Dervis Hizarci wechselte im September überraschend von der Bildungsverwaltung zu einer Stiftung. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Berlins Antidiskriminierungsbeauftragter geht „Ich wünsche meiner Nachfolge Unbeugsamkeit“

Der Antidiskriminierungsbeauftragte Dervis Hizarci über Lehrkräfte, die Teil des Problems sind, zahnlose Tiger und die schwierige Suche nach Lösungen.

Die Senatsverwaltung für Bildung muss sich schon wieder einen neuen Antidiskriminierungsbeauftragten suchen. Dabei galt Dervis Hizarci, der eigentlich Lehrer ist und sich bis heute bei der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus engagiert, als viel versprechende Besetzung. Wir fragten ihn nach den Gründen für seinen Weggang.

Nach nur einem Jahr als Antidiskriminierungsbeauftragter haben Sie sich entschlossen, zu einer Stiftung zu wechseln. Warum?

Beim Fußball ist ein Jahr eine ganze Saison! Wenn man mit dem Anspruch kommt, Meister zu werden, kann man sich nicht mit Klassenerhalt zufrieden geben. Ohne Frage ist die Arbeit des Antidiskriminierungsbeauftragten bei der Senatsverwaltung für Bildung ungemein wichtig. Doch die Bearbeitung von Einzelfällen, auch wenn sie individuell sehr hilfreich sein kann, verändert nichts an strukturellen Problemen. Die Aufgabe ist schlichtweg zu groß, um sie alleine zu meistern.

In der Arbeit ist es für mich wichtig, aktiv zu gestalten. Ich bin eine kreative Person. Mit der Alfred Landecker Stiftung habe ich eine einzigartige Chance bekommen, konzeptionell zu arbeiten und zu gestalten. Der Wille für Veränderung und die gebotenen Möglichkeiten waren viel zu attraktiv, um diese Gelegenheit auszuschlagen.

Aber wäre es nicht eine Lebensaufgabe, etwas tun zu können gegen Diskriminierung an Schulen in einer großen Stadt wie Berlin?

Demokratieförderung, Minderheitenschutz, Antisemitismusbekämpfung - das sind Themen für die ich brenne! Bei der Alfred Landecker Stiftung können wir ohne viel Bürokratie mit einem ehrgeizigen Team und sehr viel Enthusiasmus die Gesellschaft nachhaltig zu verändern. Hier erfüllt sich meine Lebensaufgabe! Und unser Wirken beschränkt sich ja auch nicht auf Berlin oder Deutschland: wir haben die Möglichkeit, internationale Projekte zu unterstützen. Wie zum Beispiel die Hebrew University in Jerusalem, die wir mit elf Millionen Euro fördern.

Aber um ihre Frage genauer zu beantworten: meinen Einsatz gegen Diskriminierung an Schulen werde ich fortsetzen. Doch es ist weiterhin primär Aufgabe des Staates, gegen Diskriminierung an Schulen und Verwaltung vorzugehen. Diese Generationenherausforderung kann man nicht an Einzelpersonen übertragen. Einer Schulverwaltung kann die Zivilgesellschaft nicht die Aufgabe abnehmen, das Schulgesetz durchzusetzen.

Ihre Vorgängerin Saraya Gomis hatte über zu wenig Unterstützung im Haus und zu wenig Befugnisse geklagt. Haben Sie das auch so empfunden?

Mir wurde am Anfang oft gesagt, diese Stelle sei ein "zahnloser Tiger". Teilweise stimmt das. Über Mediation und Handlungsempfehlungen gehen meine Befugnisse nicht wirklich hinaus. Und wenn diese Empfehlungen nicht angenommen und umgesetzt wurden, konnte ich in der Regel nicht viel dagegen machen. Auch aus Zeitgründen nicht - wir haben in Berlin weit über 700 Schulen und Diskriminierungen gehören da zum Alltag.

Ich glaube aber, die Probleme in Schulen beginnen schon vorher: bei fehlendem Bewusstsein für Diskriminierung. Die Betroffenen oder auch ich, als Beauftragter, erfahren immer viel Abwehr, wenig Bereitschaft gegen vorhandene Probleme anzukämpfen und fehlenden Willen zur Selbstreflektion. Dabei sollte das Wissen über Diskriminierung und die Fähigkeit zur Selbstreflektion zur pädagogischen Grundausstattung von Lehrkräften und Verwaltungspersonal gehören. Und weil ich hier oft mit Reaktionen wie "Was müssen wir denn noch alles leisten?" konfrontiert werde - das ist kein Zusatzqualifikation, sondern eigentlich selbstverständlicher Teil der Lehrer-DNA.

