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Bedroht: Es soll gebaut werden - doch offen ist sowohl der Termin für den Baubeginn als auch, welche Schule erweitert werden soll. Foto: Gerd Nowakowski
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Urban Gardening in Berlin Im Prinzengarten wächst die Angst

Seit zehn Jahren gibt es den Weddinger Nachbarschaftsgarten an der Panke - nun ist er bedroht durch Pläne für temporäre Schulbauten

Im leichten Sommerwind schaukeln die Dolden in den Hochbeeten und unter den Bäumen lässt es sich im Schatten herrlich entspannen. Seit zehn Jahren ist aus einer Brache hinter dem einst besetzten Haus Prinzenallee 58 in Wedding ein Nachbarschaftsgarten gewachsen. "Eine Institution im Kiez", sagt die Abgeordnete June Tomiak (Grüne). Den "Prinzengarten" kennt die mit 24 Jahren jüngste Berliner Abgeordnete seit ihrer Kindheit und besuchte die angrenzende Wilhelm-Hauff-Grundschule. Regelmäßig treffen sich Anwohner*innen im Garten, unter dem Stichwort "Kompost-Kino" gibt es Filmabende. Bald ist damit Schluss, fürchten die Gärtner*innen. Das ist jedenfalls das Ergebnis einer parlamentarischen Anfrage von June Tomiak.

Schule gegen Garten - um diesen Konflikt geht es im Bezirk Mitte. Auf dem 1500 Quadratmeter großen "Prinzengarten", hinter der sich die Panke durch einen Grünzug schlängelt, ist ein modularer Schulergänzungsbau geplant. Die Gärtner erfuhren davon, als plötzlich Ende Juni vom Bezirksamt der Nutzungsvertrag für eine 300 Quadratmeter große Teilfläche gekündigt wurde. "Wir haben uns erschreckt, als plötzlich die Kündigung kam", sagt Maria Stieger vom "Prinzengarten". Schulcontainer statt Beete also. Alles weitere ist freilich unklar - etwa der Termin des Baubeginns und sogar, welche Schule davon profitieren soll.

Hier wachsen Blumen aller Art und Gemüse - und gute Nachbarschaft auch. Foto: Gerd Nowakowski Vergrößern
Hier wachsen Blumen aller Art und Gemüse - und gute Nachbarschaft auch. © Gerd Nowakowski


Die Fläche sei für die Sanierung der Grund- und der Sekundarstufe I der Charlotte-Pfeffer-Schule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung notwendig, sagt der Bezirk Mitte. Wird der "Prinzengarten" als Treffpunkt und Naherholungsfläche für die Nachbar*innen der Umgebung verdrängt, wäre das nicht der erste bezirkliche Konflikt dieser Art. Auch das Gartenprojekt "Himmelbeet" bangt seit Jahren um den Standort an der Weddinger Ruheplatzstraße. Dem "Himmelbeet" läuft die Zeit davon. Ende Oktober soll der Garten das Grundstück verlassen, weil das dort vorgesehene Sozial-Fußballprojekt "Amandla" nach langer Verzögerung jetzt einen Bauantrag gestellt hat und die Bauarbeiten beginnen sollen. Mehrfach war dem "Himmelbeet" vom Bezirk ein neuer Standort am Mettmannplatz in Wedding versprochen worden, doch eine Zusage fehlt weiter. Grund: Die Bahn benötigt den Platz noch bis 2024.


Regelmäßig treffen sich die Gärtner*innen, beliebt ist auch das "Kompost-Kino" mit Filmabenden. Foto: Gerd Nowakowski Vergrößern
Regelmäßig treffen sich die Gärtner*innen, beliebt ist auch das "Kompost-Kino" mit Filmabenden. © Gerd Nowakowski


Nun also der "Prinzengarten". Angesichts der Grundstücksverhältnisse ist eine Lösung schwer vorstellbar. Denn die Fläche des Anwohnergartens gehöre zum Gelände der angrenzenden Wilhelm-Hauff-Grundschule - sagt das Amt. Und einen Nutzungsvertrag hat der Prinzengarten nicht. Offenbar hat das Bezirksamt aber keine anderen Standorte für den Ersatzbau für die Pfeffer-Schule geprüft, obwohl seit 2014 deren Sanierung geplant ist. Eine entsprechende Frage der Abgeordneten Tomiak wurde jedenfalls nicht beantwortet. Erstaunlich ist dies deswegen, weil nach Angaben des Amtes "eine Distanz von 5,6 km Wegstrecke zwischen der Charlotte-Pfeffer-Schule und der Prinzenallee 58" liegt - für Grundschulkinder ein sehr weiter Weg.

