Der zerstörte Unfallwagen wird auf einen Abschleppwagen gehoben. Foto: Paul Zinken/dpa
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SUV-Unfall in Berlin-Mitte Porsche hilft Ermittlern – Verdacht auf Krankheits-Notfall verstärkt sich

Bei den Ermittlungen zum tödlichen SUV-Unfall in der Invalidenstraße geht es jetzt um die Frage: Wusste der Fahrer, dass er einen Anfall bekommen kann?

Es ist nur ein Detail. Aber es verdeutlicht, wie sehr sich aus Sicht der Staatsanwaltschaft der Verdacht auf gesundheitliche Probleme bei dem SUV-Fahrer beim Unfall in der Invalidenstraße verdichtet. Vier Menschen waren bei dem Unfall in der Invalidenstraße am 6. September zu Tode gekommen.

Am Montag hatte die Staatsanwaltschaft noch durchblicken lassen, dass technische Probleme als Unfallursache weniger in Frage kommen . „Es gibt keine Hinweise auf einen technischen Defekt“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, am Montag der Nachrichtenagentur dpa.

Am Dienstag dann korrigierte sich die Staatsanwaltschaft über Twitter und erklärte, die Untersuchung, "ob ein möglicher technischer Defekt unfallursächlich gewesen sein könnte, ist entgegen anders lautenden Medienberichten noch nicht abgeschlossen, sondern wird nunmehr mit Hilfe der Firma Porsche fortgesetzt".

Dabei hatte die Nachrichtenagentur dpa doch gar nicht behauptet, dass die Untersuchung zu einem möglichen technischen Defekt abgeschlossen sei. Die dpa hatte lediglich die Äußerung des Behördensprechers wiedergegeben und diese dahingehend interpretiert, dass die Staatsanwaltschaft einen technischen Defekt vorerst ausschließe.

Nun jedenfalls unterstützt der Hersteller Porsche die Ermittler. Dennoch haben sich laut Staatsanwaltschaft die bereits kurz nach dem Unfall aufgekommenen Hinweise auf gesundheitliche Probleme verstärkt.

Der SUV-Fahrer, der 42-jährige M., zu dem Unfall geschwiegen. Er lässt sich durch einen Anwalt vertreten. Und der hat sich - wie berichtet - gegenüber der Staatsanwaltschaft geäußert und erklärt, dass ein „akuter medizinischer Notfall“ vorgelegen habe.

Um welche Art Notfall es sich gehandelt hat, ob es Krämpfe oder ein epileptischen Anfall waren, teilte die Staatsanwaltschaft nicht mit. Bereits am Freitag, eine Woche nach dem Unfall, ist die Wohnung des SUV-Fahrers durchsucht worden. Die Ermittler haben Hinweise darauf gesucht, ob der SUV-Fahrer M. tatsächlich an Epilepsie erkrankt ist. 

Zur Frage, ob dort Hinweise darauf gefunden wurden, dass der Beschuldigte an Epilepsie oder einer anderen chronischen Krankheit leidet, teilte die Staatsanwaltschaft lediglich mit, es seien Beweismittel sichergestellt worden, die nun ausgewertet würden.

Nach dem Unfall soll die 67-jährige Mutter des Unternehmers angegeben haben, dass er einen epileptischen Anfall gehabt habe. Die Frau saß als Beifahrerin in dem Wagen, auf der Rückbank saß ein Kind des Mannes, der nach dem Unfall für kurze Zeit unter Polizeischutz im Krankenhaus lag.

Bei den Ermittlungen gehe es jetzt um die Frage, ob der Mann die gesundheitliche Situation vorhersehen konnte, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Übersetzt bedeutet das: Die Ermittler prüfen also, ob der Fahrer nicht nur fahrlässig, sondern im festen Wissen um die Gefahr sogar vorsätzlich gehandelt haben könnte.

Die Polizei sperrte die Unfallstelle sofort weiträumig ab. Foto: Stephan Haselberger Vergrößern
Die Polizei sperrte die Unfallstelle sofort weiträumig ab. © Stephan Haselberger

Dann wäre der Unfall von strafrechtlicher Relevanz. „Wenn vorhersehbar ist, dass jemand beispielsweise Krampfanfälle bekommt, sollte er nicht Auto fahren.“ Zugleich betonte er aber: „Das kann jedem passieren.“

Gegen Michael W. wird wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung ermittelt. Die Durchsuchung bei dem Porsche-Fahrer ist auch notwendig geworden, weil die Ermittler bei den Ärzten des Mannes nicht einfach an dessen Patientenakten herankommen. Selbst ein Richterbeschluss wäre dafür nur schwer zu bekommen, für Patientenakten bei sogenannten Berufsgeheimnisträgern besteht nach der Strafprozessordnung ein Beschlagnahmeverbot.

