Kaum ein Radler in Berlin, der nicht von riskanten Überholmanövern von Autofahrern berichten kann. Foto: imago/Seeliger
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Tagesspiegel-Projekt "Radmesser" Radler und Autofahrer – gefährliche Nähe auf Berlins Straßen

Michael Gegg David Meidinger
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Wie viele Autos halten beim Überholen von Radfahrern den Mindestabstand ein? Wir messen es: mit einem selbst entwickelten Abstandsmesser. Machen Sie mit beim Projekt "Radmesser".

Regelmäßig überholen Autofahrer in Berlin Radler mit zu wenig Sicherheitsabstand. Hochgefährlich – und ein Grund, warum viele Menschen auf das Rad verzichten. Das neue Tagesspiegel-Projekt „Radmesser“ misst nun Überholabstände in der Stadt. Auch Sie können mitmessen!

Es ist Dienstagmorgen 10.35 Uhr. Es ist jetzt schon 25,5 Grad warm. Ein 29-Jähriger steht mit rotem Fahrrad vor dem Funkturm in Westend. Zwei junge Scheibenputzer an der Kreuzung beobachten ihn neugierig, während er erst eine kleine schwarze Plastikbox an seinen Fahrradrahmen schnallt und anschließend sein Smartphone und eine kleine Kamera an den Lenker klemmt. Die beiden kommen näher: „Und jetzt filmst du alles, oder was?“ „Ja“, sagt der Radfahrer und fährt los. Richtung Osten, 10 Kilometer einmal durch die Stadt bis zum Kottbusser Tor.

Das Ziel: Messen, wie eng Autos die Radfahrer auf der Straße überholen.

Der Grund: Eine gefährliche Lücke klafft in all den Zahlen, Statistiken und Analysen, die es bisher über den Radverkehr in Berlin gibt.

Nämlich dann, wenn es um die Sicherheit von Radfahrern im fließenden Verkehr geht. Die Zählstellen der Senatsverwaltung erheben lediglich, wie viele Räder vorbeifahren. Die Unfallstatistiken verzeichnen nur, wenn etwas schon zu spät ist: Eine seit Jahren relativ konstante Zahl Schwerverletzter und toter Radfahrer, die als weiße Geisterfahrräder die Straßen säumen. Zum tatsächlichen Verhalten von Autofahrern gegenüber Radfahrern auf der Straße gibt es keine harten Fakten. Die Berliner Polizei sagt: „Hinsichtlich dieser Thematik finden keine Schwerpunktkontrollen im Rahmen der Verkehrsüberwachung statt. Zur Anzahl der Verstöße liegen keine validen Daten vor.“

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Bis zum heutigen Tag. Gemeinsam mit Physikern, Programmierern, Experten für Künstliche Intelligenz und Designern arbeiten Tagesspiegel-Redakteure seit dreieinhalb Monaten im Projekt „Radmesser“ an diesem Problem. Das Team hat einen Sensor gebaut, der sowohl messen kann, wie viel Überholabstand Autos, LKW, Busse und Roller gegenüber Radfahrern einhalten, als auch, wie nahe der Radfahrer dabei an parkenden Autos fährt. Und er zeichnet auf, an welcher Stelle die Überholmanöver passieren.

Das Ergebnis ist die kleine schwarze Plastikbox, die sich der Radfahrer am Fahrrad befestigt hat. Der heißt übrigens Michael Gegg und ist Teil des Radmesser-Teams. Also los.

Der Sensor. Der Abstandsmesser wird am Rahmen des Fahrrads befestigt. Mit Ultraschall misst er nach links und rechts und übermittelt die gemessenen Daten an das Smartphone, das am Lenker befestigt wird. Foto: Hendrik Lehmann
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Vorbei am maroden ICC fährt er die Neue Kantstraße hinab. Kaum ist die Brücke über die A100 überquert, endet die Busspur und ein grüner Pickup rast vorbei. Überholabstand: 1,02 Meter. Die Fahrbahn neben ihm ist leer. Der Fahrer hätte problemlos die Spur wechseln können. 270 Meter weiter folgt ein schwarzer Golf mit Heckspoiler. Überholabstand: 1,28 Meter. Auch er hätte genügend Platz gehabt, mehr Abstand zu lassen.

