Bundespolizisten kontrollieren in der Wilmersdorfer Straße die Einhaltung der Maskenpflicht. Foto: Christoph Soeder/dpa
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Polizei kontrolliert Corona-Regeln auch am Abend So lief der erste Tag mit Maskenpflicht in Berliner Einkaufsstraßen

Cristina Marina

In zehn Einkaufsstraßen gilt seit Samstag eine Maskenpflicht. Die Polizei leistet Aufklärungsarbeit und kontrolliert. Hinzu kommen Aktionen von Verweigerern.

„Auch auf der Straße muss man jetzt Maske tragen?“ Ein junger Mann auf der Karl-Marx-Straße in Neukölln ist ganz erstaunt, als ein Polizist ihn anspricht. „Ja, auf dieser Straße gilt ab heute Maskenpflicht“, antwortet der Beamte. „Krass!“ Der Passant holt seine schwarze Maske aus der Hosentasche und zieht sie ohne Widerrede über sein Gesicht.

Wie ihm geht es an diesem Morgen vielen Passanten auf der Karl-Marx-Straße. Dort und auf neun weiteren Einkaufsstraßen in Berlin muss zur Eindämmung der Coronapandemie seit Samstag Mund-Nasen-Schutz getragen werden.

Die Berliner Polizei ist am Samstag seit 10 Uhr mit 500 Einsatzkräften auf den Straßen unterwegs, um die Einhaltung der Corona-Regeln zu kontrollieren. 500 weitere Beamte der Bundespolizei unterstützten den Einsatz.

Am frühen Nachmittag, gegen 14 Uhr, zieht die Berliner Polizei eine Zwischenbilanz: Etwa 80 bis 90 Prozent der Menschen halten sich auf den betroffenen Straßen an die Maskenpflicht. Diejenigen, die es nicht tun, hätten sich aber einsichtig gezeigt.

Die Polizei habe insgesamt nur sechs Bußgelder ausgesprochen – in Fällen, in denen Menschen partout verweigert hätten, eine Maske zu tragen. Alles in allem ein Erfolg für die Polizei, betont Sprecher Winfrid Wenzel. „Wir sind bis in die Nacht hinein unterwegs“, sagt er.

Polizei zieht überwiegend positive Bilanz

Die Bilanz des Großeinsatzes am Abend fällt laut Polizei "überwiegend positiv" aus. Der Tag in Zahlen: Insgesamt 23 Ordnungswidrigkeitenverfahren seien bei "Unbelehrbaren" eingeleitet worden, "die sich nichts schützen wollten bzw. keinen Mund-Nasen-Schutz bei sich hatten", teilt die Polizei mit. Fünf Strafermittlungsverfahren wurden unter anderem wegen Beleidigung und Widerstands sowie Urkundenfälschung eingeleitet.

In einem Imbiss in der Sonnenallee seien 50 Menschen angetroffen worden, nur eine Person stand jedoch auf der Liste zur Kontaktnachverfolgung. Gegen den Betreiber wurde ein Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet, die Gäste wurden verwarnt.

Auch am Abend kontrollieren die Beamten unter anderem Gaststätten, Bars und Grünanlagen. "Erkennbar ist, dass die Akzeptanz zum Tragen des Mund-Nasen-Schutzes sichtbar abnimmt", heißt es von der Polizei. Auch für den Sonntag sind Kontrollen geplant.

Die Polizeibeamten müssen Aufklärungsarbeit leisten

Am Tage scheinen viele Bürgerinnen und Bürger noch nichts von der Pflicht zu wissen. Nirgends stehen Schilder, die darauf hinweisen. Vielmehr müssen die Polizeibeamten an diesem Tag Aufklärungsarbeit leisten.

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„Eigentlich sollte die Maskenpflicht ausgeschildert sein“, sagt ein Polizist, der am Kurfürstendamm in Charlottenburg auf Streife ist. Wo, wisse er aber nicht. „Wir haben gerade erst mit dem Einsatz angefangen.“ Auch auf der belebten Bergmannstraße in Kreuzberg fehlen Hinweise, ebenso auf der Alten Schönhauser Straße in Prenzlauer Berg.

Ein Schild auf einem Markt in Steglitz-Zehlendorf weist auf die Maskenpflicht hin. Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch Vergrößern
Ein Schild auf einem Markt in Steglitz-Zehlendorf weist auf die Maskenpflicht hin. © REUTERS/Fabrizio Bensch

In Neukölln kümmert sich der Bezirk erst am frühen Nachmittag darum, seine Bürger zu informieren: Bezirksbürgermeister Martin Hikel lässt an der Hermannstraße/Ecke Karl-Marx-Straße Hinweise zur Maskenpflicht auf den Boden sprühen.

In weißer Farbe strahlt jetzt ein Piktogramm eines maskentragenden Männchens Fußgänger vom Boden aus an. Darunter steht auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch: „Bitte Maske tragen!“.

Der Bezirksbürgermeister von Neukölln, Martin Hikel, ließ am Samstagmittag an der Hermannstraße Ecke Karl-Marx-Straße Hinweise zur Maskenpflicht auf den Boden sprühen. Foto: Nina Breher Vergrößern
Der Bezirksbürgermeister von Neukölln, Martin Hikel, ließ am Samstagmittag an der Hermannstraße Ecke Karl-Marx-Straße Hinweise zur Maskenpflicht auf den Boden sprühen. © Nina Breher

Doch warum kommen die Hinweise erst jetzt? „Aus dem Grund, dass wir es organisatorisch früher nicht hinbekommen haben“, sagt Bezirksbürgermeister Hikel. Die Aktion zeigt vorerst jedoch nur bedingt Wirkung: „Eine Fahrt durch die Karl-Marx-Straße in Neukölln zeigt deutlich: Hier tragen noch viel zu wenig Menschen eine Mund-Nase-Bedeckung“, twittert die Polizei Berlin gegen 16 Uhr. Doch weiterhin seien die meisten einsichtig.

