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Die eine Seite der Ausstellungsstätte vor der Station Berlin. Foto: privat
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Trotz Corona-Lockdown in Berlin Ausstellung „Wiedererwachen“ soll der Kunstszene Hoffnung geben

Kuratorin Semra Sevin appelliert an die freie Kunstszene: Gerade in der Pandemie müsse sie zusammenhalten. Also organisierte im Lockdown eine Ausstellung.

„Ich fühlte mich die ganze Zeit wie ein Partikel im Wasser, der von einem Sturm ständig hin- und hergerissen wird“, sagt Semra Sevin. Sie ist Fotoküstlerin und Initiatorin sowie Kuratorin der neuntägigen Open-Air-Ausstellung „Wiedererwachen“, die am Samstagabend vor der Station Berlin und dem Aletto Hotel am Gleisdreieck in Kreuzberg eröffnete.

Der Sturm, von dem sie in Vorbereitung auf die Ausstellung aufgewühlt wurde, so könne man sagen, ist die beinahe normal gewordene Ungewissheit der Coronakrise. „Eigentlich weiß ich genau, was zu tun ist. Bei dieser Ausstellung wusste ich es nie“, sagt Sevin, sie bleibt immer herzlich, mit einem Lächeln im Gesicht.

Dabei hat Sevin allen Grund aufgeregt zu sein. Ob „Wiedererwachen“ wirklich stattfinden könnte, war in den vergangenen Monaten unklar – bis Sevin sich entschloss, die Ausstellung komplett draußen zu veranstalten.

Sie soll ein Appell an die freie Kunstszene sein, sich von den vielen Einschränkungen in der Pandemie nicht unterkriegen zu lassen.

Lockdownkonforme Vernissage am Gleisdreieck

Sevin stand in engem Kontakt zum Gesundheitsamt: Sie hat zum Beispiel Ordner eingestellt, die vom Aletto Hotel gegenüber mit Megaphon und Laserpointern intervenieren sollen, wenn Besucher zu nah beieinander stehen. Eine Person pro drei Quadratmeter ist erlaubt.

Zeitslots muss man über Eventbrite online buchen. QR-Codes mit hinterlegten Objekt- und Künstlerbeschreibungen sollen Führungen ersetzen. Sicherlich paradox für einen Berufsstand, der sich über seine Freigeistigkeit definiert.

Sevin hat mit 31 Kunstschaffenden zusammengearbeitet, mindestens die Hälfte davon sind Frauen - das war Sevin wichtig. Den Gemeinschaftssinn innerhalb der freien Kunstszene in Berlin zu stärken, sei ihr Anliegen. Berlin habe seinen Ruf als international anerkannten Kunststandort ihrer Meinung nach vor allem der freien Szene und nicht den Kunstinstitutionen zu verdanken.

Sandra Schlipköters Skulptur "Spiegelfolie". Foto: Alicija Kwade / Philip Topolovac Vergrößern
Sandra Schlipköters Skulptur "Spiegelfolie". © Alicija Kwade / Philip Topolovac

Sie wollte deshalb das Potenzial der Szene nutzen, um eine Ausstellung mit Messecharakter zu schaffen, die trotz Hygienebeschränkungen funktionieren kann.

Die Kunstobjekte werden teilweise draußen vor der Station Berlin ausgestellt (und täglich neu aufgebaut), manche in Schaufenstern des Hotels und der Station Berlin. So etwa Sandra Schlipköters Scherenschnitt, der ein Zusammenspiel aus Lichtwellen darstellt, und mit Spiegelfolie überzogen selbst Reflexionen erschafft.

Ungewissheit für bildende Künstlerinnen und Künstler

Im Schaufenster nebenan dann die extravaganten Aluminiumskulpturen des japanischen Künstlers Toshihiko Mitsuya. Draußen hängt etwa die Skultpur „Black Hole“ des Berliner Künstlers Erik Andersen, eine an einem Stahlseil hängende, offen klaffende schwarze Kiste aus Epoxidharz.

Ob sie gerade aufklappt oder sich schließt, bleibt ungewiss, genauso ihr Inhalt. Eine Metapher für unsere unsicheren Zeiten. Andersen fertigte die Skulptur schon 2019, fand es aber passend, sie erneut auszustellen.

Im Vordergrund: Erik Andersens Skultpur "Black Hole". Foto: privat Vergrößern
Im Vordergrund: Erik Andersens Skultpur "Black Hole". © privat

Der Bildhauer war an der Organisation und dem Aufbau der Ausstellung maßgeblich beteiligt. Er sieht sie als Zeichen, dass Künstler auch im Lockdown das beste aus ihrer Situation machen können. „Ich habe keinen Plan B. Ich mache das, was ich mache“, sagt der Künstler.

Seiner eigentlichen Arbeit im Atelier – dem Bildhauern und Malen – könne er zwar immer nachgehen. Doch die Möglichkeiten, die eigene Kunst zu verkaufen, würden zuletzt immer weniger werden.

Herzstück der Ausstellung: Lichtinstallationen von Peter Vink

Unabhängiger von der Pandemie ist der niederländische Lichtkünstler Peter Vink. Semra Sevin hatte ihn angefragt, da sich eine Lichtinstallation bei der Außenaustellung anbiete. Er sagte sofort zu, erhielt sogar ein Sponsering der Niederländischen Botschaft und arbeitete drei Wochen ununterbrochen in den leeren Räumen der Station Berlin.

Neben einer Lichtinstallation, die ein Dreieck zwischen dem Hotel und der Station formt, sobald es dunkel wird, hat Vink zwei weitere Werke beigesteuert.

Eine Installation steht vor der Station, die andere auf dem Dach und ist lediglich bei einer Fahrt mit der U1oder U3 über die Hochbahntrasse zu sehen. Beide Installationen bestehen aus Absperrgittern, wie sie auch auf dem Gelände der Station Berlin zu finden sind.

Peter Vinks Lichtinstallation ist das Herzstück der Ausstellung "Wiedererwachen" und nur von der U1 und U3 aus sichtbar. Foto: privat Vergrößern
Peter Vinks Lichtinstallation ist das Herzstück der Ausstellung "Wiedererwachen" und nur von der U1 und U3 aus sichtbar. © privat

Vink sucht immer einen Bezug zu dem Ort, an dem seine Kunst zu sehen ist. Gleichzeitig steht das Absperrgitter sinnbildlich für die Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen in der Pandemie.

Bei der Installation auf dem Dach lässt Vink zum ersten Mal Farben in seine Lichtinstallation einfließen. Es sind die Farben der U1, U2 und U3 also hell-, dunkelgrün und orange. „Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie oft ich hier mit der U-Bahn entlang gefahren bin“, sagt Vink. „Alles verschwamm zu einem surrealen Traum.“

Ab etwa 16 Uhr erwecken Lichter den Ausstellungsort zum Leben. Dann ergibt sich ein spektakuläres Zusammenspiel, ein Gesamtbild gemeinschaftlicher Anstrengung, das Licht in eine Szene bringen soll, die in den vergangenen Monaten von der Krise überschattet wurde.

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