Die Regeln sind eigentlich klar: „Wer als Kraftfahrzeugführer einen Radfahrer überholt, muss je nach dessen Fahrweise und seiner eigenen Fahrgeschwindigkeit ausreichenden Seitenabstand einhalten, mindestens 1,5 bis 2 Meter“, heißt es auf Anfrage bei der Berliner Polizei. Dieser Abstand wurde in Gerichtsverfahren bestätigt, ist aber nicht in der Straßenverkehrsordnung niedergeschrieben. Wie viel Abstand man halten muss, hängt außerdem davon ab, wie Strecke und Radfahrer selbst beschaffen sind. Handelt es sich um einen älteren Radfahrer, muss mehr Abstand gehalten werden.

Unser Fahrer ist jung, 1,50 Meter ist der Minimalwert. Für ihn gilt auf der ganzen Strecke, defensiv zu fahren. Recht knapp vor der Kreuzung Neue Kantstraße/Trendenburgstraße parkt ein DHL-Transporter in zweiter Reihe. Also Hand raus und nach einigem Warten den Lieferwagen links überholt. Das nachfolgende Auto wartet nicht, bis das Fahrrad wieder auf der rechten Spur angekommen ist.

Von zwei Seiten unter Druck

Warum der Fokus auf Überholabstände? Inzwischen gibt es in der Innenstadt mehr Haushalte ohne Auto als solche mit. Der Radverkehr in der Stadt steigt seit 1972 konstant an. Fragt man Interessenverbände und Ottonormalberliner, was sie als größte Gefahr beim Radfahren empfinden, hört man immer wieder: Den Überholabstand von Autos. „Das macht Menschen einfach Angst“, sagt Lara Eckstein vom ADFC: „Durch knappes Überholen entsteht ein Unsicherheitsgefühl auf der Straße, wegen dem sich viele Menschen nicht aufs Rad trauen.“ Und es fühlt sich nicht nur bedrohlich an. Es kann auch dazu führen, dass Fahrradfahrer weiter rechts fahren, zu dicht an parkenden Autos. Das wiederum erhöht das Risiko von Unfällen mit plötzlich geöffneten Autotüren. Oder sie weichen illegalerweise auf den Gehweg aus, was Fußgänger gefährdet.

Das Experiment. Michael Gegg vom Tagesspiegel-Datenteam macht den Anfang. Mit dem Abstandmesser am Fahrrad ist er 10 Kilometer vom Funkturm bis zum Kottbusser Tor gefahren. Bilanz: Er wurde von 123 Fahrzeugen überholt, 50 mal mit weniger als zwei Metern Abstand, 31 mal unter 1,50 Meter. Und vier mal mit weniger als einem Meter. Foto: Hendrik Lehmann
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Aber ist das Ganze wirklich ein Massenphänomen oder machen hier Fahrradlobbyisten Stimmung gegen Autofahrer? Und wie hängt das mit der Gestaltung der Straßen und Radwege zusammen? Die Messungen sollen der emotional geführten Verkehrsdebatte Fakten entgegenstellen.

Zurück auf die Strecke. Weiter geht es in die Kantstraße. Nun ist es im Westen nichts Neues, dass dort viel Verkehr ist. In der Bezirksverwaltung hat das bisher niemanden dazu bewegt, hier Radwege zu bauen. Eine Auswertung der Datensätze der Berliner Verwaltung zu Radwegen in Berlin ergibt: Auf ihren gesamten 2,6 Kilometern Länge hat die Kantstraße genau 38,4 Meter Schutzstreifen für Radfahrer. Jetzt, da der Senat mit seinem neuen Mobilitätsgesetz versprochen hat, die Stadt fahrradfreundlicher zu gestalten, könnte es ja sein, dass hier neue Radwege geplant sind?

Viel Ahnungslosigkeit in den Bezirken

Das ist gar nicht so einfach herauszufinden. Im Rahmen der Recherche wurde in den letzten drei Monaten immer wieder beim Senat nachgefragt, wo in Berlin Maßnahmen für Radfahrer geplant sind. Neben ungenauen Übersichten verwies die Senatsverwaltung auf die Bezirke. Also wurden sie alle einzeln gefragt – mehrfach. Während beispielsweise Friedrichshain-Kreuzberg sofort eine detaillierte Übersicht mit 59 geplanten Projekten schickte, wissen andere Bezirke gar nicht genau, was sie vorhaben. Charlottenburg-Wilmersdorf gibt an, dass der Bezirk „zurzeit keine neuen Radwege plant“. Laut einer Schriftlichen Anfrage des Abgeordneten Joschka Langenbrinck (SPD) ist in der Kantstraße allerdings doch eine Radverkehrsanlage geplant – 2017. Kostenpunkt: 487,90 Euro. Auf die konkrete Nachfrage, was dort geplant sei, reagiert der Bezirk nicht.