Coronaskeptiker protestieren in der Wilmersdorfer Straße

In der Wilmersdorfer Straße, Ecke Goethestraße haben sich dagegen 17 Coronaskeptiker zur Protestaktion aufgestellt. Sie halten das Coronavirus für den „totalitärsten Apparat der Geschichte“. Das steht in ihrer Zeitung „Demokratischer Widerstand“, die sie verteilen.

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Eine Frau trägt ein Schild auf dem Rücken: „Alle Clubs sofort öffnen. Corona-Verbote sind Vergewaltigung.“ Ironisch gibt sich der Demoteilnehmer neben ihr. Auf seinem Schild steht „Ein Herz für Maskenbürger“.

Die Redner erklären den Virologen Christian Drosten, Gesundheitsminister Jens Spahn, die Kanzlerin und „die deutsche Antifa“ zu „Heiligen“. Kritik durch Satire und Überzeichnung scheint das Motto der Virusleugner zu lauten. Eine Teilnehmerin behauptet, ein ärztliches Attest zu haben, das sie von der Maskenpflicht befreie. Doch sie trägt das Originaldokument nicht mit sich. Die Polizistin zeigt sie an.

Polizisten kontrollieren die Einhaltung der Maskenpflicht in der Schloßstraße in Berlin-Steglitz. Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch Vergrößern
Polizisten kontrollieren die Einhaltung der Maskenpflicht in der Schloßstraße in Berlin-Steglitz. © REUTERS/Fabrizio Bensch

Nichts zu sehen von kontrollierenden Polizeistreifen hingegen ist zunächst auf der Friedrichstraße in Mitte. Zwar ist die Einkaufsstraße am Samstagnachmittag erstaunlich leer. Von den Menschen vor Ort trägt jedoch nur rund die Hälfte eine Maske. Eine 26-Jährige mit schwarzem Hut und Cowboystiefeln sagt, sie werde diese Straßen künftig vermutlich meiden, weil es sich mit der Maske „nicht so toll“ atme. Später kommt die Polizeikontrolle aber doch noch.

Auch auf der Bergmannstraße in Kreuzberg sieht man noch viele unbedeckte Münder und Nasen. So auch bei einem jungen Paar. „Vor der Polizei habe ich eben eine getragen“, sagt der Mann. Wenn um ihn herum wenige Menschen sind, mache die Maske für ihn aber wenig Sinn. Seine Partnerin will abwarten und schauen, ob sie „anderen zu nahetritt“, wenn sie keine Maske trägt.

Maskenverweigerer streamen Aktion auf Youtube

In S- und U-Bahn lief am Samstagnachmittag eine Aktion von Maskenverweigerern, live mitzuerleben auf dem Youtube-Kanal des rechten Aktivisten und AfD-Mitglieds Stefan Bauer. Bauer ist AfD-Mitglied und streamt seit Monaten Veranstaltungen von Skeptikern der Corona-Maßnahmen und Verschwörungsideologen.

Eine Gruppe von zwanzig bis dreißig Personen fuhr bei der Aktion ohne die erforderliche Mund-Nase-Bedeckung mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch Berlin.

Zunächst stieg die Gruppe in die Stadtbahn Richtung Alexanderplatz, um dann in die U-Bahnlinie 5 umzusteigen. In den Zügen wurden immer wieder andere Passagiere dazu aufgefordert, ihre Maske abzunehmen und sich „anzuschließen“. Schließlich beendeten die Maskenverweigerer am Bahnhof Frankfurter Allee ihre Fahrt und zogen mit Parolen wie „Masken ab!“ durch die Shoppingmall Ringcenter.

Am Ausgang des Ringcenters wurde die Personengruppe von Dutzenden Beamten der Polizei Berlin abgefangen und überprüft. Fünf Ordnungswidrigkeitsverfahren wurden eingeleitet, außerdem gab es eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Eine ähnliche Aktion gab es anschließend auch in den Schönhauser Allee Arcaden, laut Polizei handelte es sich um dieselbe Gruppe.

Eine Polizeisprecherin teilte dem Tagesspiegel mit, dass man nach mehreren Hinweisen aus der Bevölkerung auf den Livestream gestoßen sei und unverzüglich Einsatzkräfte alarmiert hätte.

Ähnliche Vorfälle gibt es am Sonnabend auch an mehreren Orten in Pankow – ob es sich um dieselben Personen handelt, ist unklar. In der Oderberger Straße in Prenzlauer Berg forderten 30 Personen andere Bürger dazu auf, ihren Mund-Nase-Schutz abzunehmen, sagte ein Polizeisprecher am Abend.

Im Bereich der Kastanienallee waren es fünf Menschen, die ebenfalls andere dazu aufforderten, die Masken abzunehmen. Dort gab es laut Polizei eine Festnahme wegen Widerstands gegen Beamte. An der Kastanienallee Ecke Schwedter Straße wurden neun Personen ohne Mundschutz festgestellt. Außerdem wurden der Polizei 30 Personen ohne Masken bei einer Party auf dem Arnimplatz gemeldet - als die Beamten eintrafen, waren die Feiernden jedoch schon weg.

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