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Im zehnten Jahr. Sandra Scheeres wurde 2016 zum zweiten Mal Bildungssenatorin von Berlin. Foto: Christoph Soeder/dpa
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MSA-Prüfungen bleiben doch Wie Berlins Bildungssenatorin ihre Bildungsexperten ignoriert

Eine Expertenkommission hatte empfohlen, den Gymnasien die MSA-Klausuren zu ersparen. Aber Scheeres will dafür nicht zuständig sein. Die Fraktion auch nicht.

Jedes Jahr der selbe Befund: Nur wenige hundert von rund 10.000 Gymnasiasten scheitern an den Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss. Unzählige Male haben Eltern und Gymnasien gefordert, die Prüfung auf diejenigen zu beschränken, die sie brauchen, aber stets hatte die SPD-geführte Bildungsverwaltung dies abgelehnt. Nun wollte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) nachgeben. Aber daraus folgt wohl nichts.

Dabei schien die Sache schon klar: Vor einem Monat hatte die von Scheeres berufene Expertenkommission um den Kieler Bildungsforscher Olaf Köller die Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss (MSA) zur Disposition gestellt: „Die hohen Übertrittsquoten an Gymnasien stellen die Sinnhaftigkeit der Abschlussarbeiten am Ende der Klassenstufe 10 an dieser Schulform in Frage“, hieß es im Abschlussbericht, den Köller und Scheeres am 7. Oktober präsentiert hatten.

Zusammenfassend lautete die Empfehlung: „Aufgabe der obligatorischen zentralen MSA-Abschlussprüfungen an Gymnasien, da sie im Ergebnis zu wenig differenzieren“. Man könne die Teilnahme freiwillig machen.

Auf Nachfrage ließ die Senatorin keinen Zweifel daran, dass sie der Kommission in diesem Punkt folgen würde, weshalb betroffene Lehrer, Schüler und Eltern davon ausgingen, dass diese relativ einfach umzusetzende Empfehlung des Kommissionsberichts noch in dieser Legislatur realisiert würde. Weit gefehlt.

Vielmehr ergab eine Tagesspiegel-Anfrage in der Bildungsverwaltung, dass diese Reform einer Gesetzesänderung bedürfe, also im Parlament beschlossen werden muss. Die bildungspolitische SPD-Sprecherin im Abgeordnetenhaus, Maja Lasic, wirft dagegen den Ball zurück in die Verwaltung: Eine Gesetzesänderung sei gar nicht nötig, mithin die Bildungsverwaltung am Zuge. Eine Zwickmühle also.

Vergleichsarbeiten könnten zu Prüfungen deklariert werden

Die Bildungsverwaltung argumentiert mit Paragraf 21 des Schulgesetzes. Dort steht nämlich, dass der MSA an allen Schulformen „in einem Abschlussverfahren“ erworben werde. Das aber setze sich zusammen „aus den schulischen Bewertungen der Jahrgangsstufe 10 und einer Prüfung mindestens in den Fächern Deutsch, Mathematik und erste Fremdsprache“. Daher gehe es auch am Gymnasium nicht ohne die Prüfungen, solange das Gesetz nicht geändert werde.

Lasic sieht das anders. Man könne nämlich stattdessen Vergleichsarbeiten im ersten Halbjahr der zehnten Klasse schreiben und diese Arbeiten als Prüfungen deklarieren. Dazu müsse man nur eine Verordnung ändern, wozu Scheeres das Parlament gar nicht brauche.

Ergebnisse der Arbeitsgruppe wurden verschwiegen

Tatsächlich hatte genau das, was Lasic anführt, eine Arbeitsgruppe empfohlen, die im Auftrag der Bildungsverwaltung 2018 mehrfach getagt hatte. Damals ging es um die Frage, wie Berlin mit dem Problem umgehen könne, dass die Kultusministerkonferenz (KMK) eine dreijährige gymnasiale Oberstufe verlangt, während Berlin an den Gymnasien seit der Schulzeitverkürzung auf zwölf Jahre nur eine zweijährige Oberstufe hat.

Maja Lasic, bildungspolitischen Sprecherin der Berliner SPD-Fraktion, bei einem Interview im Jahr 2019. Foto: Kai-Uwe Heinrich Vergrößern
Maja Lasic, bildungspolitischen Sprecherin der Berliner SPD-Fraktion, bei einem Interview im Jahr 2019. © Kai-Uwe Heinrich

Die AG, die aus Gymnasialleitern sowie einer Vertreterin der Landeselternausschusses und der Schulaufsicht bestand, hatte dargelegt, dass die zehnte Klasse der Gymnasien teilweise die Funktion der Oberstufe übernehmen müsse, um die KMK-Vorgabe zu erfüllen.

