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Wilde Waste: Vor den Toren zum Disko Babel Gelände.  Foto: Robert Klages
© Robert Klages

Roboterband, Ateliers, Zirkus, Oper Wo Prenzlauer Berg wieder wild ist

Auf einem ehemaligen Güterbahnhofsgelände hat sich Disko Babel e.V. gegründet, ein Ort für freie Kunst. Doch um das Gelände gibt es Streit.

Eine Roboterband, ein Zirkus, Ateliers, Bühnen für alles Mögliche, dazu Container und Bauwagen, jeder eine eigene, neue, bunte Welt, die sich in den Orbit „Disko Babel e.V.“ einfügt. So nennt sich das Künstler:innenkollektiv, das aus dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs an der Greifswalder Straße einen fast märchenhaften Ort gemacht hat. Auf 2800 Quadratmetern arbeiten hier in Prenzlauer Berg rund 20 Künstler:innen und zwölf Kollektive, veranstalten Lesungen, Theater, Rauschnächte.

Kolja Kogler und seine "Schrottband": Die Roboter spielen pneumatisch auf den Instrumenten.  Foto: Robert Klages Vergrößern
Kolja Kogler und seine "Schrottband": Die Roboter spielen pneumatisch auf den Instrumenten.  © Robert Klages

Gerade wird im "Zirkus Mond" zwischen den Bäumen an einer Operette geprobt. „Ich frage mich, ehrlich gesagt, manchmal auch, wie dieser Ort funktioniert“, sagt Gregor Bachhuber und lacht. „Es entstehen Dinge, Orte, neue Galaxien und keiner weiß im Grunde so genau, wo sie herkommen.“ 

Der 35-Jährige wuchs in einem bayerischen Dorf auf, machte eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten, wurde dann Backpacker, arbeitete auf Festivals, studierte Psychologie – und gehört nun zum Vorstand von Disko Babel e.V. mit seinen rund 120 Mitgliedern, 2015 gegründet.

Ihren Ort verstehen diese als „Versuchsfeld für Visionen freier Kunst“, als „ein Experiment zum gemeinsamen Lernen und Schaffen“, als „Versuchsaufbau zum Hinterfragen künstlerischer, kultureller und gesellschaftlicher Routinen“.

Das Gelände wurde vom Kollektiv des ehemaligen Clubs „Jonny Knüppel“ entdeckt, das aus Kreuzberg weg musste und sich auf dem ehemaligen Containerbahnhof an der Lilli-Henoch-Straße 10 niederließ. Andere Kollektive kamen dazu. 

Siamant Ouzo (links) und Maria Zimmermann (Mitte) betreiben einen Kostümverleih auf dem Gelände. Rechts Gregor Bachhuber von Disko Babel e. V.  Foto: Robert Klages Vergrößern
Siamant Ouzo (links) und Maria Zimmermann (Mitte) betreiben einen Kostümverleih auf dem Gelände. Rechts Gregor Bachhuber von Disko Babel e. V.  © Robert Klages

Die Miete zahlen sie an den Investor Christian Gérôme, während der Pandemie hat er den Künstler:innen einen Großteil des Betrags erlassen. Gérôme streitet sich mit dem Bezirksamt um das Gelände. Er hatte es 2011 von der Bahn gekauft, wollte zunächst 600 Wohnungen bauen, was die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ablehnte.

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Der Bezirk will dem Investor die Flächen abkaufen und eine Gemeinschaftsschule sowie eine „Schuldrehscheibe“ bauen. Deswegen erließ das Bezirksamt eine „Veränderungssperre“, bestätigt durch das Oberverwaltungsgericht. Sie soll verhindern, dass der Eigentümer vorzeitig durch Baumaßnahmen Fakten schafft.

Viel Schrott, viel Kunst auf dem Gelände von Disko Babel an der Greifswalder Straße.  Foto: Robert Klages Vergrößern
Viel Schrott, viel Kunst auf dem Gelände von Disko Babel an der Greifswalder Straße.  © Robert Klages

Gérôme möchte wohl keine Wohnungen mehr, sondern Büros auf einer Teilfläche hochziehen, es wird wohl noch um Geld und Anteilsfläche verhandelt, und das schon seit mehreren Jahren. 

