Schießschartenarchitektur regiert allerdings nicht nur bei den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften. Sie sind auch bei den meisten Projekten privater Investoren zu finden. Da wird aus der ökonomischen Zitrone noch der allerletzte Tropfen Renditesaft gequetscht, wie bei dem öden Quartier, das entlang der Lehrter Straße entstanden ist.

Und selbst im Hochpreissegment fragt man sich, was die Käufer unter dekorativen Säulenattrappen und Gesimsgewürge eigentlich alles an gebauter Mittelmäßigkeit mitmachen. Da wird für eine fassadenaufgehübschte Eigentumswohnungsmassenware schon mal der Gegenwert eines Potsdamer Einfamilienhauses samt Grundstück in Rechnung gestellt. Geht's noch?

Wer also hat Schuld an dieser Architektur? Die Antwort ist so simpel wie unbefriedigend: wir alle. So wäre es im 100. Jubeljahr der Bauhausgründung zu kurz gesprungen, allein der Moderne die Schuld zuzuschieben, die stets in Normierung und Standardisierung beim Wohnungsbau dachte. Doch gerade die Moderne der 1920er Jahre böte mit ihren großartigen Siedlungen von Bruno Taut und Martin Wagner ja herausragende Vorbilder dafür, wie man es viel bunter und inspirierter machen kann.

Hoher Kostendruck

In der Architektur wie im Städtebau. Sind also die steigenden Grundstückspreise Schuld an der gebauten Einöde? Zu einem Teil gewiss. Je teurer ein Grundstück, desto höher der Druck, an anderer Stelle beim Bauen zu sparen. Würde jedoch die Nachfrage nach neuem Wohnraum nicht die Produktion so dramatisch übersteigen, dann könnte man auf eine Entspannung auf dem Markt hoffen. Doch die ist in Berlin bekanntlich nicht in Sicht.

Im Gegenteil. Es zeichnet sich ja bereits deutlich ab, dass die baupolitische Fliegenklatsche der Mietpreisbremse für alle jene, die eine neue Wohnung suchen, zu einer Verschärfung auf dem Wohnungsmarkt führen wird. Helfen könnte eine herzhafte Entrümpelung des preistreibenden und zeitraubenden Reglementierungsdschungels.

Doch das erscheint in Deutschland kaum vorstellbar. Zudem mangelt es seit Jahren schmerzhaft an Bauherren, die mit Sinn und Ethos für sich, die zukünftige Generation und ihre Mieter und Käufer Architekturqualität entstehen lassen, uneingeschüchtert durch den amtlichen Verwaltungs- und Vorschriftenwust. Hinzu kommt, dass man ausgerechnet in Berlin, wo die Moderne in den 1920 Jahren massentauglich wurde, nach wie vor in der kleinkarierten Welt der europäischen Stadt gefangen baut. Ein unsinniger „rationalistischer“ Rasterwahn beherrscht die Fassaden und verhindert allzu oft kreative Lösungen für einen innovativen Städtebau jenseits der Blockränder.

Dass an der Spree dennoch gelegentlich inspirierter Wohnungsbau entsteht, verdankt Berlin weder konventionellen Immobilieninvestoren noch den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, die unter dem (finanz-)politischen Knebel zur baukulturellen Bewegungslosigkeit gezwungen werden, sondern den privaten Baugruppen.

Eine wichtige Rolle für einen gut gemischten (und bitte, bitte endlich wieder entideologisierten) Wohnungsmarkt können zudem Genossenschaften einnehmen. Das zeigt ein lehrreicher Blick in die Schweiz nach Zürich. Genauso wichtig aber ist ein endlich lautstark geführter öffentlicher Diskurs über die Qualität von Architektur, von Städtebau, Grünflächen und Materialien. Das gilt nicht nur bei ärgerlich überteuerten politischen Prestigeprojekten wie dem Museum der Moderne am Kulturforum. Es gilt vor allem für die Masse all jener Häuser des Alltags, die darüber entscheiden, wie schön und lebenswert wir unsere gebaute Umwelt erleben.

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