Der 17-jährige Simon (Nick Robinson) verheimlicht, dass er schwul ist. Foto: Fox
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"Love, Simon" im Kino Hollywood hat endlich sein Coming-Out

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Greg Berlantis „Love, Simon“ ist der erste High-School-Film eines großen Studios, der von einem schwulen Teenager erzählt.

Nichts riskieren, nichts verlieren. Diese für Hollywood typische Hasenfüßigkeit beschert uns seit Jahren einen steten Strom von Sequels, Prequels und Bestsellerverfilmungen. Zu den Folgen dieser konservativen Haltung zählt auch, dass unter den unzähligen Highschool-Filmen und Teenie-Komödien, die die großen Studios produziert haben, noch nie eine schwule oder lesbische Geschichte war. Queere Stoffe sind in der Regel – zuletzt etwa „Moonlight“, „Carol“ oder „Call Me By Your Name“ – immer noch eine Domäne des Independent-Kinos.

Doch jetzt hat mit 20th Century Fox endlich der erste Hollywood-Gigant sein Coming Out und bringt den Jugendfilm „Love, Simon“ in die Kinos. Er ist kurzweilig, witzig und gut gespielt, allerdings auch durchdrungen von einer Vorsicht, die man offenbar bei einer schwulen Story im Jahr 2018 – homosexuelle Paare dürfen in den USA seit drei Jahren heiraten – immer noch für nötig hält. So lauten etwa die ersten Sätze, die der Protagonist aus dem Off sagt: „Ich bin wie du. Im Wesentlichen ist mein Leben ganz normal.“ Als müsse er den heterosexuellen Teil des Publikums beruhigen, erwähnt der von Nick Robinson gespielte 17-Jährige dieses Normalsein in der nächsten halben Stunde noch zwei Mal.

Und in der Tat: Regisseur Greg Berlanti, der selbst schwul ist und vor 18 Jahren für die TV- Serie „Dawson’s Creek“ eine historische Kussszene mit zwei Männern schrieb, zeigt Simon als sympathischen Durchschnittsteenager aus einer wohlhabenden Vorortfamilie. Er hat liebevolle Eltern, eine süße jüngere Schwester und ein paar sehr nette Freundinnen und Freunde. Dazu ein schickes Zimmer, Computer, Smartphone, Plattenspieler und sogar ein eigenes Auto. Trotzdem fühl er sich unwohl, denn er kann niemandem sagen, dass er auf Jungs steht.

Noch ein Junge an der Schule ist schwul

Eines Tages liest er auf dem Online-Messageboard seiner Schule den Post eines Jungen, der sich Blue nennt. Auch er ist schwul und allein damit. Sofort schreibt Simon zurück, ebenfalls unter einem Pseudonym. Daraus entsteht eine längerer Mailwechsel, in den sich bald auch flirtende Untertöne mischen. Zudem beginnt Simon in der Schule und in der Stadt nach Blue Ausschau zu halten, doch er kommt einfach nicht dahinter, wer er ist.

„Love, Simon“ vermischt Elemente der High-School-Komödie in der Tradition von „Ferris macht blau“ mit dem klassischen Coming Out-Film. Wobei letzterer zumal in Europa inzwischen fast nicht mehr gedreht wird. Stehen queere Teenagern im Zentrum, wird das Coming Out entweder gar nicht mehr thematisiert mehr wie in Monja Arts „Siebzehn“ und Abdellatif Kechiche „Blau ist eine warme Farbe“ – oder beiläufig wie in André Téchinés „Mit Siebzehn“.

Dass Greg Berlanti mit seiner Adaption des Romans „Nur drei Worte“ von Becky Albertalli nun quasi noch einmal bei Null anfängt, macht sein Werk aber nicht weniger sehenswert. Denn auch in Zeiten der rechtlichen Gleichstellung und höherer gesellschaftlicher Akzeptanz bleibt für homosexuelle Teenager das Gefühl der Einsamkeit und des Ausgeschlossenseins in einer anders gepolten Welt. Das fängt „Love, Simon“ stimmig ein, wenn er die ausschließlich heterosexuellen Liebeleien und Flirtversuche der Jugendlichen in Simons Umfeld zeigt. Auch seine Eltern gehen selbstverständlich davon aus, dass er Mädchen mag. Der Druck, diesem Bild zu entsprechen, ist so groß, dass sich Simon von einem Mitschüler erpressen lässt, der zufällig von seinen wahren Begehren erfährt.

Simons Freunde müssen sich vor ihren Eltern als hetero outen

Online-Kommunikation spielt eine wichtige Rolle in Berlantis Film, wobei auffällt, dass Simon das Internet nicht dazu nutzt, um queere Kids kennen zu lernen oder etwas über schwule Kultur zu erfahren. Was seltsam wirkt, ist das Netz für schwule und lesbische Teenager – vor allem in der Provinz – doch die Informationsquelle sowie ein Ort der Bestärkung. Dass Simon keinerlei Verbindungen zur Szene hat– im Buch besucht er zumindest mal einen Gay Club –, lässt seine Isolation noch größer erscheinen. Zudem minimiert es die sichtbare Queerness in „Love, Simon“.

Standard-Topoi des High-School-Films wie eine Halloweenparty und ein Footballspiel fehlen hingegen nicht. Beide sind ziemlich witzig inszeniert, was auch für die zwei einzigen Szenen mitexplizit queerer Perspektive gilt, die allerdings nur in Simons Fantasie stattfinden: Einmal spielt er im Kopf durch, wie seine Freunde Hetero-Coming-Outs vor ihren Eltern haben. Ein anderes Mal erträumt er sich eine Regenbogen-Uni, an der die Studierenden zu Whitney Houstons „I Wanna Dance With Somebody“ über den Campus hüpfen. Bis ihm in der Realität ein bisschen Homo-Glück vergönnt ist, dauert es bis zum Finale. Das ist dafür aber extra romantisch und ein bisschen kitschig – Hollywood eben.

Ab Donnerstag in 19 Berliner Kinos.

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