Wie schafft man das?

Indem man das ins Lehramtsstudium aufnimmt und durch die Umsetzung der verpflichtenden diskriminierungskritischen Qualifizierungsreihe für die Leitungskräfte in der Verwaltung bis hin zu den Schulleitern und den Lehrkräften, die an den Schulen sind.

Es ist nach dem Weggang von Frau Gomis mehr Personal zugesagt worden. Hat das geklappt?

Das hat aus verschiedenen, teilweise auch bürokratischen Gründen nicht geklappt. Ich hoffe, dass in Zukunft das Antidiskriminierungsteam der Bildungsverwaltung stehen und erfolgreich arbeiten wird.

Sie haben in der Frage des Kopftuchs für Lehrerinnen eine ganz andere Haltung als Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Hängt auch damit ihr Weggang zusammen?

Nein. Ich gehe, weil ich davon überzeugt bin, in meiner neuen Stelle mehr Wirkungsmöglichkeiten zu haben. Und zum leidigen Thema Neutralitätsgesetz: In der Tat sind die Senatorin und ich hier unterschiedlicher Meinung. Neutralität erfüllt sich nicht durch Marginalisierung. Ich glaube auch nicht, dass Lehrerinnen mit Kopftuch oder überhaupt religiöse Symbole in der Lage sind, den Schulfrieden zu gefährden. Was wäre denn wenn man, daraus schließend, sagt: diese Menschen gefährden auch den gesellschaftlichen Frieden? Würden wir sie dann außer Landes bringen? Schlussendlich ist dies ja das Argument dafür, sie aus den Schulen fernzuhalten.

Als Verfassungspatriot orientiere ich mich hier streng an unserem Grundgesetz und vertraue da auf unseren Rechtsstaat. Das Bundesverfassungsgericht als auch das Bundesarbeitsgericht haben hier eindeutig entschieden. Ich will damit sagen: eigentlich schöpfe ich meine Haltung hier nicht aus einer subjektiven Ansicht, sondern aus unserer Verfassung und unserer Judikative.

Schülerinnen dürfen in der Schule Kopftücher tragen - Lehrerinnen nicht. Foto: Axel Heimken/dpa Vergrößern
Schülerinnen dürfen in der Schule Kopftücher tragen - Lehrerinnen nicht. © Axel Heimken/dpa

Als Sie zwei Monate im Amt waren, haben Sie in einem Interview mit dem Tagesspiegel berichtet, Sie seien „mit der ganzen Bandbreite“ von Antidiskriminierung konfrontiert: schwarze Kinder würden rassistisch diskriminiert, oder Mädchen, die Kopftuch tragen oder Eltern und Lehrer aufgrund ihrer Herkunftssprache. Wie würde die Aufzählung heute aussehen?

An dieser Aufzählung hat sich nichts verändert. Es gibt weiterhin erschreckend viel Diskriminierung an Berliner Schulen. Mit Corona kam noch ein neues Phänomen hinzu - der Umgang mit Risikogruppen oder Reiserückkehrern in Schulen verläuft nicht optimal.

Haben sich die Gewichte durch den Tod George Floyd‘s verschoben?

Auf jeden Fall ist das Thema seitdem noch einmal bewusster geworden. Es ist bedauerlich, dass es solcher Verbrechen dafür bedarf. Antischwarzer Rassismus war vor George Floyd und ist auch jetzt noch ein sehr großes Problem. Und ich glaube in der Mehrheit der Bevölkerung gibt es leider nur wenig Sensibilität für diese Thematik.

Vor einigen Jahren wurde – auch durch Vertreter  der GEW – die Deutschenfeindlichkeit unter Schülern thematisiert. Ist ihnen das Problem bei ihrer Arbeit begegnet?

Nur in Form einer hochproblematischen schriftlichen Anfrage eines AfD-Abgeordneten. Die Bezeichnung "Deutschenfeindlichkeit" bezieht sich im aktuellen Diskurs vor allem auf ein veraltetes und rassistisches Verständnis des "Deutschseins". Wenn ein Afrodeutscher oder ich, mit meinen türkisch-muslimischem Bezügen, Rassismus erfahren, ist das dann auch "Deutschenfeindlich"? Derartige Unterscheidungen sind falsch und gefährlich.

Die rot-rot-grüne Koalition stärkt die Herkunftssprachen an Schulen. Kommt das als Signal an bei den Familien? Wird das wertgeschätzt?

