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Überfall auf einen Geldtransporter vor einer Volksbank Filiale am Kurfürstendamm, Ecke Bleibtreustraße. Foto: imago images/Stefan Zeitz
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Überfall am Kurfürstendamm Berlins kriminelle Banden und ihre Geldnot in der Pandemie

Zuletzt gab es in Berlin mehrere risikoreiche Überfälle - die Täter, sagen Szenekenner, stammten oft aus dem Clan-Milieu. Corona spielt dabei eine Rolle.

Wieder ein spektakulärer Überfall, wieder vor vielen Zeugen, offenbar wieder mit Schusswaffen im Anschlag. Während Passanten, Busse und Autos den Tatort am Berliner Kurfürstendamm passieren, verladen vier Gangster die Beute. Die Tat wird von den Fenstern aus mit Mobiltelefonen gefilmt.

Der Ablauf: Geldboten wollen gerade Automaten in einer Volksbank-Filiale am Ku'damm/Bleibtreustraße auffüllen, als ein Auto vorfährt, dem die Täter entspringen. Nach dem Überfall fliehen sie mit einem "Audi", der am Mittag in Schöneberg gefunden wird. Ausgebrannt.

Ein Augenzeugenvideo zeigt den Überfall am Ku'damm:

So oder ähnlich liefen zuletzt mehrere Überfälle ab. Oft werden Männer aus dem Clanmilieu verdächtigt, Ermittler sprechen von "geübten" Banden - die sich eben oft aus den deutsch-arabischen Großfamilien rekrutierten. Warum kriminelle Banden just in der Pandemie zu so risikoreichen Taten neigen, hängt mit den Folgen der Coronakrise zusammen.

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Der Drogenhandel läuft selbst in Berlin vergleichsweise dürftig: Zwar gibt es auch in der Pandemie zu fast jeder Zeit Kokain, Ecstasy und Haschisch zu kaufen. Doch Clubs haben geschlossen und Touristen fehlen. Auch Schutzgeld ist schwieriger einzutreiben, weil Bars, Friseure, Casinos geschlossen sind.

Die Liste spektakulärer Taten in Berlin ist lang

Und auch Prostitution ist aktuell weniger profitabel - einerseits, weil Bordelle des Infektionsschutzes wegen geschlossen sind, andererseits, weil Geschäftsreisende, Touristen und Gestalten des Nachtlebens als Kunden wegfallen. Allein in den letzten Pandemiemonaten gab es in nur vier Berliner Bezirken sechs riskante Überfälle.

Februar 2020, Überfall auf eine Bank in Wilmersdorf. Als eine Angestellte in der Commerzbank in der Blissestraße zum Tresor geht, wird sie von zwei Maskierten bedroht. Als der Alarm losgeht, flüchten die Täter ohne Beute.

Dezember 2020, Überfall auf einen Geldboten am Treptower Park. Die Polizei sucht die Täter auch mit einem Hubschrauber, der nach dem Raub über Neukölln kreist. Bis heute sind die Männer mit einer hohen Summe entkommen. Eine "halbwegs eingespielte Truppe", sagt ein Szenekenner, sei das wohl gewesen.

[Mehr zum Thema: Ex-Bordell-Betreiber packt aus - warum Berliner Clan-Kriminelle so oft zur Schusswaffe greifen (T+)]

Dezember 2020, Raub an einem Geldtransporter bei Ikea in Tempelhof. Drei Männer stürmen auf einen Mitarbeiter zu, der mit einer Geld-Kassette zu seinem gepanzerten Fahrzeug läuft. Mit Schusswaffen bedrohen sie den Mann, rauben das Geld. Im Januar wird ein 18 Jahre alter Neuköllner festgenommen. "Aus dem Milieu", wie ein Beamter sagt, "weiteres Umfeld, nicht Kern eines Clans."

Polizisten stehen am Eingang einer Bankfiliale an der Blissestraße in Berlin-Wilmersdorf, die im Februar überfallen wurde. Foto: Paul Zinken/dpa-Zentralbild/dpa Vergrößern
Polizisten stehen am Eingang einer Bankfiliale an der Blissestraße in Berlin-Wilmersdorf, die im Februar überfallen wurde. © Paul Zinken/dpa-Zentralbild/dpa

August 2020, Überfall auf eine Bank an der Detmolder Straße in Wilmersdorf. Die Täter rammen mit einem Wagen ein Gitter, dringen ins Gebäude ein, schießen auf einen Wachmann. Ohne Beute laufen die Täter zur nahen Autobahn 100, wo ein Fluchtfahrzeug wartet. Das ausgebrannte Auto wird in Neukölln gefunden.

Juli 2020, vier Räuber greifen vor ungezählt vielen Zeugen einen Geldboten am Hermannplatz in Neukölln an. Sie versprühen Reizgas und versuchten, dem Mann erfolglos den Geldkoffer zu entreißen.

Juni 2020, der erste Überfall auf die Bank an der Detmolder Straße nahe des Bundesplatzes in Wilmersdorf. Die Täter sollen einen Geldkoffer mit einer halben Million Euro erbeutet haben. Spuren ins Neuköllner Clanmilieu werden geprüft.

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Der Druck, wieder an Geld zu kommen, ist groß

Doch warum schreckt die Täter vom Freitag die gerade erst erfolgte Großrazzia nicht ab? Am Donnerstag stürmen 500 Beamte im Morgendunkel 22 Gebäude in Berlin und Umland. Es geht um Drogen, Kriegswaffen und Körperverletzung, verdächtigt sind dabei Männer eines Flügels des Remmo-Clans, der sich erst im Sommer heftige Revierkämpfe mit tschetschenischen Familien lieferte.

Der Druck im Milieu, wieder an Geld zu kommen, sei groß. Und so "ein Objekt", wie ein Beamter über die avisierte Bank am Ku'damm sagt, werde über Wochen beobachtet: "Das wollen die Leute dann auch durchziehen." Zudem ist in den Clans bekannt, dass auch der Staat verschnaufen muss.

[Mehr zum Thema: Überfälle als Verzweiflungstat? Den Clans geht das Geld aus (T+)]

Größere Razzien werden oft über Monate geplant, sie sind nicht mehrfach die Woche wiederholbar: Die Behörden anderer Bundesländer müssen um Amtshilfe gebeten, die Elitekräfte aus dem SEK, zuweilen sogar der GSG 9 eingewiesen, von Staatsanwälten viel Papierkram vorbereitet werden.

Jenseits des Einflusses den Corona auf die Taten hat, häuften sich risikoreiche Überfälle nach 2019: Berlins Staatsanwaltschaft hat damals richterliche Beschlüsse zum Einzug der Mieteinnahmen aus Immobilien erwirkt, die Berlins bekanntester Großfamilie zugerechnet werden. Angeblich, so ein Szenekenner, fielen "fünfstellige Beträge" im Monat weg. Vertreter des Clans hatten offenbar mit Beutegeld 77 Immobilien gekauft, die 2018 eingezogen wurden.

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