Renate Künast hat ein Buch geschrieben über Urban Gardening. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Politikerin veröffentlicht Gartenbuch Frau Künast und die Freude im Grünen

Die Grünen-Politikerin Renate Künast hat den Charme urbaner Gärten für sich entdeckt - und ein langes Buch darüber geschrieben.

Gärten als Sehenswürdigkeit? Klar, da denkt jeder sofort an berühmte Schlösser, an die Gärten von Versailles oder Sanssouci, an Bad Muskau oder Sissinghurst in Großbritannen. Aber nicht nur die prächtigen Schlossgärten, auch ein Blick in die städtische Nachbarschaft lohnt sich häufig, hat Grünen-Politikerin Renate Künast herausgefunden - und aus dieser Entdeckung ein Buch gemacht. Entstanden ist die Idee zu einem Reiseführer durch urbane Gärten ursprünglich bei einer Dinner-Party, bei der sie neben der Verlegerin des Callwey-Verlages saß, erzählt Künast. Ein halbes Jahr später ging es los: Zusammen mit der Gartenautorin Victoria Wegner machte sich die Grünen-Politikerin und frühere Landwirtschaftsministerin daran, ihren Traum in die Wirklichkeit umzusetzen.

Der hatte tiefe Wurzeln, die bis weit zurück reichen in ihre Kindheit. Sie liebte den Garten ihrer Großeltern in Recklinghausen, empfand es als Fest, wenn sie dort aus den bunten Blumen einen Strauß zusammen pflücken durfte. Damit nicht genug, sie spielte dort Verstecken zwischen den Bohnenstangen und konnte auf einem eigenen Quadratmeter die ersten eigenen Gladiolen und Kohlrabi ernten.

Als Mitte der 90er Jahre die Community-Garden-Projekte zwischen New York und Detroit wie Pilze aus dem Boden schossen und die Bewegung bald schon nach Deutschland überschwappte, war sie längst Politikerin. Künast beobachtete und beförderte die Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit.

Bekanntestes Beispiel in Berlin sind die Prinzessinnen-Gärten in Kreuzberg. In ihrem Buch stellt sie aber auch den Klunkerkranich in Neukölln vor, das Himmelbeet in Wedding und natürlich den Allmende-Garten auf dem Flugfeld in Tempelhof. Über die vielen positiven Aspekte der Stadtgärten, an denen die Bewohner mitpflanzen und später gesundes Gemüse ernten können, kann sie lange erzählen.

Oder aber von den "wunderbar inspirierten Orten der Biodiversität", der Begegnung und der Integration von Migranten und Flüchtlingen, bei denen das Gärtnern zunächst oft nicht mal so angesehen ist, vom gegenseitigen Kennenlernen und davon, wie nicht nur Kinder lernen, wie Obst und Gemüse wächst.

Was vor vielen Jahren mit dem sogenannten "Guerilla-Gardening" begann, mündete unter anderem in der Bewegung "Essbare Städte", die sich um Anbau von Gemüse auf städtischen Grundflächen kümmert, aber auch um die Verbindung von regionaler Landwirtschaft zur Gemeinschaftsverpflegung in der Stadt. "Selbst angebautes Gemüse schmeckt einfach besser", ist sie sich sicher.

Gärten für den Kaffeetisch

Durch ihren Mann, der aus Schleswig-Holstein stammt, hat die Politikerin eigene Erfahrungen mit dem Gärtnern sammeln können - im Garten eines kleinen Refugiums, das sie dort besitzen. Sie baut Kartoffeln an, Feldsalat und verschiedene Gemüsesorten wie zum Beispiel Möhren oder Gurken. Blumenkohl liebt sie und kennt Rezepte, wie man ihn zubereitet im Backofen, ohne dass das ganze Haus danach riecht. "Im letzten Jahr hatte ich viel zu viel Mangold", erzählt sie. Einen Teil friert sie ein, nutzt ihn etwa für den Käse-Mangold-Auflauf, dessen Rezept auch im Buch zu finden ist. Den Rest verschenkt sie an die Nachbarn.

Auch ein schöner Kräuterstrauß dient schon mal als kreativer Ersatz für die konventionellen Blumen als Mitbringsel. Das Buch ist ganz schön groß und schwer geworden, eher ein klassisches Coffeetable-Book. Kein Teil für den Koffer. "Egal", sagt sie. Wenn man nach Bremen oder Andernach fahre, um sich die urbanen Gärten dort anzusehen, von denen sie selber in den höchsten Tönen schwärmt, dann könne man die entsprechenden Seiten doch einfach abfotografieren und im Handy mitnehmen.