"Der Konflikt ist der Senatsverwaltung erst seit kurzem bekannt", bekam die Abgeordnete June Tomiak (Grüne) zu hören, als sie fragte, warum das Amt nicht früher mit den Gärtner*innen Kontakt aufnahm. Die Senatsverwaltung versichert aber, man sei "wie bei allen anderen Gemeinschaftsgärten an einer einvernehmlichen Lösung interessiert“. Konkreter wird die Verwaltung nicht, sondern teilt nur mit, "ein Gespräch mit dem Bezirksamt Mitte ist geplant und konnte aufgrund der Kurzfristigkeit noch nicht stattfinden". Prinzengarten-Sprecherin Maria Stieger ist das völlig neu - sie würde sich aber über ein Gespräch freuen. Denn bislang liefen alle Terminanfragen ins Leere.

Der Garten liegt hinter der Wohnungsgenossenschaft Prinzenallee 58, einem einst besetzten Haus. Bevor die Gärtner*innen anfingen, die Natur zurückzuholen und Hochbeete anlegten, wurden dort Autos geparkt und Schrottlauben entsorgt. Noch früher gab es eine Färberei, von der wohl Chemikalien im Erdreich landeten. Es "etablierte sich eine Nutzung mit Beeten und Bauten, die weder vertraglich geregelt werden konnte, noch genehmigt wurde", betont das Bezirksamt: "Die Suche nach Betreibern u.a. aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht oder zur Weitergabe nutzungseinschränkender Hinweise aufgrund der bestehenden Bodenverunreinigungen durch Altlasten war erfolglos." Wie ernsthaft nach Gesprächspartnern gesucht wurde, ist zu erahnen - im Netz ist der Kontakt jedenfalls mit einem Klick möglich.


Hier geht's lang zum Prinzengarten: Durchgang durch das einst besetzte Haus Prinzenallee 58. Foto: Gerd Nowakowski Vergrößern
Hier geht's lang zum Prinzengarten: Durchgang durch das einst besetzte Haus Prinzenallee 58. © Gerd Nowakowski


Derzeit ist vieles unklar. Unstrittig ist, dass die Pfeffer-Schule mehr Räume benötigt. Derzeit werden über 100 behinderte Schüler in der Ganztagsschule betreut. Wegen der Sanierungsarbeiten sind die Kinder bereits seit 2015 in Schulcontainern untergebracht. Sie wurden auf dem Sportplatz aufgestellt, damit die Bauarbeiten im Haupthaus beginnen konnten. Die Frage ist freilich, warum der "Prinzengarten" nun das einzig geeignete Grundstück sein soll. Nicht nur wegen der Entfernung vom jetzigen Schulstandort. Noch verwirrender wird es, weil aktuell aus dem Bezirksamt zu hören ist, dass die Hauff-Grundschule selbst die mobilen Ersatzbauten nutzen soll. Bei der Hauff-Grundschule, so Tomiak, wisse man davon aber nichts.

Egal, wer Nutzer sein soll - June Tomiak wundert sich, weil es direkt neben der Wilhelm-Hauff-Schule ein seit Kriegsende unbebautes Grundstück gibt. Dieses gehört ebenfalls dem Land Berlin. "Da frage ich mich, warum nicht diese Fläche für einen temporären Bau genutzt wird", sagt Tomiak. Gärtnerin Maria Stieger fürchtet bei so viel Unklarheit, dass am Ende der Prinzengarten vertrieben ist, aber auf lange Zeit gar nichts passiert. "Wir haben Angst", so Stieger: "dass eine umzäunte Brache entsteht und die Nachbarn außen vor sind".

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