Die Babel-Künstler:innen sind derzeit nur geduldet und auf der Suche nach einer neuen Fläche. „Aber sowas wie hier, das finden wir bestimmt nicht nochmal“, sagt Bachhuber. Politiker:innen würden zwar immer mal wieder vorbeikommen und sagen, dass sie helfen wollen. Aber dann komme nichts mehr. 

Auf dem Gelände wird gerade ein inklusives Fest vorbereitet.  Foto: Robert Klages Vergrößern
Auf dem Gelände wird gerade ein inklusives Fest vorbereitet.  © Robert Klages

Das Kollektiv hat 20.000 Euro für einen Holzzaun ausgegeben, der das Gelände zu den Gleisen absichert, auf denen fast im Minutentakt S-Bahnen vorbeirauschen. Ihren Strom gewinnen die Künstler übrigens mit Solaranlagen, es gibt Ökotoiletten und hier und da Wasser aus Tanks.

Ein Blick über die Containerlandschaft.  Foto: Robert Klages Vergrößern
Ein Blick über die Containerlandschaft.  © Robert Klages

Die Polizei kommt öfter mal zu Besuch, weil sich Anwohnende aus dem angrenzen Häusern des Thälmannparks beschweren. Dabei gebe man sich Mühe, nach 22 Uhr leise zu sein, versichert Bachhuber. Mit vielen Nachbar:innen verstehe man sich auch sehr gut. Er hofft, noch lange hierbleiben zu können. „Man weiß nie, was passiert. Wenn ich mir vorstelle, dass wir das alles hier wieder abbauen müssen –  das wäre sehr schade.“

Ein unkuratiertes Gesamtkunstwerk

Das Babel-Gelände erinnert an ein Rhizom, das sich ständig in alle Richtungen ausbreitet. Es ist ein organisch wachsendes, unkuratiertes Gesamtkunstwerk, das wohl so kein zweites Mal entstehen könnte. Über Brücken und Pfade sind die Container miteinander verbunden, noch in den hintersten Ecken finden sich Kunstobjekte, gar eine Sauna und ein Wellnessbereich. 

Vor den Plattenbauten spielt die "Schrottband"

Auf einer Bühne, hinter der die Plattenbauten des Thälmannparks emporragen, spielt eine Schrottband: Roboter, gebaut aus Altmetall, bewegen ihre Hände pneumatisch zur Musik. 

Zu den Babel-Leuten gehören auch Siamant Ouzo und Maria Zimmermann. Sie sind Teil eines Kollektivs, das einen Kostümverleih für Festivals auf dem Gelände betreibt: das „Schrottpüree“. Zurzeit bereiten sie den „Babeltag“ am 7. August vor. Von 12 bis 22 Uhr wird dann Musik und Kunst von Menschen mit und ohne Behinderung gemacht. 

[Vom 6. bis 8. August läuft im „Zirkus Mond“ auch ein Varieté-Theater für Groß und Klein, bei Interesse bitte anmelden.]

Motto: „Alles inklusiv.“ Eintritt gegen Spende und nur mit tagesaktuellem Coronatest. Einen Förderantrag unter dem städtischen Förderprogramm „Draußenstadt“ für das inklusive Fest lehnte die Senatsverwaltung für Kultur ab. „Sehr enttäuschend“, wie Gregor Bachhuber findet.

Ateliers und Kunst.  Foto: Robert Klages Vergrößern
Ateliers und Kunst.  © Robert Klages

Wenn es nach Bachhuber geht, wäre auf dem Gelände jeden Tag Programm, endlos, so wie beim bekannten Fusion-Festival, das jedes Jahr Zehntausende Besucher:innen auf einen alten Flugplatz nahe der Müritz lockt: „Abends Musik, dazu aber auch Theater, Lesungen, Kino.“ 

Aber derzeit müssen die Babel-Künstler:innen erstmal mit der Corona-Pandemie klarkommen. Es sei schwierig, Livemusik zu spielen, weil alles in den Außenbereichen stattfinden muss - das wiederum rufe die Nachbar:innen auf den Plan, so Bachhuber. Er hofft, nochmal richtig loslegen zu können, bevor man das Gelände schon wieder verlassen muss. 

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