Vollständigkeit war sowieso nicht angepeilt bei diesem Projekt. Viel zu schnell wachsen neue Projekte empor. Oder sind alte gefährdet. Um das Himmelbeet macht sich Renate Künast gerade Sorgen, weil die Oliver-Kahn-Stiftung auf dem Gelände Sportplätze für die benachbarte Schule bauen will. Sie kann sich vorstellen, dass noch viel mehr angebaut wird in Berlin, am Rande des Tiergartens ebenso wie bei einer möglichen Überbauung der A 100, ein Projekt, das ihre Parteifreundin Antje Kapek auf die Agenda gesetzt hat.

Mag es grüne: Renate Künast. Foto: Kai-Uwe Heinrich Vergrößern
Mag es grüne: Renate Künast. © Kai-Uwe Heinrich

Wo immer Künast hinreist, schaut sie sich neue Gartenprojekte an, zuletzt hängende Gärten in Singapur. Aber auch die "High Line Park" in New York sieht sie als Vorbild, auch wenn es eher ein grüner Ruheort ist, an dem keine Nutzpflanzen angebaut werden.

Die Gärten im öffentlichen Raum von Paris haben ihr Eindruck gemacht. Beispiele zeigt sie im Buch. Ebenfalls aus ihrer Jugend stammt ihr Liebe zum heute weitgehend unbekannten Stielmus. Wenn sie über den Markt geht und mal Samen dafür entdeckt, schlägt sie sofort zu. Die grünen Stängel aus den jungen Blättern der Speiserüben kann man schließlich in jeder Länge ernten und natürlich auch einfrieren.

Auf der Terrasse ihrer Charlottenburger Wohnung züchtet sie neben Tomaten vor allem Kräuter. Das ist ihr Tipp für alle Balkonbesitzer. Wer sagt, dass man unbedingt Geranien anpflanzen muss? Gartenkräuter duften schön, treiben zum Teil hübsche kleine Blüten, und man hat immer eine Leckerei, um aus einem normalen Alltagsessen eine Köstlichkeit zu machen. Außerdem sei es preiswert. Wer im Supermarkt Kräuter bundweise kauft, verbraucht sie oft nicht ganz. Auf dem Balkon ist das kein Problem, weil man nur so viel abschneidet, wie gerade gebraucht wird. Und oft kommen die Kräuter nach dem Winter immer wieder. "Mein Bohnenkraut habe ich schon viele Jahre", sagt sie stolz.

Auf Tuchfühlung mit den Bienen

Ebenso Thymian, Rosmarin, Schnittlauch und Kerbel. Petersilie und Koriander halten sich nicht so gut, eine rechte Erklärung hat sie dafür nicht. Gnocchi in Salbei-Butter lassen sich mit den blühenden Vorräten ebenso leicht zaubern wie Dips oder frischer Kräuterquark. Ihr ideales Sonntagsfrühstück bestehe aus Eiern im Glas mit Butter und frisch geschnittenem Schnittlauch. Dazu könnte sie auch eigenen Honig essen, denn ihr Mann betätigt sich auf der gemeinsamen Terrasse als Hobby-Imker.

Angst vor den Bienen in der Nähe ihres Frühstückstisches hat sie nicht. "Wenn man nicht massiv in deren Lebensraum eingreift, tun die überhaupt nichts, die interessieren sich ja nur für die Blüten." Nicht zu verwechseln freilich mit den Wespen, die keineswegs nur am Pflaumenkuchen naschen, sondern gern auch mal am Schinkenbrot.

Im Grunde wünscht sie sich, dass Berlin zum Vorbild wird fürs Urban Gardening, so grün wie die Stadt nun mal ist. Sie kennt viele Beispiele die ihr Eindruck machen, auch einen schönen Blumengarten an der Kirche St. Matthias am Rande des Winterfeldtmarktes. Mittlerweile biete die Stadt mehr Artenvielfalt als das Land. Das beobachtet sie auch bei Spaziergängen über die grünen Inseln rings um den Reichstag, wo sich Fuchs und Nachtigallen gerade einen schönen Frühling wünschen.

Renate Künast mit Victoria Wegner: Rein ins Grüne - Raus in die Stadt. Eine Reise durch urbane Gärten. Callwey Verlag. München 2019. 176 Seiten. 29,95 Euro

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