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Im März 1950 beginnt in Ost-Berlin der Prozess gegen die Gladow-Bande - Dietrich Bohla, Kurt Gaebler, Werner Gladow, Wellnitz und Papke (v.l.). Foto: picture alliance / dpa
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Verbrecher sind auch nur Berliner Eine Metropole der Banden, Clans und Geheimdienste

Vom Schlächter bis zum Tiergarten-Mord: Eine neue Chronik dokumentiert die spektakulärsten Kriminalfälle der Hauptstadt – und damit auch Sozialgeschichte.

Das dunkle Berlin hat legendäre Typen hervorgebracht – manche legendär in ihrer Brutalität, manche berüchtigt für ihre Kälte, andere fast sensationell dumm bei ihrer Verbrecherei. Da war der „Schlächter vom Schlesischen Bahnhof“, ein Typ namens Carl Großmann, von Beruf tatsächlich Schlächter, von seiner Passion her Trinker und Gewalttäter.

Da war der S-Bahn-Bedienstete Paul Ogorzow, angestellt im Reichsbahnwerk Rummelsburg, ein Nazi, wie ihn die Partei sich wünschte – und ein eiskalter Killer. In seiner Bahner-Uniform hatte er die perfekte Tarnung, um aus dem Dienst heraus in schummerig beleuchteten Zügen seine Opfer zu suchen, auszusuchen und dann über sie herzufallen.

Da waren, Jahrzehnte später, die Sprösslinge Neuköllner Clans, die sich als Profi-Räuber versuchten (das Poker-Turnier am Potsdamer Platz) oder als professionelle Einbrecher (die Goldmünze aus dem Bode-Museum). Jedes Mal hinterließen Spuren genug, um die Fahnder auf sich aufmerksam zu machen.

So spektakulär wie dumm nennt der Journalist Lutz Göllner den kriminellen Stil der Clan-Sprösslinge. Kein Wunder, dass die Kriminellen aus den Großfamilien die Vorstrafen in Serie sammeln.

„Kriminalgeschichte ist eben auch Sozialgeschichte“

Über den Daumen gepeilt, vergeht in Berlin kein Jahrzehnt ohne mindestens einen Kriminalfall, der zum Gesprächsthema wird. Sei es wegen der Chuzpe der Täter, weil Prominente darin verwickelt waren oder weil ein Verbrechen mal wieder zeigt, wie abgründig manche Menschen fühlen, planen, handeln. So schreiben sich die Chroniken des Berliner Verbrechens im Lauf der Zeit immer weiter.

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Und auf ihre Weise spiegeln die Verbrechen, die die Leute bewegen, immer auch gesellschaftliche und politische Umstände. Ganz zu Recht schreibt Tagesspiegel-Autor Andreas Conrad in seinem Vorwort: „Kriminalgeschichte ist eben auch Sozialgeschichte, ein Streifzug durch ihre Abgründe zugleich einer durch die über die Zeiten sich wandelnden Abgründe der Gesellschaft.“

Die Neuköllner Parallelgesellschaft und Fehler der Asylpolitik

Beim Schlächter Großmann waren es die bitterarmen Verhältnisse in der Gegend um den Schlesischen Bahnhof mitsamt der jungen Frauen, die aus dem ländlichen Osten allein angereist kamen, um in der großen Stadt ein Auskommen zu finden – und stattdessen an ihren Mörder gerieten.

Die Clan-Junioren aus der Neuköllner Parallelgesellschaft, die sich für ein Ankommen im multikulturellen Berlin nicht interessieren, erzählen mit ihren Lebensgeschichten, ohne es zu wissen, auch von den Fehlern der Asylpolitik der 80er Jahre.

Wollten auch im Gericht lieber nicht gesehen werden: die Angeklagten im Goldmünzen-Prozess Anfang 2020. Foto: Paul Zinken/dpa Vergrößern
Wollten auch im Gericht lieber nicht gesehen werden: die Angeklagten im Goldmünzen-Prozess Anfang 2020. © Paul Zinken/dpa

Mehr als in anderen Städten gilt das in Berlin auch für die Beziehungen zwischen Politik und Verbrechen. Göllner hat den Tod des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in seine Chronik aufgenommen. Erschossen wurde Ohnesorg unweit der Deutschen Oper am Rand einer Demonstration von einem Polizisten.

Der, ein ziviler Ermittler namens Karl-Heinz Kurras, war an mehreren Fronten tätig: als politischer Ermittler, der nichts von den politisierten, bewegten Studenten hielt, ihnen ohne jedes Verständnis nachsetzte – und dem deshalb vielleicht die Nerven durchgingen in einer Situation, die er meinte, nicht mehr unter Kontrolle zu haben.