Die nächsten Autofahrer halten etwas mehr Abstand. Kurz hinter dem Savignyplatz parkt ein Diplomatenwagen in zweiter Reihe. Und der schöne neue Radweg vorm Waldorf Astoria ist leider meist zugeparkt. Beides überrascht wenig. Auf der Tauentzienstraße dauert es keine zwei Minuten, bis ein Taxifahrer mit überhöhter Geschwindigkeit eng vorbeirauscht. Überholabstand: 1,08 Meter. Ein anderer Taxifahrer wird vorm Halleschen Tor das gleiche tun. Noch davor überholt das Busrudel, das sich in dem Moment die Tauentzienstraße entlang wälzt. Der erste macht den Anfang mit 1,14 Metern. Links ist die Spur leer. Zwei der nachfolgenden BVG-Fahrer überholen ebenfalls zu eng. #Weilwirdichlieben? Naja…

Rekord liegt bei 58 Zentimetern Abstand 

Dann, endlich! An der Urania kommt ein abgetrennter Radweg. Leider ist der so holprig, dass sich das Gefährt eher nach Pferd als nach Fahrrad anfühlt. Und der nächste Radweg auf der Kurfürstenstraße ist kaum noch zu erkennen. Er endet in einem Baum. Auch an diesen Stellen sind keine Ausbesserungen geplant. Trotzdem will Tempelhof-Schöneberg nach Zusammenfassung verschiedener Quellen anscheinend 30 Maßnahmen umsetzen. Das könnte noch dauern. Die zuständige Bezirksstadträtin Christiane Heiß (Grüne) warnt: „Zudem gibt es eine aus meiner Sicht unrealistische Erwartungshaltung, dass bauliche Maßnahmen binnen Jahresfrist umzusetzen wären. Hier kann ich nur auf den Hochbau verweisen, wo auch Planungs- und Umsetzungsfristen von drei bis zehn Jahren üblich sind.“

An dieser Stelle kürzen wir ab: Michael Gegg fährt weiter Richtung Kreuzberg. Es wird nicht besser. Am Kottbusser Tor findet das Finale statt. Ein Krankenwagen ohne Blaulicht und Sirene rauscht mit 1,22 Metern Abstand vorbei, kurz bevor dann ein Transporter mit 58 Zentimetern Abstand den Rekord der Fahrt aufstellt.

Die Bilanz: Auf der gesamten Strecke überholen genau 123 Fahrzeuge. 50 davon mit weniger als zwei Metern Abstand, 31 unter 1,50 Meter. Und vier mit weniger als einem Meter. Auf den meisten Abschnitten der Strecke sind keine Maßnahmen geplant.

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DAS PROJEKT

Von Mai bis Ende 2018 beschäftigt sich das Projekt Radmesser mit der Sicherheit von Radfahrern auf den Straßen Berlins. Dazu werden Daten über Fahrradinfrastruktur ausgewertet und mit Ergebnissen von Tagesspiegel-Recherchen und Leserfeedback ergänzt. Das Team Radmesser ist ein interdisziplinäres Team aus Physikern, Programmierern und Redakteuren. Kern des Projekts ist die Entwicklung eines Sensors, mit dem sich der Überholabstand messen lässt, den Kfz einhalten, wenn sie Radfahrer überholen. 100 Leserinnen und Leser können sich ab heute als Testfahrer bewerben, um ebenfalls an dem Projekt teilzunehmen. Wenn Sie ausgewählt werden, bekommen Sie für acht Wochen einen Sensor gestellt. Am Ende werden die erhobenen Daten ausgewertet, um ein detailliertes Bild der gefährlichsten Stellen für Radfahrer auf den Straßen Berlins zeichnen zu können.

DER SENSOR

Der Abstandssensor wird am Rahmen des Fahrrads befestigt. Mithilfe von Ultraschall misst er durchschnittlich 20 mal pro Sekunde nach links und rechts. Über Bluetooth ist der Sensor mit dem Smartphone des Fahrers verbunden, das am Lenker befestigt wird. Die Breite des Lenkers wird später abgezogen. Wenn von hinten links ein Fahrzeug überholt, sendet der Sensor ein Signal an das Smartphone, welches daraufhin ein Foto auslöst. Aus den Ultraschalldaten in Kombination mit den Fotos errechnet anschließend ein Algorithmus mithilfe künstlicher Intelligenz, welche Art Fahrzeug überholt hat.

Das Projekt Radmesser wird vom Medieninnovationszentrum Babelsberg gefördert.

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