Diese Signale sind aus integrationspolitischer Sicht wichtig und fördern auch das Gefühl der Zugehörigkeit. Hier wird ein positives Verständnis von sprachlicher Vielfalt vermittelt, welches zu Berlin als europäische Metropole gehört und unserer Stadt auch gut zu Gesicht steht. Wir brauchen auf jeden Fall mehr davon! Da ist meine Kollegin Katarina Niewiedzial, die Integrationsbeauftragte, sehr aktiv. Aber auch Vereine wie Yekmal e.V. leisten wichtige Arbeit.

Denn die Realität an Schulen sieht schon anders aus. Das Klassifizieren von Kindern und Jugendlichen nach Herkunftssprache - Spanisch oder Schwedisch gut, Türkisch und Arabisch unerwünscht - ist hochproblematisch. Auch, dass die Bildungsverwaltung auch heute noch die Zahlen von Schüler*innen mit "nichtdeutschen Herkunftssprachen" erhebt und danach Schulen kategorisiert gehört aus diskriminierungskritischer Sicht abgeschafft.

Dervis Hizarci ist bundesweit ein gefragter Experte für Antisemitismusfragen. Foto: ARD/Screenshot Vergrößern
Dervis Hizarci ist bundesweit ein gefragter Experte für Antisemitismusfragen. © ARD/Screenshot

Die hat sich die Zuwanderung von 2015 auf die Schulen ausgewirkt? Gibt es jetzt zwei Klassen von Migranten: Die die frisch dazu gekommen sind und die „alteingesessenen“ aus der Türkei und dem Libanon?

Anfangs gab es sowohl Befürchtungen als auch tatsächliche Fälle dieser Art. Doch gut fünf Jahre später pendelt sich das wieder ein. Jede pädagogische Mühe, diesen Herausforderungen inklusiv und integrativ gerecht zu werden, zahlt sich aus. Dass heißt, diese Kinder und Jugendlichen mit all ihren Erfahrungen, dazu gehören auch Flucht, Krieg und Trauma, ernst zu nehmen, ihre sprachlichen und kulturellen Unterschiede wertzuschätzen und zu akzeptieren und mit ihnen pädagogisch fürsorglich und fördernd umzugehen.

Nach dem Putschversuch in der Türkei gab es an Schulen Konflikte zwischen Gülen- und Erdogan-Anhängern unter Eltern und Schülern. Ist das noch zu spüren?

Die teilweise besorgniserregenden Zustände im Jahr 2016 sehe ich heute in dieser Form nicht mehr im Schulalltag. Wir sind in Berlin und nicht in der Türkei und dürfen nicht zulassen, dass innertürkische Konflikte hier ausgetragen werden. Für Lehrkräfte wäre es hilfreich, türkeibezogene Konflikte besser verstehen, richtig einzuordnen und auf sie reagieren zu können. Dazu braucht es Fort- und Weiterbildungsangebote.

Bei Ihrer neuen Aufgabe wird es auch um Antisemitismus gehen. Wie gegenwärtig ist das Thema an den Schulen?

Antisemitismus ist nach wie vor ein sehr ernstes Problem in Berlin, wie auch in ganz Deutschland. Die vielen richtigen Maßnahmen, die in den letzten Jahren umgesetzt wurden müssen kontinuierlich fortgesetzt und erweitert werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass das Wort "Jude" zum Schimpfwort und der Holocaust zu einem Fremdwort werden. Die Vermittlung aktueller Erscheinungsformen von Antisemitismus, wie auch eines Bewusstseins für deutsche Geschichte und Verbrechen, muss deutsche Bildungsraison sein.

Manche Lehrer bemühen sich, den Antisemitismus zu bekämpfen, indem sie ihren Schülern die Shoah nahebringen. Ist das der richtige oder der falsche Weg?

Es gibt viele wichtige und gute Gründe, Schülerinnen und Schülern Wissen zur Shoah nahezubringen. Es bleibt eine deutsche Verantwortung und daran darf sich auch nie etwas ändern. Holocaustbildung ist ihrer selbst Willen wichtig: Schülerinnen und Schüler müssen verstehen, wie es zu diesem Verbrechen kommen konnte, damit sie eigene Schlüsse daraus ziehen können. Wohin kann es führen, wenn kontinuierlicher Hass und Verschwörungsphantasien normalisiert werden? Wenn die Gesellschaft im Angesicht von Not ihre Augen verschließt und einzelne Gruppen zu Sündenböcken erklärt werden?

