Félix Maritaud spielt den 22-jährigen Léo. Foto: Salzgeber
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Filmdrama "Sauvage" Sie küssen und sie schlagen ihn

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Der sensible Debütspielfilm „Sauvage“ von Camille Vidal-Naquet startet am Donnerstag in den Kinos. Er spielt in Straßburg.

Diese Berührung gehört hier eigentlich nicht hin. Doch die Ärztin (Marie Seux) lässt es zu, dass ihr junger Patient (Félix Maritaud) sie bei der Untersuchung plötzlich umarmt. Ein paar Sekunden lang hält sie sogar seinen Kopf. Dann tritt sie einen Schritt zurück und schaut weiter, was diesem jungen, schönen, aber auch schon sehr geschundenen Körper fehlt.

Die Umarmung ist einer der berührendsten Momente von Camille Vidal-Naquets Debütspielfilm „Sauvage“ und der einzige, in dem eine Frau eine maßgebliche Rolle spielt. Die Szene spiegelt die Eröffnungssequenz des Films, in der der namenlose Protagonist – der Regisseur und Drehbuchautor hat ihn in Interviews Léo genannt – ebenfalls von einem Arzt abgetastet und befragt wird. Doch dann ergreift der Mediziner plötzlich den Penis seines Patienten und holt ihm einen runter. Ein Rollenspiel, für das der Mann im weißen Kittel anschließend bezahlt.

Er schläft auf der Straße oder im Wald

Die beiden Praxisbesuche vermessen die Distanz zwischen Léos Träumen und seiner Realität. Er sehnt sich nach Nähe und Geborgenheit, was er bekommt, sind Sex und Gewalt. Der 22-jährige schwule Sexarbeiter ist hart im Nehmen, wobei ihm auch das Crack hilft, das er sich von seinem Verdienst kauft. Meist schläft er irgendwo auf den Straßen von Straßburg, im Wald oder in einem besetzten Haus. Sein einziger Besitz sind die Kleider, die er trägt. „Sauvage“ heißt wild, was seine Existenz auf den Punkt bringt.

Doch sucht Léo bei seinem Job immer auch nach Zärtlichkeit – und findet sie mitunter sogar. Als er einmal mit einem sehr alten Klienten im Bett liegt, fragt dieser, ob er ihn nicht abstoßend finde. „Überhaupt nicht“, sagt der junge Mann – und man glaubt ihm das genau wie der Alte. Er küsst den Weißhaarigen und hält ihn im Arm, bis er einschläft. Ein friedliches, schönes Bild. Es spiegelt wiederum eine andere Szene, in der Léo mit seinem Kollegen Ahd (Éric Bernard) im Bett liegt. Ahd ist nicht schwul und erwidert Léos Gefühle für ihn nicht, doch an diesem Morgen darf er auf seiner nackten Brust liegen.

„Sauvage“ steht in der Tradition französischer Stricherfilme wie Patrice Chéreaus „Der verführte Mann“ von 1983 oder André Téchinés „Ich küsse nicht“ von 1991. Allerdings erinnert Camille Vidal- Naquets Werk mehr an die genau beobachteten Sozialdramen der belgischen Brüder Dardenne. Wie bei ihnen ist die Handkamera (Jacques Girault) stets dicht bei der Hauptfigur, was zu einer großen Intimität und Körperlichkeit führt, aber niemals voyeuristisch wirkt. Léos mit vielen Tattoos verzierte Haut, seine immer fettiger werdenden Haare, seine oft scheu blickenden Augen sind bald so vertraut wie die eines Freundes.

Stolz, Freiheitsdrang und Selbsthass

Deshalb ist es auch schmerzhaft, dabei zuzusehen, wie sich die Situation des jungen Mannes in den wenigen Sommerwochen, die „Sauvage“ umfasst, kontiniuierlich verschlechtert. Sein Husten wird stärker, er trifft auf extrafiese Kunden, und sein Körper liegt immer häufiger am Boden. Das ist nicht nur seinem Stolz und seinem Freiheitsdrang geschuldet, es zeigt auch seinen Selbsthass. Als Léo in das Luxusauto eines als brutal verschrienen Freiers einsteigt, das ihn immer wieder geierartig umkreist hat, nimmt er geradezu autodestruktive Züge an.

Was genau in dieser Nacht geschieht, erfährt man nicht, in diesem Fall bleibt die Kamera einmal außen vor. Denn Camille Vidal-Naquet, der drei Jahre bei Pariser Sexarbeitern recherchierte, liebt seinen von Félix Maritaud ("120 BPM") fulminant verkörperten Held sehr. Und schickt ihm einen Retter.

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