In diesem Zusammenhang wurde beschrieben, dass die Gymnasien spätestens im zweiten Halbjahr der zehnten Klasse mit dem Stoff der Oberstufe anfangen müssten, um alles zu schaffen. Parallel aber müssen sie die Themen wiederholen, die sie in der neunten Klasse durchgenommen haben, um auf den MSA vorbereitet zu werden.

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Da dies schwierig ist, kommt die Arbeitsgruppe zu dem von Lasic angeführten Schluss, dass der MSA-Stoff lieber im Rahmen von Vergleichsarbeiten im ersten Halbjahr der zehnten Klasse abgeprüft werden sollte.

Dieses Ergebnis allerdings wurde nicht kommuniziert, denn es widersprach der Linie der SPD-Linken, deren Postulat in der maximal möglichen Gleichbehandlung von Gymnasien und Sekundarschulen besteht – mit dem Ziel, die Zweigliedrigkeit mittel- oder langfristig zugunsten einer Schule für alle zu überwinden.

Prüfungsmarathon an Gymnasien sollte enden

Entsprechend ärgerlich sei denn auch Scheeres’ damaliger Staatssekretär Mark Rackles gewesen, als er von den Empfehlungen der AG erfuhr, berichten deren Mitglieder. Die Folge: Die Öffentlichkeit erfuhr nichts von den Empfehlungen. Es blieb daher beim MSA für alle – trotz der Kritik von Seiten des Landeselternausschusses und der Gymnasialleiter.

Auf ihrer Seite haben diese nicht nur das Argument, dass die Gymnasiasten Zeit beim Wiederholen alten Stoffes verlieren. Vielmehr weisen sie auch darauf hin, dass es Jahr für Jahr zu Unterrichtsausfall und einem einzigartigen Klausuren- und Prüfungsmarathon führt, dass die Gymnasien im Frühjahr parallel zu den MSA- Klausuren auch das Abitur für bis zu 150 Schüler durchziehen müssen – im Schnitt deutlich mehr als an den Sekundarschulen.

Zudem erinnern sie daran, dass in fast allen Bundesländern die Gymnasiasten den MSA automatisch mit dem Versetzungszeugnis der zehnten Klasse bekommen. All dies hat offenbar dazu geführt, dass die Köller-Kommission den Verzicht auf die Prüfungen empfahl und auch die Senatorin einschwenkte.

Den vollständigen Bericht der Expertenkommission können Sie hier herunterladen.

"Die Analyse ist schon lange abgeschlossen, die Empfehlung ausgesprochen. Durch die von der Bildungsverwaltung eingesetzte Arbeitsgruppe wurde exakt beschrieben, wie die Veränderung aussehen soll. Nun muss im Interesse derjenigen Jugendlichen, die an den Berliner Gymnasien das Abitur in der Jahrgangsstufe 12 anstreben, endlich gehandelt werden", forderte am Montag der Vorsitzende der Vereinigung der Oberstudiendirektoren, Ralf Treptow.

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Aktuell zeichnet sich nicht ab, dass Scheeres – um Handlungsfähigkeit und Entschlossenheit zu demonstrieren – das Thema „MSA“ angeht. Zu hören ist allerdings, dass in der Bildungsverwaltung Unruhe herrscht. Denn Scheeres muss zumindest einige Empfehlungen der von ihr berufenen Kommission umsetzen, um 2021 nicht sang- und klanglos aus dem Amt zu scheiden – gezeichnet nur von Lehrermangel, schlechten Noten und dem coronabedingt besonders offenkundigen Digitaldesaster.

Ihr Sprecher ließ dann auf Anfrage auch keinen Zweifel daran, dass jetzt Taten folgen sollen: „Die Senatorin hat sich bereits in bestimmten Punkten festgelegt. Es wird eine Bildungskommission eingerichtet, zeitnah werden Mitglieder feststehen. Es wird ein Landesinstitut für Fortbildung eingerichtet werden etc. Und die Senatorin ist entschlossen, Änderungen vorzunehmen und Empfehlungen der Kommission aufzunehmen“. Nur eben nicht beim MSA.

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