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Müssen in Berlin erst Brandbriefe geschrieben werden?

Ebenfalls überfordert im schwierigen Kiez: Die Mozart-Schule in Hellersdorf. Foto: Susanne Vieth-Entus
Schulen in sozialen Brennpunkten Was hat Berlin aus dem Rütli-Brandbrief gelernt?

„Unsere Aufgabe ist es, Missstände vorher zu erkennen“, sagt Siegfried Arnz. Er ist nicht nur Abteilungsleiter in der Senatsverwaltung für Bildung, sondern hatte auch eine erfolgreiche Hauptschule geleitet, bevor der damalige Senator Böger ihn zum Hauptschulreferenten machte. Arnz legt Wert auf die Feststellung, dass die Zuweisung von Sozialarbeitern an alle Hauptschulen schon vor dem Rütli-Brief beschlossene Sache gewesen war.

Aktuell muss sich die Bildungsverwaltung erneut mit einem Brandbrief beschäftigen: Er kam im Januar von den Eltern der Hellersdorfer Wolfgang-Amadeus-Mozart-Gemeinschaftsschule und prangerte Gewalttätigkeit unter Schülern an, aber auch chaotische Zustände in einigen Klassen. In der Folge konnte der Direktor der traditionsreichen Neuköllner Walter-Gropius-Schule, eine der ältesten Gesamtschulen der Stadt, dafür gewonnen werden, übergangsweise nach Hellersdorf zu kommen. An drei Tagen pro Woche hilft er nun an der Mozart-Schule aus, bis eine neue Leitung gefunden ist. Insofern gilt für die Mozart-Schule durchaus: Es musste erst ein Brandbrief geschrieben werden.

Der Druck fehlt

An der Pusteblume-Schule fehlte dieser äußere Brandbrief-Druck. Zwar nennt die Bildungsverwaltung zahlreiche Versuche, der Schule zu helfen; auch sei ein Drittel des Kollegiums seit 2013 „gewechselt worden“. Offenbar verpuffte aber alles, was jedoch nur auffiel, weil die Inspekteure Ende 2015 abermals Alarm schlugen.

Können aber Inspektionsberichte Brandbriefe ersetzen? Eher nicht, zumindest nicht in ihrer jetzigen Form. Denn zwar müssen die Berichte seit einigen Jahren veröffentlicht werden. Aber man findet sie nur schwer, sie werden nicht automatisch auf der Homepage der Schulen verlinkt. Nur interessierte und eingeweihte Eltern wissen, dass man auf ein spezielles Portal der Bildungsverwaltung zugreifen muss, unter dem alle sogenannten Schulporträts abgelegt sind.

Auch die Quote der Schwänzer, des Stundenausfalls und die Durchschnittsnoten bei den zentralen Prüfungen finden sich hier. Je ärmer und bildungsferner der Kiez, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass Eltern herausfinden, wie heruntergewirtschaftet die Schule ihrer Kinder ist. Auch im Rütli-Kiez waren es eben nicht die Eltern, die Alarm schlugen, sondern die im aufmüpfigen West-Berliner Lehrer- und Gewerkschaftsmilieu sozialisierte Akademikerin Petra Eggebrecht.

Keine Region in Berlin hat schlechtere Sozialdaten als dieser Kiez

In Marzahn-Hellersdorf gibt es diese im Westen sozialisierten Lehrer kaum: Pädagogen aus Steglitz, Spandau, Hamburg, Bayern oder Baden-Württemberg sind wohl in attraktiven Ost-Bezirken wie Pankow oder Alt-Mitte anzutreffen, kaum aber in den Plattenbauregionen. Es gebe da noch einige „Mentalitätsunterschiede“, formuliert vorsichtig der Tempelhof-Schöneberger Personalrat Norbert Gundacker. Andere diagnostizieren eine DDR-geprägte Angst vor der Obrigkeit, die eine offene Rebellion verhindere, aber eine klammheimliche in Form von Arbeitsverweigerung, wie an der Pusteblume-Schule, einschließen könne.