Sollten sich jedoch Unterlagen zu einer möglichen Erkrankungen in der Wohnung befunden haben, können diese bei der Durchsuchung beschlagnahmt und als Beweismittel genutzt werden. 

Bei dem Unfall an der Kreuzung Invaliden-, Ecke Ackerstraße starben am Abend des 6. September eine 64-jährige Frau, ihr drei Jahre alter Enkel und zwei Männer, ein Spanier, 28, und ein Brite, 29. 

Die Mutter des getöteten Kindes und ihr weiteres Kind mussten den Unfall mitansehen. Das 64-jährige Opfer lebte in Hessen, soll dort als Berufsschullehrerin tätig gewesen und im Sommer pensioniert worden sein. 

Ermittlungen zur Unfallursache gestalten sich schwierig

In Berlin soll sie zu Besuch gewesen sein, um ihrer Tochter bei der Betreuung der drei Kinder zu helfen. Der Brite und der Spanier waren ein Paar und wollten sich in Berlin ein gemeinsames Leben aufbauen. 

Der SUV war auf der Invalidenstraße in Richtung Osten auf der Gegenfahrbahn an einer Reihe Autos vorbeigefahren, die an der Ampel warteten. Dann raste der Porsche an der Kreuzung gegen eine Ampel, überschlug sich mehrfach, riss die vier Opfer und einen Bauzaun mit sich.

Die Ermittlungen zur Unfallursache gestalten sich schwierig. Bislang haben sich rund 50 Zeugen gemeldet. Sie werden nach und nach von der eigens gegründeten Ermittlungsgruppe „Invalidenstraße“, die aus sechs Beamten besteht, vernommen. 

Der Unfallort in der Invalidenstraße in Berlin-Mitte – im Hintergrund links die Fläche, auf der der Geländewagen zum Stehen kam. Foto: Britta Pedersen/dpa Vergrößern
Der Unfallort in der Invalidenstraße in Berlin-Mitte – im Hintergrund links die Fläche, auf der der Geländewagen zum Stehen kam. © Britta Pedersen/dpa

Es besteht allerdings das Problem, dass die meisten Zeugen nicht gesehen haben, wie der Porsche auf der Invalidenstraße entlang gerast ist. Sie gelten als sogenannte „Knallzeugen“: Sie haben erst hingeschaut, als sie den Aufprall des Wagens gehört haben.

Die Staatsanwaltschaft hat auch einen Gutachter eingeschaltet, der den Hergang des Unfalls untersuchen soll. Auch die Daten des SUV und das Dashcam-Video eines Taxifahrers, die den Unfall gefilmt hat, werden ausgewertet.

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Eine Online-Petition, in der die Einrichtung einer Tempo-30-Zone, Zebrastreifen und Ampeln zur Verkehrsberuhigung für die Umgebung des Unfallortes gefordert wird, unterzeichneten bis Dienstagnachmittag knapp 10.000 Menschen.

Blumen und Kerzen haben Menschen an der Unfallstelle abgelegt. Foto: Paul Zinken/dpa Vergrößern
Blumen und Kerzen haben Menschen an der Unfallstelle abgelegt. © Paul Zinken/dpa

Ein epileptischer Anfall, bei dem Betroffene die Kontrolle über ihren Körper verlieren oder Handlungen ohne Bewusstsein fortführen, lässt sich nur bei einem Fünftel der Patienten nachweisen. Falls der SUV-Fahrer tatsächliche Epileptiker ist, müsste auch geklärt werden, ob er dies dem Führerscheinbehörde mitgeteilt hat und ob er die Fristen eingehalten hat. 

Epileptikern wird ein Verbot des Fahrens von Fahrzeugen ausgesprochen, der Führerschein wird ihnen nicht entzogen. Erst nach verschiedenen Zeitabläufen, in denen sich nachweisbar keinen Anfall mehr hatten, dürfen sie wieder hinter das Steuer. (mit dpa)

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