Der original "Sarotti-Mohr" auf der Theke einer Retro-Bäckerei in Berlin.  Foto: Robert Klages
© Robert Klages

Sarotti-Figur in Lichtenberger Café „Wenn es mir zu bunt wird, male ich den Mohr wieder weiß an“

Ein Retro-Café in Berlin zeigt den „Sarotti-Mohren“. Für den Inhaber gehört die Darstellung dazu. Andere finden sie rassistisch und meiden das Wort.

Der Raum hängt voll mit Werbetafeln und Elementen aus der Gründerzeit: Das "Canapé Berlin" in Berlin-Lichtenberg versteht sich als "museales Café". "Ökologische Backwaren" werden auf originalen Einrichtungsgegenständen aus dieser Zeit verspeist. 

Neben altertümlicher Werbung für zahlreiche ehemalige Kaffeesorten stehen Figuren von schwarzen Menschen, wie sie zur Zeit des Spätkolonialismus abgebildet wurden.

Neben dem Zucker auf der Theke ist zudem der Kopf vom "Sarotti-Mohr" zu finden. Einige Gäste stören sich daran, wie der Inhaber erzählt. Ein junges Pärchen zum Beispiel sei nach Anblick der Figuren aufgestanden und gegangen.

Ein Kunde habe gesagt, hier müsse mal aufgeräumt werden. "Manche Leute sind da empfindlich", sagt der 47-jährige Inhaber, der aus Angst vor Anschlägen auf sein Café nicht namentlich genannt werden möchte: "Das Thema ist sehr oft emotional geladen." 

Er habe schon Google-Bewertungen erhalten: "Kein Rassismus in Lichtenberg." Hier im Kiez kenne man ihn und Leute, die sich früher über die Figuren beschwert hätten, würden heute ganz normal Brötchen kaufen kommen.

Grünen-Politiker Reinhardt: "Mir fehlt hier im Laden die kontextuelle Einordnung"

Einer seiner Nachbarn ist der Grünen-Politiker Fabio Reinhardt. Dieser findet, die Sarotti-Figur projiziere die Rollenzuschreibung des unterwürfigen Dieners, der den Weißen den Kaffee bringt. Die optische Darstellung sei ein stereotypisches Bild von schwarzen Menschen im Kolonialismus.

"Mir fehlt hier im Laden die kontextuelle Einordnung", so Reinhardt. Er bietet an, einen Text zu schreiben, der dann im Café neben den Figuren ausgehängt werden könnte.

Alles im Stile der Gründerzeit, sagt das Café "Canapé".  Foto: Robert Klages Vergrößern
Alles im Stile der Gründerzeit, sagt das Café "Canapé".  © Robert Klages

Vor zwei Jahren hatte der Inhaber des "Canapé Berlin" das Sarotti-Gesicht eine Zeit lang weiß angemalt, nachdem Kundinnen und Kunden Kritik geäußert hatten. Dann sei der "weiße Mohr" gestohlen worden und er stellte wieder "ein Original" hin.

In letzter Zeit kämen wieder mehr Gäste, meistens "von außerhalb", die sich über die Figuren wundern oder aufregen würden, sagt der Inhaber. "Wenn es mir zu bunt wird, male ich den Mohr wieder weiß an."

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Er könne durchaus verstehen, wenn sich schwarze Menschen an der Darstellung stören. "Ich will ja keinen Rassenhass schüren, sondern historische Elemente ausstellen. Aber wo hört die politische Korrektheit auf und wo fängt sie an?", fragt der Café-Betreiber.

Der Café-Besitzer sagt, er sei es leid, über "politische Korrektheit" diskutieren zu müssen. In seinem Laden zeige er alles, was zur Gründerzeit üblich war – und dazu gehöre auch die Sarotti-Figur.

Diese schmückte beispielsweise die Pralinenschachtel "Drei-Mohren-Mischung" der Berliner Firma Sarotti zum 50. Jubiläum im Jahr 1918. Laut Sarotti-Website erlebte das Markenzeichen 1998 eine Renaissance, welche "die Liebe zum Sarotti-Mohren wieder neu entfachte." 

Mittlerweile hat die Firma ein neues Markenzeichen: Seit 2006 lässt der "Sarotti-Magier die Tradition des Zeichentrick-Mohren aufleben", weißt es auf der Webseite. Vielerorts in Deutschland lassen sich noch die alten Sarotti-Figuren finden.

Initiative Schwarzer Menschen: "Das kann weg."

Tahir Della von der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland findet: "Das kann weg." Er frage sich immer wieder, warum die Leute nicht selbst auf die Idee kommen würden, dass diese Darstellungen rassistisch sind und verschwinden sollten. "Warum muss es da erst Proteste oder öffentliche Diskussionen geben? Wir erklären seit den 80er Jahren, dass diese Figuren rassistisch sind. Allerdings scheinen sich die Leute von Minderheiten nichts vorschreiben lassen zu wollen."

Della: Es geht um die Reproduktion von rassistischen Darstellungen

Es gehe auch um die Definitionshoheit, was Rassismus ist, so Della. "Und es ist nämlich nicht nur der Baseballschläger und die Glatze, sondern auch die Reproduktion von rassistischen Darstellungen." Viele Menschen in Deutschland würden das vielleicht nicht wahrhaben wollen oder ignorieren. 

Aber es sei in etwa so, wie wenn jemand einem anderen unabsichtlich auf den Fuß treten würde: weh tut es trotzdem. Della vermeidet "das M-Wort" – auch in der Kritik daran. Denn es soll nicht weitergetragen werden. "Es war immer eine Fremdbeschreibung, nie eine Eigenbeschreibung und immer Teil einer Herrschaftsstruktur."

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