„Der soziale Niedergang schreitet schneller voran, als die Schulen sich entwickeln können“, bedauert Pastor Bernd Siggelkow, der Gründer des Kinderhilfswerks „Arche“. Die Arche ist an der Pusteblume- und an der Mozart-Schule aktiv, versorgt die bedürftigen Kinder mit einem Frühstück. Es gibt keine Region in Berlin, die schlechtere Sozialdaten hat als dieser Kiez an der Grenze zu Brandenburg. Ähnlich wie auf dem Rütli-Campus leben drei Viertel der Pusteblumen-Kinder in Hartz-IV-Haushalten.

Hinzu kommt, dass Marzahn-Hellersdorf einen Negativrekord bei den Gewaltdelikten der unter 14-Jährigen und bei der häuslichen Gewalt jugendlicher Täter hält. Dies bestätigte gerade erst wieder ein Bericht der Landeskommission gegen Gewalt. „Ich habe schon vor zehn Jahren gesagt, dass wir an den Schulen in dieser Region Wachschutz brauchen, wenn nicht gegengesteuert wird“, erinnert sich Pastor Siggelkow, als jetzt die Mozart-Eltern nach einem Wachschutz rufen. Viel stärker aber, sagt er, würden Sozialarbeiter, Logopäden und Psychologen gebraucht, um die Probleme in den Griff zu bekommen.

Eltern der Mozart-Schule fordern einen Wachschutz, um die Schule vor jedweden Attacken zu schützen. Foto: Susanne Vieth-Entus Vergrößern
Eltern der Mozart-Schule fordern einen Wachschutz, um die Schule vor jedweden Attacken zu schützen. © Susanne Vieth-Entus

Was das bedeutet, lässt sich auf dem Rütli-Campus besichtigen: Dort gibt es rund 30 Sozialarbeiter und Erzieher, wie Leiterin Cordula Heckmann vorrechnet, und überdies noch Wachschützer. Zum Vergleich: An der Mozart-Schule schafft es ein 14-Jähriger gewalttätiger ehemaliger Schüler seit geraumer Zeit, die Lehrer in Angst und Schrecken zu versetzen. „Wenn die Polizei ihn abgeholt hat, ist er kurze Zeit später wieder da“, berichtet eine Lehrerin. Seit Jahren schon sei der Jugendliche ein Problemfall. Die Schule fühlt sich ausgeliefert.

Die Brennpunktschulen in Marzahn- Hellersdorf haben in Kooperation mit freien Trägern und dem Jugendamt sozialpädagogische Übergangsklassen eingerichtet, berichtete die Bildungsverwaltung kürzlich, als die Linken-Abgeordnete Gabriele Hiller wissen wollte, wie der Senat auf die Jugendgewaltdelinquenz im Bezirk reagiere. Es gebe zudem Kooperationsverträge mit der Polizei und „besondere Angebote der Schulsozialarbeit“. Hiller fragt sich, warum all das kaum fruchtet. Und sie fragt sich, welchen Sinn Schulinspektionsberichte machen, „wenn sie nicht dazu genutzt werden, um Schulen zu helfen“. „Da scheint etwas nicht zu funktionieren“, diagnostiziert sie mit Blick auf Schulen wie die Pusteblume. Und Hiller hat den Eindruck, dass die Schulaufsicht „nicht hilft, sondern von oben dirigiert“.

Drei Schulen in Friedrichshain-Kreuzberg bekommen Turnaround-Förderung

Die Rettung für die Pusteblume-Schule hätte vom sogenannten Turnaround-Programm kommen können, mit dem die Bosch-Stiftung und die Bildungsverwaltung seit 2013 besonders problematische Schulen unterstützen (siehe Grafik unten). Doch während es Friedrichshain-Kreuzberg gelang, drei Schulen in dem Programm unterzubringen, erhielten in Marzahn-Hellersdorf nur zwei den Zuschlag. Die Pusteblume-Schule habe die notwendigen Kriterien nicht erfüllt, so die Bildungsverwaltung. Um welche es sich konkret handelte, wurde auch auf Nachfrage nicht klar.