Ich glaube nicht, dass Holocaustbildung als Allzweckmittel gegen Antisemitismus taugt. Denn der gegenwärtige Antisemitismus drückt sich vor allem im Themenbereich des Nahostkonflikts aus. Mit der Coronakrise, aber eigentlich schon seit den Anschlägen vom 11. September 2001, gewinnen antisemitische Verschwörungserzählungen massiv an Aufmerksamkeit. Der Rechtsruck, den wir in Deutschland beobachten, fördert auch sekundären Antisemitismus. Vor allem im Bildungsbereich muss man auf die unterschiedlichen Erscheinungsformen differenziert eingehen. Auch hier bedarf es an systematischen Professionalisierungsmaßnahmen für Lehrkräfte.

Mitunter regen die Lehrer an, Stolpersteine zu verlegen oder zu reinigen. Die Schüler recherchieren im Unterricht dann das Leben und die Umstände der Deportationen dieser konkreten Menschen. Ist das empfehlenswert?

Ich wüsste nicht, was dagegen sprechen soll. Jede Gelegenheit, die Schule auch mal zu verlassen und zu erforschen, was in der unmittelbaren Nachbarschaft alles passiert ist, ist eine wertvolle pädagogische Maßnahme, die ich unbedingt begrüße. Möglichkeiten, die Geschichte Schülerinnen und Schülern näher zu bringen, erfahrbar zu machen, wie zum Beispiel über biographische Erzählungen, halte ich für sehr effektiv.

Auch Zehntklässler eines Geschichtsprojekts der Neuköllner Hermann-von-Helmholz-Schule beteiligen sich am Reinigen von Stolpersteinen. Foto: Jörg Carstensen Vergrößern
Auch Zehntklässler eines Geschichtsprojekts der Neuköllner Hermann-von-Helmholz-Schule beteiligen sich am Reinigen von Stolpersteinen. © Jörg Carstensen

Sie haben beim Amtsantritt gesagt, Lehrer seien ihre „wichtigsten Verbündeten“. Würden Sie das immer noch so sagen?

Ich hatte als Antidiskriminierungsbeauftragter fast 150 Fälle, in denen die Diskriminierung von Lehrkräften ausging. Unter dieser Tatsache muss man meine Aussage "Lehrer sind meine wichtigsten Verbündeten" kritischer einordnen. Mir bleibt aber auch nichts anderes übrig. Lehrkräfte sind zentrale Schlüsselfiguren im System Bildung. Vor allem aus Beispielen aus anderen Ländern weiß man ja auch, dass an Schulen, wo das Vielfaltsbewusstsein und die Diskriminierungssensibilität - vor allem im Kollegium - besonders hoch sind, es weniger Fälle von Diskriminierung und einen effektiveren Umgang mit Fällen von Diskriminierung gibt.

Dahin ist es noch ein langer Weg. An vielen Schulen in Berlin sieht es anders aus. Die realistischere Aussage wäre: Lehrkräfte sind die wichtigsten Verbündeten und gleichzeitig auch Ursache vieler Probleme. Um dieses Dilemma zu lösen brauchen wir mehr accountability. Lehrer müssen sich in ihrer beruflichen sowie gesellschaftlichen Rolle ihrer immensen Verantwortung bewusst werden. Ich muss zugeben, diese Aufgabe ist keine einfache.

Die jüngste Auswertung der Diskriminierungsfallzahlen findet sich in einer aktuellen Antwort auf eine Anfrage der SPD-Abgeordneten Maja Lasic. Die PDF-Datei lässt sich HIER herunterladen.

Haben Sie einen Rat für Ihren Nachfolger oder ihre Nachfolgerin?

Wenn Sie erlauben, möchte ich zunächst diese Gelegenheit auch nutzen, um mich bei allen, denen ich nicht gerecht geworden bin, zu entschuldigen. Mir bleibt da nichts anderes übrig, als auf Verständnis zu hoffen.

Aber direkt zu Ihrer Frage: Als ich die Staffel von Saraya Gomis übernahm, hatte ich den Druck und die Verantwortung dieser wichtigen Aufgabe gerecht zu werden. Starre Strukturen aufzubrechen erfordert Ausdauer, Kraft und Hartnäckigkeit. Ich wünsche meiner Nachfolge Unbeugsamkeit!  

Dervis Hizarci, 37, hat nach dem Lehramtsstudium in Berlin mehrere Jahre als Lehrer gearbeitet sowie in der außerschulischen Bildung - etwa beim Jüdischen Museum. Zur Alfred Landecker Stiftung wechselt er als Programmdirektor.

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