Menschen protestieren auf dem Alexanderplatz bei der "Silent Demo" gegen Rassismus und Polizeigewalt. Foto: Britta Pedersen/dpa
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Proteste in Berlin 15.000 Menschen demonstrierten gegen Rassismus - 93 Festnahmen

Amélie Baasner Julius Geiler

Zehntausende versammelten sich auf dem Berliner Alexanderplatz bei der "Silent Demo". Die Polizei berichtet von 93 Festnahmen und 28 verletzten Beamten. 

Zehntausende Menschen haben sich am Sonnabend in ganz Deutschland unter dem Motto „Silent Demo“ an friedlichen Protesten gegen Rassismus beteiligt. Bundesweit wurde auf den Demonstrationen der Slogan „Black Lives Matter“ ("Schwarze Leben zählen“) gerufen. Hintergrund ist der Mord an George Floyd durch Polizisten in Minneapolis am 25.Mai. Seither kommt es in den USA täglich zu schweren Unruhen. 

In Berlin kamen nach Polizeiangaben etwa 15.000 Demonstrierende rund um den Alexanderplatz zusammen. Es war die größte von zahlreichen Demonstrationen in der Hauptstadt. 

Mit rund 800 Einsatzkräften und einem Hubschrauber war die Polizei am Sonnabend im Einsatz. Sie lobte zu Beginn der Demo auf Twitter, dass viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer Masken trugen und auf ausreichenden Abstand achteten. 

Teilnehmerinnen der "Silent Demo" in Berlin. Foto: Britta Pedersen/dpa Vergrößern
Teilnehmerinnen der "Silent Demo" in Berlin. © Britta Pedersen/dpa

Angesichts der vielen Menschen baten Beamte kurz vor 15 Uhr per Lautsprecherdurchsagen, den Platz nicht mehr zu betreten. „Wir wollen nicht, dass eine Massenpanik entsteht“, hieß es.

Umliegende Straßen seien für den Verkehr gesperrt worden, damit die Demonstranten darauf ausweichen konnten. Bahnen hielten an der Station Alexanderplatz zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. 

93 Festnahmen und 28 verletzte Einsatzkräfte

Bei der "Silent Demo" sind laut Polizei 93 Menschen festgenommen und 28 Polizeibeamte leicht verletzt worden. Drei von Ihnen hätten nach ambulanter Behandlung vom Dienst abtreten müssen, teilte die Polizei in der Nacht zum Sonntag mit.

Demnach erfolgten die Festnahmen wegen Landfriedensbruchs, Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte und tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte, versuchter Gefangenenbefreiung, Verstößen gegen das Infektionsschutzgesetz sowie Hausfriedensbruchs.

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Nach der friedlich verlaufenen Demonstration auf dem Alexanderplatz, die zwar störungsfrei verlaufen sei, aber wegen der großen Menschenmenge vorzeitig beendet werden musste, war es laut Polizei zu einem Gewaltausbruch mit mehreren hundert Personen in der Dircksenstraße zwischen dem Bahnhof Alexanderplatz und dem Berolinahaus gekommen. Polizisten und Passanten seien aus einer größeren Gruppe heraus mit Steine und Flaschen beworfen worden, nachdem ein Mann wegen Sachbeschädigung eines Einsatzfahrzeuges festgenommen worden sei. Auch ein freier Pressefotograf sei verletzt worden.

Ein Künstler malt bei der Kundgebung auf dem Alexanderplatz ein Bild des getöteten George Floyd. Foto: Britta Pedersen/dpa Vergrößern
Ein Künstler malt bei der Kundgebung auf dem Alexanderplatz ein Bild des getöteten George Floyd. © Britta Pedersen/dpa

Zusätzlich zu den ursprünglich 14 geplanten Versammlungen in der Innenstadt sei noch eine 15. genehmigt worden, so die Polizei. Diese hatte ihre Abschlusskundgebung am Strausberger Platz.

Gewerkschaft der Polizei bedankte sich bei friedlich Demonstrierenden und verurteilte Angriffe auf Beamte

Die Gewerkschaft der Polizei in Berlin hat sich bei den Zehntausenden Demonstrierenden bedankt, die am Samstag "in friedlicher Art und Weise gegen Rassismus auf die Straße" gegangen sind.  "Das verdient unsere absolute Rückendeckung", sagte Sprecher Benjamin Jendro am Sonntag. 

"Wer aber auf Basis der grauenhaften Ereignisse in den USA in Berlin „F*** the police“-Plakate" vor Menschen halte, die ihr Bestmögliches täten, um die Grundrechte zu schützen, und diese mit Flaschen und Steinen bewerfe, missbrauche die Versammlungsfreiheit, so Jendro. Den verletzten Kolleginnen und Kollegen wünsche die Gewerkschaft alles Gute.