Sie schrieb den Brandbrief: Die damalige kommissarische Schulleiterin der Rütli-Schule, Petra Eggebrecht, hier zusammen mit Schülersprecherin Katrin El-Mahmoud während einer Pressekonferenz im April 2006. Foto: IMAGO Vergrößern
Sie schrieb den Brandbrief: Die damalige kommissarische Schulleiterin der Rütli-Schule, Petra Eggebrecht, hier zusammen mit Schülersprecherin Katrin El-Mahmoud während einer Pressekonferenz im April 2006. © IMAGO

Ist das, was bei Rütli nach dem Brandbrief passierte, allgemeingültig? Und wenn nicht: Wer muss die Brandbriefe auf welche Art und zu welchem Zeitpunkt schreiben, damit sie Wirkung erzielen und eine Lektion erteilen? Das ist schwer vorauszusagen. Die dramatisch formulierten Überlastungsanzeigen, die, inspiriert vom Rütli-Brief, immer mal wieder aus den bezirklichen Personalräten versendet werden, verpuffen meist: Der Leser wird das Gefühl nicht los, dass oft nicht direkt betroffene Lehrer und Eltern, sondern Gewerkschaften die Feder führen.

Erfolg hatte 2009 ein Brandbrief der Schulen in Mitte: Er entfaltete Wirkung, weil sehr viele Schulen beteiligt waren. Die Verfasser wurden sogar ins Bundeskanzleramt eingeladen. Zwar führte die Aktion nicht zu greifbaren Verbesserungen wie bei Rütli und hatte auch nicht eine solche Signalwirkung. „Aber die Bildungsverwaltung hat durch diese Brandbriefe seit Rütli gelernt, dass man nicht abwarten darf, bis Schulen endgültig gegen die Wand fahren“, resümiert der ehemalige Schulleiter Jens Großpietsch. Projekte wie das Turnaround-Programm seien daraus die Folge, auch wenn – siehe Pusteblume – noch nicht jede Schule erreicht werde.

Ein GEW-Mann sorgte für die Veröffentlichung des Brandbriefes

„Sobald etwas in der Presse steht, wird hingeguckt“, begründet Ruby Mattig-Krone die Wirkung von Brandbriefen. Dennoch weiß die Qualitätsbeauftragte der Bildungsverwaltung nach fünf Jahren in diesem Ehrenamt, dass es bei vielen Problemen auch ohne Brandbrief gehen kann. Auch wer sich bei ihr meldet, könne mit Hilfe rechnen. Marzahn-Hellersdorf melde sich allerdings nur selten.

Zehn Jahre ist es her, dass der Rütli-Brandbrief geschrieben wurde. Vier Wochen lang hatte er auf den Schreibtischen der Behörden herumgelegen, als Norbert Gundacker beschloss, ihn an den Tagesspiegel zu schicken. Niemals hätte er damit gerechnet, dass Petra Eggebrechts Brief eine solche Wucht entwickeln würde und sogar den Bundestag und internationale Medien beschäftigen sollte. Diese eigentümliche Wirkung habe vielleicht damit zu tun, dass Eggebrecht aus der Not heraus geschrieben habe. „Es kam aus erster Hand.“

Norbert Gundacker war Hauptschulreferent der GEW, als er sich 2006 für die Veröffentlichung des Brandbriefes entschied. Foto: GEW-Berlin Vergrößern
Norbert Gundacker war Hauptschulreferent der GEW, als er sich 2006 für die Veröffentlichung des Brandbriefes entschied. © GEW-Berlin

Dieser Beitrag ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Den gesamten Brandbrief können Sie, liebe Leserinnen und Leser, hier im Original als pdf-Download nachlesen.

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