In guten Händen. Schwimmlehrerin Dagmar Sauerlandt mit einer ihrer Schülerinnen Foto: Mike Wolff
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Nichtschwimmer in Berlin Erwachsene lernen schwimmen – live im Fernsehen

Johanna Lehn
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Acht Erwachsene haben in einem Crashkurs Schwimmen gelernt. Jetzt machen sie ihr Abzeichen in Neukölln – unter den Augen von Fernsehzuschauern.

Noch einmal tauchen sie ab, um ihren Kampf zu gewinnen. Den Kampf gegen die Angst und das Nichtkönnen. Ihr Preis: das Seepferdchen-Abzeichen. Auf die Initiative des RBB ermöglichen die Berliner Bäder-Betriebe acht Erwachsenen, innerhalb von vier Wochen schwimmen zu lernen. Nun steht die Prüfung an.

Ein Freitagabend Ende Juni, zwei Walrösser speien Wasserfontänen in das Becken des Stadtbads Neukölln. Die dritte Übungsstunde steht an. Sie beginnt mit Trockenübungen: Auf bunten Schwimmbrettern sitzend, machen die Nichtschwimmer die Beinbewegungen des Brustschwimmens.

Dazu gehört auch die Atmung: „Anziehen, öffnen, pusten“, sagt Schwimmlehrerin Dagmar Sauerlandt. Dann geht es ins Wasser. Umherlaufen, den Kopf unter Wasser und wieder auftauchen. Einige machen das beherzt, andere strecken zaghaft das Gesicht ins Wasser.

Mit Schwimmbrettern rücklings auf dem Wasser treiben? Sascha Kurz bereitet das Unbehagen, er traut dem Auftrieb des Wassers noch nicht. Der 24-Jährige ist als kleiner Junge in einen Brunnen gefallen, Tauchen und die Tiefe machen ihm Angst. Doch er hat den Ehrgeiz, sie zu bezwingen: „Ich will mit meiner zweijährigen Tochter schwimmen und ihr nicht vorleben, dass man Angst vor dem Wasser haben muss.“ Mit seiner Furcht ist er nicht allein: Ursula Horch hat nie schwimmen gelernt. Dass sie oft ins Wasser geschubst wurde, um dieses Defizit auszugleichen, hat das Gegenteil bewirkt. Doch die 65-Jährige möchte mit ihrem Mann schwimmen können, wenn sie verreisen.

Sauerlandt spornt die Teilnehmer an, korrigiert fehlerhafte Bewegungen, nimmt sich Zeit für die unterschiedlichen Schwierigkeiten der Nichtschwimmer. Aya und Haya Al-Abassee sind vor zwei Jahren aus dem Irak nach Deutschland gekommen. „Frauen dürfen dort nicht schwimmen“, sagen die 16- und 17 jährigen Schwestern.

Viele Grundschüler können nicht schwimmen

Ihre Eltern wollen aber, dass sie sich auch im Wasser sicher bewegen. Und sie sind keine Einzelfälle: Laut einer Studie der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft DLRG von 2017 können 60 Prozent der Grundschüler in Deutschland nach eigenen Angaben nicht oder nur schlecht schwimmen. Bei den Erwachsenen sind es 52 Prozent. 404 Menschen sind im vergangenen Jahr ertrunken, die Mehrheit davon im Sommer in Flüssen und Seen. In Berlin waren es fünf Menschen, in Brandenburg 22.

Oft konnten sie nicht gut genug schwimmen. Dafür gebe es verschiedene Gründe, sagt Sauerlandt. In manchen Ländern sei Wasser schlicht zu kostbar, um darin zu baden. Andere seien während des Schwimmunterrichts krank gewesen. Später schämten sie sich für ihr Versäumnis. Und wieder andere hatten gar keinen Schwimmunterricht.

Sauerlandt sorgt seit 30 Jahren dafür, dass Menschen trotzdem lernen, sich im Wasser sicher fortzubewegen. Bei Kindern gehe sie spielerisch an die Sache heran. „Erwachsenen wird Schwimmen über den Verstand beigebracht.“ Bei Kurz und Horch habe das Wirkung gezeigt: Inzwischen hätten sie verstanden, dass sie im Wasser auftreiben. „Die Bewegungen, die sie im Unterbewusstsein beherrschen, kommen dann wieder.“ Er gehe jedes Mal mit einem Erfolgserlebnis nach Hause, sagt Kurz nach der dritten Stunde.

Der Sprung ins Wasser

Gut zwei Wochen später dann, kurz vor der Prüfung, sieht das anders aus: Vergangene Woche war Kurz krank, Schwimmen fiel aus. „Das ist ein Rückschlag“, sagt er. Vorher habe er sich mehr getraut. „Aber es ist eine großartige Erfahrung, dass ich tauchen kann, ins Wasser springe und ich die Augen unter Wasser aufmache“, sagt er.

„Der Erfolg des Kurses misst sich nicht am Abzeichen, sondern am Fortschritt, den jeder gemacht hat“, sagt Sauerlandt. Der größte Erfolg der beiden Schwestern sei der Sprung ins Wasser. „Das macht auch Spaß“, sagen sie. Dass sie während der fünf Wochen von der Kamera für den RBB begleitet werden, sei Haya manchmal etwas peinlich. Aber es motiviere sie auch, gibt sie zu.

An diesem Donnerstag ist es so weit: Für die Prüfung müssen sie vom Rand ins tiefe Wasser springen, 25 Meter schwimmen und in schultertiefem Wasser nach einem Ring tauchen. Sauerlandt ist zuversichtlich, dass die Schwestern die Prüfung schaffen. Kurz’ Angst sei noch nicht ganz verschwunden, sein Bestehen unsicher. Aber er bleibt motiviert: „Wenn die Prüfung nicht klappt, mache ich trotzdem weiter.“ Und Horch? Sie hat die Prüfung schon abgelegt und ist im Badeurlaub.

Die Schwimmprüfung live im Fernsehen um 18.30 Uhr im RBB

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