Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Die Rückepferde ziehen Stämme zum nächsten Weg - anstelle von Maschinen. Das schont den Waldboden. Foto: Stefan Jacobs
© Stefan Jacobs

Tierische Helfer für die Förster 800 Kilo schwere Kaltblüter kommen in Berlins Wäldern zum Einsatz

Sechs Pferde helfen den Förstern in Berliner Wäldern, indem sie Baumstämme ziehen. Sie sind ein Luxus mit ökologischem Mehrwert – und Sympathieträger.

Es war schwer, die freien Stellen zu besetzen. Dabei sind die Arbeitsbedingungen attraktiv: Werktags 8 bis 14 Uhr, an Wochenenden frei, Sommerurlaub auf Brandenburger Pferdehöfen, kein Papierkram, Vollverpflegung, Quartier wird gestellt. Aber der Markt für Arbeitspferde ist winzig, weshalb die Berliner Forsten den Nachwuchs lange suchen mussten.

Jetzt ist er da: Pauli, gebürtiger Nordrhein-Westfale, und Bubi aus Bayern, wohnhaft neuerdings in der Revierförsterei Dreilinden, zuständig für den Grunewald. Bereits im vergangenen Herbst wurde nach bundesweiter Suche in der Grünauer Försterei Henry eingestellt, der dort mit Feger das Team für Köpenick bildet. Und in der zum Forstamt Tegel gehörenden Revierförsterei Spandau sind Ivan und Gasso stationiert. Nur im Beritt des Forstamtes Pankow gibt es keine Pferde.

Während die letzten Berliner Polizeipferde vor Jahren in die Wüste – genauer: zur Bundespolizei – geschickt wurden, leisten sich die Forsten weiter sechs sogenannte Rückepferde: 800 Kilo schwere Kaltblüter, die als Doppelgespann ebenso schwere Stämme ziehen, also rücken, können. Im Beisein von Umweltstaatssekretärin Silke Karcher wurde ihre Arbeit am Freitag in Dreilinden im Zehlendorfer Wald vorgeführt.

An einem ledernen Geschirr ist eine Stahlkette befestigt, die um einen Buchenstamm – drei Meter lang, 50 Zentimeter dick – abseits des Weges geschlungen wird. Ein Mensch könnte ihn kein Stück bewegen, und eine Forstmaschine würde Waldboden und Jungbäume kaputtfahren, um den Stamm zu erreichen. So aber kann ihn der Förster einfach mit dem Kranarm auf den Rückeanhänger laden, den auch die Pferde hergezogen haben.

Eine Möhre fürs Pferd: „Das ist Volker, mein Liebling“

Während ein Kollege die Arbeit vorführt, gibt ein anderer ein paar Meter entfernt einem hellbraunen, an einen Baum gebundenen Pferd eine Möhre und fährt ihm liebevoll mit der Hand durch die Mähne. „Das ist Volker“, sagt er, „mein Liebling“. Der Mann ist Dennis Gwiasda, „hier dienstältester Forstwirt“, und Volker ist fast 24, also längst fällig für den Ruhestand, den er mit seiner Kollegin Pünktchen bald auf einem idyllischen Gnadenhof antreten darf.

[Für alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Pünktchen ist erst 17, aber die beiden Pferde sind ein altes Paar, das die Trennung schwer verkraften würde. Deshalb übernehmen zwei Neue den Job. Die sind fünf und wurden als nicht ausgebildete Kutschpferde gekauft. Ein Schnäppchen wohl, so um die 4000 Euro pro Exemplar, zuzüglich Risiken und Nebenkosten. Aber die beiden hätten sich als Glücksgriff erwiesen, sagen ihre Betreuer: gelehrig und stark.

Volker sei sein Liebling, sagt Forstwirt Dennis Gwiasda. Aber Volker geht jetzt in den pferdienten Ruhestand. Foto: Stefan Jacobs Vergrößern
Volker sei sein Liebling, sagt Forstwirt Dennis Gwiasda. Aber Volker geht jetzt in den pferdienten Ruhestand. © Stefan Jacobs

Dennis Gwiasda ist kein Gespannführer. „Ich liebe diese Pferde“, sagt er, aber ihnen den ganzen Tag hinterher zu laufen, wäre ihm zu langweilig. Er baue und repariere umso lieber ihre Wohnstatt, wenn sie mal was kaputtmachen, was bei 800 Kilo leicht passieren kann.

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de]

Jetzt kostenlos bestellen

Wie die Gespannführer – Forstwirte mit Zusatzausbildung – ihre Pferde lieben, ist am freundlichen Umgang zu erkennen und erschließt sich auch beim Blick auf den sonstigen Aufwand: Die Tiere müssen auch am Wochenende versorgt werden, das sonst arbeitsfrei wäre. Überhaupt, der Aufwand: Koppel, Stall, Heulager, Pferderückeanhänger, Transportanhänger – alles nur wegen der Tiere. Ist das angemessen bei einer vom Landeshaushalt gespeisten Behörde?

Zwischendurch gibt's Möhrenpausen. Stefan Jacobs Vergrößern
Zwischendurch gibt's Möhrenpausen. © Stefan Jacobs

„Wir leisten uns das“, sagt Gunnar Heyne, Leiter der Berliner Forsten. Die Tagesleistung der Pferde von 20 Kubikmeter bewegtem Holz reiche längst nicht an die von Maschinen heran, aber gerade auf nassem Boden und an Hängen seien die Pferde wirklich schonender für den Wald. Außerdem erreichen sie jede Stelle im Wald, können auch pflügen und helfen, den 40-Meter-Abstand zwischen zwei „Rückegassen“, also den Fahrwegen für die Maschinen, einzuhalten. Die 40-Meter-Regel verlangen die Gütesiegel FSC und Naturland, mit denen die Berliner Forsten zertifiziert sind.

Auch die Staatssekretärin bekennt sich zu den Pferden: Sie erhöhten die Attraktivität des Berufs und passten zum Primat der Berliner Forsten für Erholung und Bildung, etwa in den Waldschulen. Nebenbei reicht sie Volker eine Möhre, der sie vorsichtig nimmt. Man muss ihn einfach mögen.

Zur Startseite