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Schülerinnen und Schüler einer Grundschule in Merbusch Foto: dpa/Marcel Kusch
© dpa/Marcel Kusch

Schule in der Pandemie Warum der Präsenzunterricht als oberstes Ziel falsch ist

Die verpasste Revolution: Die Pandemie-Zeit wäre eine Chance gewesen für eine andere Art der Bildung. Ein Kommentar.

Ein großer Aufreger ist es schon lange nicht mehr. Dass dieses Land in den Pisa-Bildungsstudien regelmäßig miserabel abschließt, ist seit zwei Jahrzehnten gelernt und weitgehend akzeptiert. Aus dem einstigen Schock ist längst die dauerhafte Schockstarre geworden. Wenn dann noch das Schlagwort „Digitalisierung“ hinzukommt, erwartet ohnehin niemand mehr Spitzenleistungen.

Kein Wunder also, dass die Meldung „Pisa-Sonderauswertung zeigt: Jugendliche in Deutschland fühlen sich digital schlecht unterrichtet“ am Dienstag keine großen Schlagzeilen machte. Zumal die ausgewerteten Daten aus dem Jahr 2018 stammen – aus vorpandemischen Zeiten also, als die stetige Kreidezufuhr an vielen Schulen wesentlich wichtiger war als der Breitbandausbau.

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Praktisch: Da hatten die Lehrerinnen und Lehrer wenigstens genug ebensolche zum Fressen vorrätig. Seit knapp 14 Monaten unterrichten sie unter schwierigsten Bedingungen, müssen den Stoff mal komplett digital vermitteln, mal halb und halb, mal mit und mal ohne Test, mal mit Impftermin, mal ohne. Die entsprechenden Informationen erhalten sie gern am Freitagnachmittag, umzusetzen bitte am Montag, pünktlich acht Uhr! Sofern der Lernraum funktioniert.

Als "normal" wird auch in Zukunft Frontalunterricht gelten

Wobei: Zumindest die digitale Lernplattform des Berliner Senats läuft seit Jahresbeginn (Lockdown II, Pandemiemonat 11) einigermaßen stabil. Man könnte dort einen kleinen Digitalisierungsschub hineininterpretieren. Allerdings glaubt niemand daran, dass diese Plattform auch dann noch genutzt wird, wenn es formal nicht mehr nötig ist. Wenn also die Schulen in einigen Wochen, spätestens nach den Sommerferien, hoffentlich zum Normalbetrieb zurückkehren können.

Hier allerdings liegt das eigentliche Problem. Denn „normal“ wird auch nach mehr als einem Jahr Ausnahmezustand weiterhin heißen: frontal, live und mit viel Kreide. Würden die Pisa-Daten aus dem zwangsdigitalen Pandemiejahr 2020 besser aussehen? Wohl kaum. Eine digitale Revolution an den Schulen in der Krise ist ausgeblieben – und das heißt auch, dass es damit in naher Zukunft nichts wird.

Die Rückkehr zum Präsenzunterricht gilt als oberstes Ziel

Zwar gibt es vielerorts innovative Konzepte, tolle Projekte und fantastisch funktionierenden Digitalunterricht – doch das alles hängt vom Engagement einzelner Schulleiterinnen und Lehrer ab. Andernorts drucken Eltern stundenlang schlecht gescannte Arbeitsblätter für ihre Kinder aus. Ein echtes Umdenken in der Bildungspolitik hat es nicht gegeben, wird es nicht geben.

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Vielmehr wird diese Zeit als verlorene Zeit für Kinder und Jugendliche empfunden statt als Chance für eine andere Art der Bildung. Wieder einmal den Anschluss verpasst – für diesen Befund braucht es keine aktuellen Pisa-Daten.

Die Rückkehr zum Präsenzunterricht gilt in der Kultusministerkonferenz als oberstes Ziel. Auch deshalb wurde politisch lange die Legende von den Schulen als „sicherste Orte“ verbreitet (Bildungssenatorin Scheeres, November 2020). Erst im März kam die Berliner Bildungsverwaltung auf die Idee, einfach Router in die Klassenräume zu stellen, um den jahrelang verschleppten Breitbandausbau (dauert noch etwa vier Jahre) auszugleichen. Und erstaunte Lehrkräfte fragten: Wenn es so einfach ist – warum dann erst jetzt?

Zwei Milliarden Aufholhilfe für Kinder und Jugendliche

Diese Frage muss sich übrigens auch Franziska Giffey stellen, die am Mittwoch die Corona-Aufholhilfe für Kinder und Jugendliche vorstellen wird. Zwei Milliarden Euro sollen investiert werden, um die sozialen Folgen der Pandemie abzufedern – beispielsweise durch Förderung von Schulsozialarbeit und Sprachförderung an Kitas in Brennpunkten.

Klingt gut, allerdings: Dass viel Geld allein nicht viel hilft, zeigt wiederum das Beispiel des Digitalpakts Schule. Aus dem vor zwei Jahren beschlossenen 6,5-Milliarden-Programm wurden bis zum Jahresende nur etwa 500 Millionen Euro abgerufen, in Berlin flossen gerade mal elf Prozent des Geldes. Die Überbürokratisierung bei den Anträgen potenzierte sich in der Hauptstadt der Unzuständigkeit im Gerangel zwischen Bund, Land und Bezirken.

Die Kreideproduzenten freuen sich schon.

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