Shico Menegat (links) spielt in „Tinta Bruta“ von Marcio Reolon (Mitte) und Filipe Matzembacher mit. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
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Teddy Award 2018 Brasilien hängt alle ab

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Marcio Reolon und Filipe Matzembacher gewinnen mit "Tinta Bruta" den Teddy Award für den besten queeren Berlinale-Film. Bei der Gala im Haus der Berliner Festspiele dominierte das lateinamerikanische Queer-Kino.

„Fora Temer!“ schallt es aus der letzten Reihe. Temer raus – so lautet seit zwei Jahren der Slogan gegen den brasilianischen Präsidenten, der nach dem Amtsenthebungsverfahren von Dilma Rousseff ins Amt kam. Der 77-Jährige hält sich trotz aller Korruptionsvorwürfe und Proteste.

Auch bei der Verleihung der Teddy Awards für die besten queeren Berlinale-Filme im Haus der Berliner Festspiele wird er kritisiert. Zuerst von Regisseur Kiko Goifman, der zusammen mit Claudia Priscilla den Doku- Teddy für „Bixa Travesty“ bekommen hat. Mit Tränen in den Augen bedankt er sich und spricht dann von Zensur und Unterdrückung in seinem Land. „Wir leben in einer schrecklichen Zeit.“

Genau so sieht das Marcio Reolon, gemeinsam mit Filipe Matzembacher Regisseur und Drehbuchautor des Spielfilm-Teddy-Gewinners „Tinta Bruta“. Nach der mit großem Jubel aufgenommenen Entscheidung sagt der 33-Jährige: „Wir sind mit dem Verlust unserer Demokratie konfrontiert.“ Das sende eine klare Botschaft an die LGBT-Community, für die es nun gelte, stärker zusammenzustehen. „Wir müssen aufeinander aufpassen. Keine queere Person darf zurückgelassen werden.“

Jack Woodhead moderierte wieder äußerst kurzweilig

Brasilien ist ein gefährliches Land für Trans- und Homosexuelle, die Zahl der Gewaltverbrechen beängstigend hoch. Das Gefühl der Bedrohung ist durch den Wechsel zu einer konservativen, von einem Macho geführten Regierung noch größer geworden. Sich davon nicht einschüchtern zu lassen, dafür stehen die brasilianischen Teddy-Filme. Ein Vorbild in Sachen Furchtlosigkeit und Selbstliebe ist etwa die Sängerin Linn da Quebrada, die in „Bixa Travesty“ porträtiert wird und in ihren Liedern gegen Machismo, Rassismus, Trans- und Homophobie ansingt. Eine Ahnung von ihrer immensen Energie bekommt man bei ihrem Kurzauftritt im Showprogramm des Abends. Mit Sonnenbrille, Kopftuch und im Glitzerkleid schießt sie ihre kämpferischen Texte in den Raum. Begleitet wird sie wie immer von Jup de Bairro, die mit einer kurzen Twerk-Einlage für Begeisterung im Parkett sorgt – ein Höhepunkt dieser fast zweieinhalbstündigen Gala, die wieder hübsch überkandidelt von Entertainer Jack Woodhead moderiert wird.

„Una mujer fantástica“ gewann im letzten Jahr und hat Oscar-Chancen

Nach Brasilien geht zudem der Spezialpreis der Jury: Evangelia Kranioti gewinnt mit ihrem poetischen Essay „Obscuro Barocco“, in dessen Zentrum die vergangenes Jahr kurz nach den Dreharbeiten verstorbene Künstlerin und Aktivistin Luana Muniz steht. Wie schon im Vorjahr sind somit zwei Werke mit oder über Transfrauen erfolgreich beim Teddy. Vorjahressieger und Drehbuch-Bären-Gewinner „Una mujer fantástica“ mit Daniela Vega geht nächste Woche sogar ins Oscarrennen.

Das „Bixa Travesty“-Team. Kiko Goifarm, Claudia Priscilla, Jup de Bairro und Linn da Quebrada (vorne) bekamen den Doku-Teddy. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
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Lateinamerikanische Filme dominierten diesmal die Teddy-Konkurrenz. So ist Marcelo Martinessis in Paraguays Hauptstadt Asunción angesiedelter Wettbewerbsfilm „Las herederas“ in der Spielfilm-Kategorie nominiert und gewinnt den Preis des „Mannschaft Magazins“, und der Peruaner Alvaro Delgado Aparicio wird mit seinem in der Generation gezeigten „Retablo“ mit dem neu geschaffenen L’Oreal Newcomer Award ausgezeichnet. Antonio Harfuch, Mitglied der siebenköpfigen Teddy Jury und Festivalmacher aus Mexiko City, erklärt die große Präsenz der Region bei einem kurzen Bühneninterview damit, dass „queere Filmemacher sich nun endlich trauen, unsere Geschichten zu erzählen.“ Der Teddy sei für die Szene eine direkte Inspiration. „Ohne ihn wären wir noch im Mittelalter.“

Schwermut und leise Töne dominieren

Gemeinsam haben die meisten lateinamerikanischen Teddy-Werke eine gewisse Schwermut, es dominieren Dramen und leise Töne. Exemplarisch: „Tinta Bruta“ mit dem jungen schwulen Protagonisten Pedro, der unter Einsamkeit und Ausgrenzung leidet. Erst verlässt seine Schwester, später sein Lover die Stadt. Aus Porto Alegre wollen alle weg. Nur Pedro nicht, und das, obwohl er hier so sehr gemobbt wurde, dass er gewalttätig wurde. Die Homofeindlichkeit der brasilianischen Gesellschaft spielt eine wichtige Nebenrolle in „Tinta Bruta“.

Auf die schwere Situation von queeren Menschen weltweit weisen viele Redner des Abends hin, darunter auch Teddy-Erfinder und Ex-Panorama-Chef Wieland Speck. Am prägnantesten gelingt dies aber Michael Roth, Staatsminister des Auswärtigen Amtes, der sagt: „Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle sind in vielen Staaten unter Druck, auch in Ländern, die zur Europäischen Union gehören. Das ist nicht akzeptabel.“ Roth erinnert noch einmal an das Verbot des deutschen LGBT-Filmfestivals in Istanbul, berichtet aber auch von der ersten Vorführung eines queeren Films in Tunis, die sehr positiv aufgenommen wurde. Dranbleiben lohnt sich also, aber geschenkt wird den Queers nichts – nirgends.

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