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Dem Gänsepfuhl nahe dem Volkspark Mariendorf hilft auch kein Rettungsring. Foto: Stefan Jacobs
© Stefan Jacobs

Update Umweltverband untersucht Berliner Gewässer Teiche und Tümpel verschwinden — und mit ihnen die Tiere

Der BUND hat 353 Kleingewässer in sechs Bezirken begutachtet. Nur etwa die Hälfte ist intakt, nicht alle sind zu retten. Ein Senatsprogramm soll helfen.

„Schockierende Bilder“ kündigt Norbert Prauser zu Beginn seines Vortrages an. Dann zeigt der Baumschutzexperte des Umweltverbandes BUND ein Foto vom „Froschteich“ im Grunewald, an dessen Grund die Sträucher braun sind nach einem Brand. Der Weiher Waldorfpark in Mahlsdorf ist eine staubige Senke, der Artuspfuhl in Frohnau eine bewachsene Waldlichtung, der Teich am Steinberg in Pankow-Heinersdorf ein Schilfdickicht.

353 Kleingewässer in bisher sechs der zwölf Berliner Bezirke hat der BUND in den vergangenen beiden Jahren untersucht – Pfuhle, Weiher, Teiche, Tümpel und Speicher mit meist deutlich weniger als einem Hektar Fläche. Fast die Hälfte von ihnen hat demnach gravierende Mängel.

Die Probleme sind unterschiedlich: Einige Pfuhle hat der Klimawandel mit immer längeren Trockenperioden und höherer Verdunstung wegen höherer Temperaturen dahingerafft. Anderen wurde durch zunehmende Versiegelung in der Umgebung das Wasser abgegraben, wieder andere müssten einfach mal vom Schilf befreit werden, das einst als Baumaterial gefragt war, aber nun ein Kostenfaktor ist.

Dabei sei Schilf an sich nicht schlimm, „aber Frösche brauchen Wasser und Sonne“, sagt Prauser. Wenn er die Frösche erwähnt, sind andere Arten mitgemeint, Kröten und Molche etwa. Die sterben lokal aus, wenn ihr Revier trockenfällt und in der Nachbarschaft kein Ausweichquartier erreichbar ist.

Dass die Mängelquote knapp unter 50 Prozent geblieben ist, liegt laut dem BUND an der positiven Ausnahme Steglitz-Zehlendorf. Im Südwestbezirk seien nur 28 Prozent problematisch. Als besonders erfreuliches Beispiel zeigt Prauser den Fischtalteich, wo sich Seerosenfelder und Rohrkolben mit offenem Wasser abwechseln.

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Das andere Extrem ist Marzahn-Hellersdorf mit 68 Prozent Mängelquote. Prauser lobt, dass der Senat zumindest eine Untersuchung zur Rettung der Hönower Weiherkette in Auftrag gegeben habe, und hält sich auch sonst mit Schuldzuweisungen zurück. Aber er konstatiert: Viele Gewässer seien vor Jahren der Obhut der Bezirksämter zugeordnet worden, die dafür weder Fachleute noch Pflegekapazitäten hätten.

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Bei den einst ebenso vernachlässigten Straßenbäumen sei die Situation bereits besser geworden. Eine vergleichbare Anstrengung sei nun auch für die Gewässer nötig – um zu retten, was zu retten ist.


Der Eichenpfuhl nahe der Gropiusstadt in Neukölln ist als Naturdenkmal besonders geschützt - aber längst verschwunden. Foto: Stefan Jacobs Vergrößern
Der Eichenpfuhl nahe der Gropiusstadt in Neukölln ist als Naturdenkmal besonders geschützt - aber längst verschwunden. © Stefan Jacobs

In Tempelhof-Schöneberg und Neukölln sind einige Pfuhle sogar als Naturdenkmale eingetragen und deshalb formal besonders geschützt. Doch auch deren Zustand ist teils desolat, wie eine Tagesspiegel-Recherche im Frühjahr ergab. Im BUND-Report stehen die beiden Bezirke mit Mängelquoten von 47 und 42 Prozent.

Außerdem untersucht wurden Lichtenberg und Reinickendorf, denen der BUND Mängelquoten von 51 und 46 Prozent attestiert. Dass bisher nicht alle Bezirke betrachtet wurden, sei eine Kapazitätsfrage, sagt Prauser. Zumal es im Land nicht mal ein komplettes Verzeichnis aller Kleingewässer gebe. 435 sind nach Auskunft des BUND registriert; real dürften es um die 700 sein - soweit noch vorhanden.

Die Senatsverwaltung für Umwelt bestätigt auf Tagesspiegel-Anfrage, dass es zwar tatsächlich keinen vollständigen Überblick über die ökologischen Zustände aller Kleingewässer gibt. Was es aber gebe, seien "Kenntnisse und Untersuchungen über einen beträchtlichen Teil davon sowie auch bereits Maßnahmen", teils von Senat und Bezirken zusammen.

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Zentrales Problem sei der Wassermangel aufgrund des Klimawandels, der nahezu alle stehenden Gewässer Berlins betreffe. "Vor allem die Trockenjahre 2018 bis 2020 haben das Problem nochmal deutlich verschärft." Hinzu komme heranrückende Bebauung, die wertvolle Lebensräume bedrohe.

Als Gegenmaßnahme bereits in Arbeit sei zum einen ein dezentrales Regenwassermanagement, also Versickerung an Ort und Stelle. Für manche Gewässer werde die Einleitung von vorgereinigtem Regenwasser aus der Umgebung geprüft. Außerdem verweist der Senat auf das Projekt „Blaue Perlen für Berlin“, bei dem kleine Fließ- und stehende Gewässer ökologisch aufgewertet werden - für Amphibien ebenso wie für erholungssuchende Berliner. 30 Gewässer seien dafür ausgewählt, zwei als Pilotprojekte, nämlich der Gewässerkomplex Schleipfuhl/Feldweiher in Marzahn-Hellersdorf und der Lankegrabenteich in Steglitz-Zehlendorf. Beide seien in Vorbereitung; "die Umsetzung ist für 2023/24 geplant".

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