Auch in anderen deutschen Städten wurde demonstriert

Auch in München, Köln, Frankfurt, Mannheim, Nürnberg, Düsseldorf, Münster, Dortmund, Leverkusen, Bonn, Osnabrück, Göttingen, Hannover und Braunschweig gingen die Menschen aus Protest gegen Rassismus auf die Straße. In München, wo 200 Menschen angemeldet waren, versammelten sich rund 7000 Personen. Nach Angaben der Polizei seien die Abstandsregeln nicht eingehalten worden. 

Viele Demonstranten waren bundesweit der Aufforderung der Organisatoren gefolgt, in schwarzer Kleidung zu erscheinen. „Mit unserer Demonstration wollen wir ein starkes Zeichen gegen Rassismus setzen in den USA, aber auch bei uns in Deutschland“, erklärten die Veranstalter. 

Vor dem Frankfurter Römer kamen am Samstagnachmittag etwa 8000 Menschen zusammen. Weil der Römerplatz kurz nach Beginn der Kundgebung bereits voll gewesen sei, wurden Teilnehmer auf den nahen Paulsplatz umgeleitet, teilte ein Sprecher der Frankfurter Polizei mit. Hygiene- und Mundschutzregeln seien weitgehend eingehalten worden.

In Düsseldorf verharrten die Demonstranten zum Auftakt am DGB-Haus für acht Minuten und 46 Sekunden in Schweigen. Exakt so lange hatte der Polizist sein Knie auf den Hals von Floyd gedrückt, der danach starb. 

Eine Schweigeminute von 8 Minuten und 46 Sekunden

Auch in Berlin setzten sich viele Demonstranten, darunter viele Jugendliche, für eine Schweigeminute von 8 Minuten und 46 Sekunden auf den Boden. In Berlin twitterten Teilnehmer schon kurz nach 14 Uhr, dass sich der Alexanderplatz schnell füllen würde. Der Weg aus Kreuzberg nach Mitte gleiche einem Fahrradkorso. 

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Demonstrant Prince Ofori trug ein Plakat mit Namen von in Deutschland ermordeten PoCs (kurz für People of Colour). Darunter auch der Name von Oury Jalloh, der 2005 in einer Gewahrsamszelle der Dessauer Polizei unter bis heute ungeklärten Umständen starb. „Wir sind immer der Meinung, dass das, was in den USA passiert, schlimm ist und sagen dann ,Gott sei Dank ist es in Deutschland anders’“, sagte er. Aber auch in Deutschland würden PoCs ermordet, meinte Ofori. 

"Ich erlebe Alltagsrassismus hautnah mit"

„Als Mutter einer halbafrikanischen Tochter erlebe ich Alltagsrassismus hautnah mit. Das kann man sich als Deutsche nicht vorstellen, was das heißt, wenn man im Restaurant nicht bedient wird, schräg angeschaut wird, immer mit einem skeptischen Verdacht. Rassismus ist auch in Deutschland omnipräsent“, sagte Bettina Ullman.

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Demonstrantin Rebecca kritisierte: „Alle bekommen angeblich nichts mit vom Rassismus. Das war ja schon beim Holocaust so. Rassismus gilt immer als ,Nazi’ oder ,AfD’, ist aber ein systemisches Problem.“ Schon in der Schule gehe es los, sagt sie, „da ist man sofort NDH“ (nicht-deutscher Herkunft). 

„Meine Freunde haben alle Farben der Welt“

Auch Familien nahmen an dem Protest teil. Auf Fotos ist ein Kind zu sehen, dass ein Plakat mit der Aufschrift „Meine Freunde haben alle Farben der Welt“ trägt. 

Eine Familie demonstriert gegen Rassismus bei der "Silent Demo" in Berlin. Foto: Amélie Baasner Vergrößern
Eine Familie demonstriert gegen Rassismus bei der "Silent Demo" in Berlin. © Amélie Baasner

„Ich bin heute hier, weil ich glaube, irgendwann ist es genug. Wir sind eine Rasse, die Menschenrasse. Hass endet nur durch Liebe, Rassismus ist keine Ideologie oder eine politische Richtung, sondern eine emotionale Störung, am Ende ist es Selbsthass“, sagte Filipa. 

Die NPD hatte am Samstag zeitgleich zu einer Demonstration unter dem Motto „White Lives Matter“ an der Leipziger Ecke Wilhelmstraße aufgerufen. Zehn Personen nahmen daran teil. Von der gegenüberliegenden Straßenseite gab es lauten antifaschistischen Protest gegen die Kundgebung der Rechtsradikalen. Ab und zu schallte „Haut Ab!“ von vorbeifahrenden Autofahrern aus Protest gegen die Rechten über die Straße. (mit dpa)

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