Ein Zeugnis bundesrepublikanischer Geschichte: Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus. Foto: Joachim Barfknecht/dpa Vergrößern
Ein Zeugnis bundesrepublikanischer Geschichte: Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus. © Joachim Barfknecht/dpa

Derselbe Kurras spionierte über mehr als ein Jahrzehnt für das Ministerium der DDR-Staatssicherheit den West-Berliner Polizeiapparat aus. Ein später, eher zufälliger Aktenfund der Stasi-Unterlagen-Behörde brachte das im Jahr 2009 heraus. Was diesen Mann wirklich trieb, in der Nacht des 2. Juni 1967 bei einer der ganz großen Demonstrationen der Studentenbewegung einen unbewaffneten jungen Mann zu töten, war nicht herauszufinden, auch durch ein spätes Gerichtsverfahren nicht.

Doch die Kreuzung dieser beiden Lebensgeschichten auf einem Hinterhof hat schon etwas sehr berlinisches: Sie wäre ohne Mauer und Teilung, Studentenbewegung und Kalten Krieg nicht denkbar gewesen.

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Auch für diesen traurigen Fall – Ohnesorg erlebte die Geburt seines Sohns nicht mehr – gilt, was Andreas Conrad im Vorwort über die legendäre Gladow-Bande schreibt: „Ebenso eng ist die Kriminalitätsgeschichte mit der Politik verknüpft. Der zeitweise Erfolg der Gladow-Bande (einer Truppe harter, zum Töten entschlossenen Krimineller – Red.) Ende der 1940er-Jahre wäre ohne die Teilung Berlins und die während der Luftbrücke besonders dramatische politische Lage kaum möglich gewesen.“

Verbrechen von heute: Mord im Tiergarten, Entführung eines Politikers

In Sachen Verbrechen und Politik frischt sich die Chronik von selbst auf, alle paar Jahre auf spektakuläre Weise. Als jüngste Beispiele nennt Autor Lutz Göllner die Entführung eines vietnamesischen Politikers im Juli 2017 auf der Hofjägerallee in Tiergarten, in klassischer Geheimdienstmanier: Das Auto des Vietnamesen wird ausbremst, mehrere Männer bugsieren ihn und seine Freundin in einen Transporter, ab geht es auf vietnamesisches Hoheitsgelände und von dort im Diplomaten-Auto ins Ausland.

Fast noch brutaler wirkt die Hinrichtung eines Georgiers im Kleinen Tiergarten im August 2019: ein russischer Profikiller verpasste ihm zwei Kopfschüsse und schweigt seither im Gefängnis vor sich hin. So geht das in einer Metropole, die auch Hauptstadt ist: Auf diplomatischen Wegen sind hier auch Menschen unterwegs, deren Fähigkeiten weniger mit Politik und mehr mit professionellen Exekutionen zu tun haben.

Eine vordergründig bunte, aber auch dunkle Metropole

Dank Göllners Stil, eher lässig und lakonisch, mit Sinn für Zuspitzung und Pointe, ist diese Berliner Verbrechenschronik leicht zu lesen – eine kurze Stadtgeschichte der anderen Art, Stoff für Leute, die etwas mehr über diese vordergründig bunte, aber auch dunkle Metropole wissen wollen.

[Lutz Göllner: Ganoven, Mörder, Panzerknacker. Wahre Verbrechen aus der Berliner Unterwelt. Mit einem Vorwort von Andreas Conrad. Verlag Der Tagesspiegel, Berlin 2020. 183 Seiten 18,90 Euro. Im Tagesspiegel-Shop können Sie das Buch bestellen.]

Verbrechen sagen auf den zweiten Blick immer etwas mehr über die Orte und die Gesellschaft, in der sie sich ereignen. Sie sagen etwas über soziale Hintergründe und politische Zusammenhänge. Und sie erzählen von den Träumen, die die Städter träumen und zum Leben zu erwecken versuchen.

Besonders grausam: Tödliche Träume, oft von der Liebe

Auf eine triste Weise galt das schon für die Steglitzer Schülertragödie in den späten Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts – sie darf in keiner Chronik der Berliner Bluttaten fehlen. Auch Göllner beschreibt sie mit ihren faszinierenden jugendpsychologischen Facetten.

Tödliche Träume, oft von der Liebe, sind es, die Verbrechen besonders grausam machen. Im Juni 2012 starb eine junge Frau namens Christin R. auf einem kleinen Parkplatz gleich gegenüber dem Freibad Lübars. Sie war das Opfer einer Intrige, die ihr letzter Freund und Liebhaber gemeinsam mit seiner Mutter erdacht und in die Tat umgesetzt hatte. Robin H. war der Mann, mit dem sie ihr Leben verbringen und ihren Traum – vom eigenen Pferdehof irgendwo in Brandenburg, wo der Himmel weit ist, verwirklichen wollte. 2015 wurden er, seine Mutter und zwei Mittäter zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt, H. und seine Mutter jeweils mit „besonderer Schwere der Schuld“.

Mag sein, dass die 21 Jahre alte Christin R. naiv war, wie Göllner schreibt. Vor allem war sie verliebt, vielleicht zu verliebt, in einen Traum vom selbstbestimmten Leben. Das machte und macht ihren Tod diesseits aller Hintergründe zu einem besonders tristen. Das lässt ihre Mörder so besonders perfide erscheinen.

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