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Der Klassiker: Eine Schwengelpumpe aus dem 19. Jahrhundert am Boxhagener Platz in Berlin-Friedrichshain. Foto: Kitty Kleist
© Kitty Kleist

Sanierungsstau in allen Bezirken Jeder dritte Berliner Brunnen ist defekt

Von den 2070 Straßenpumpen sind ein Drittel defekt, die meisten in Lichtenberg. Die Reparaturkosten betragen rund 20 Millionen Euro.

Das Wasser kommt aus der Leitung, heiß oder kalt, wenn man den Hahn aufdreht. Von solchem Luxus konnten die Berliner bis 1856 nur träumen. Damals wurden, nach dem Bau des ersten Wasserwerks vor dem Stralauer Tor, betrieben von der britischen „Berlin-Water-Works Company“, die Stadtquartiere nach und nach an die zentrale Wasserversorgung angeschlossen.

Vorher pilgerten die Menschen mit großen Eimern zu einem der 6.000 Hof- und Straßenbrunnen in der Nachbarschaft und holten sich Wasser für den Tagesbedarf. Gelegentlich wurde dort auch die Wäsche gewaschen, was aber streng verboten war.

Die Straßenbrunnen verloren, nachdem das Grundwasser (übrigens damals schon von bester Qualität) auch in der letzten Mietskaserne aus dem Hahn gezapft wurde, ihre ursprüngliche Bedeutung.

Viele Pumpen verschwanden, andere blieben als Trinkwasserquelle für den Notfall erhalten - und für die Feuerwehr.

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In der Gründerzeit kamen sogar neue, prachtvoll verzierte Modelle hinzu, meist gusseisern und mit grünem Anstrich. Imposante Schwengelpumpen der Firmen Lauchhammer oder Krause, sie gehören bis heute zum Straßenbild Berlins.

Mancher Pumpe fehlt der Schwengel, andere sind trockengefallen

Die jüngste amtliche Zählung ergab: Es stehen in der Hauptstadt noch 2.070 Straßenpumpen, für die das Land (1.169) und der Bund (901) zuständig sind. Ein gutes Drittel, so die vorläufige Bilanz, ist leider defekt.

Schäden sind am Pumpwerk oder Frosthahn, am Ständerkörper oder dem Straßeneinlauf zu finden. Mancher Pumpe fehlt der Schwengel und einige Brunnen sind trockengefallen, müssen überbohrt und neu verrohrt werden, was besonders teuer ist.

Die mit Abstand meisten Sanierungsfälle gibt es in Neukölln und Charlottenburg-Wilmersdorf.

Die gut sichtbaren Brunnen auf öffentlichem Straßenland sind übrigens nicht nur stadthistorisch interessant, sondern erfüllen eine wichtige Aufgabe. Nicht etwa, um mit Hilfe fröhlicher und pitschnasser Kinder das Auto zu waschen, wie noch in den 70er Jahren sehr beliebt. Sondern als Wasserquelle für den Notfall, die vom Leitungsnetz unabhängig ist.

Straßenbrunnen müssen für den Notfall funktionsfähig bleiben

So dienen die Bundesbrunnen laut Wassersicherstellungsgesetz im Verteidigungsfall der Versorgung der Berliner Zivilbevölkerung. Pro Person müssen sie täglich 15 Liter Trinkwasser fördern können. Die Landesbrunnen wiederum unterliegen dem Landesgesetz über die Gefahrenabwehr bei Katastrophen. Zuletzt liefen die Berliner 1945/46 zu den Brunnen, weil Wasserwerke und Leitungen zerstört waren.

Der eigentliche Zweck der Schwengelpumpen ist nach 75 Jahren aus dem öffentlichen Bewusstsein gerückt, trotzdem bleiben Bund und Land verpflichtet, die Brunnen sauber und funktionsfähig zu halten.

Wollte man alle Pumpen auf einmal reparieren, würde dies rund 20 Millionen Euro kosten, schätzt die Senatsverwaltung für Umweltschutz, Verkehr und Klimaschutz. Darin enthalten sind auch die Kosten für neue Brunnen, denn die Stadt wächst und entsprechend muss das Netz ausgebaut werden.

Der Investitionsbedarf für die Bundesbrunnen ist mit 13 Millionen Euro besonders hoch, trotzdem haben die Bezirke für dieses Jahr nur einen Finanzbedarf von 1,2 Millionen Euro angemeldet. Hinzu kommt der Sanierungsbedarf der Landesbrunnen.

Alles in einem Schwung zu sanieren, würde die personellen und finanziellen Kapazitäten der Bezirke wohl überfordern, wie einer Umfrage der Senatsumweltbehörde in den Tiefbauämtern zu entnehmen ist.

Außerdem sind die Zuständigkeiten kompliziert: Bundes- und Landesbrunnen werden von den örtlich zuständigen Bezirken betreut, deren Tiefbauämter die Pumpen laufend überprüfen sollen.

Zuständig sind Bund, Land und Bezirke

Der Bund finanziert für seine Pumpen die Reparaturen, aber nicht die Wartungsarbeiten. Diese müssen von den Bezirken getragen werden. Für die administrative Betreuung der Berliner Bundesbrunnen ist die Umweltverwaltung des Senats verantwortlich, genauer gesagt, deren Wasserbehörde. Und zwar im Auftrag des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

Dieses System befördert offenbar eine gewisse kollektive Verantwortungslosigkeit, die dazu führte, dass immer mehr Straßenbrunnen zerbröseln, austrocknen oder kein trinkbares Wasser mehr fördern. Dann wird ein behördlicher Warnhinweis aufs Pumpenrohr geklebt: „Kein Trinkwasser“, in einigen Bezirken auch in Türkisch.

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Schon Ende vergangenen Jahres schlug der SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz Alarm. Er beklagte die „gravierende Unterversorgung an kritischer Infrastruktur“ und forderte nicht nur die Sanierung, sondern angesichts der kräftig wachsenden Bevölkerung auch den Neubau von Straßenbrunnen.

Die Regierungsfraktionen SPD, Linke und Grüne griffen die Initiative auf und forderten vom Senat, bis 30. Juni 2020 „ein Konzept zum künftigen Betrieb der Brunnen in Zusammenarbeit mit den Berliner Wasserbetrieben zu erarbeiten“.

Verbunden werden soll dies mit einer „Kampagne zur Pflege des Stadtgrün“. Ein paar Mal den Pumpenschwengel heben und senken, den Eimer füllen und die benachbarten Straßenbäume gießen. Die landeseigenen Wasserbetriebe betreuen ja schon die Trink- und Zierbrunnen Berlins, dafür wurden sogar neue Mitarbeiter  eingestellt.

Die Regierungsfraktionen im Abgeordnetenhaus hätten bereits angefragt, ob sich das Unternehmen künftig auch um die Bundes- und Landesbrunnen kümmern wolle, bestätigte Pressesprecher Stephan Natz. Aber noch halten sich die Wasserbetriebe bedeckt, denn die neue Aufgabe kostet Geld und erfordert zusätzliches Personal. Außerdem hat Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne) das geforderte Brunnenkonzept bislang nicht geliefert.

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