Das Neuköllner Künstlerkollektiv will die Welt und die Privatsphäre verbinden. Foto: Thomas Wochnik
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Neuköllner Künstlerkollektiv „Reflektor“ bringt Corona-verträgliche Aktionskunst in den Schillerkiez

Das Künstlerkollektiv „Reflektor“ bringt Corona-verträgliche Aktionskunst in den Neuköllner Schillerkiez.

Wenn man seine Wohnung im Lockdown nicht verlassen kann, aber raus will, muss die Wohnung eben mitkommen. Das Neuköllner Kollektiv „Reflektor“ hat einen ganz eigenen Begriff von modularer Architektur entwickelt: Vier Wände samt Einrichtungsgegenständen wie Bett, Sessel, Stehlampe haben sich verselbständigt und werden auf Rollen und Rädern als fragmentiertes Zimmer durch den öffentlichen Raum geschoben.

Statt sich zu einem Bauwerk zusammenzusetzen, finden sie Fugen und Nischen in ihrer Umgebung, die sie vorübergehend besetzen, stehen mal im Weg oder markieren Übergänge zwischen sozialen Räumen. Wer vor dem Fenster sitzen und hinaus in den Regen schauen will, braucht kein geschlossenes Haus, ein Fenster genügt. Und den Regen. Mit dem ist an beiden Aufführungstagen zu rechnen.

Öffentlicher Raum wird so zum Wohnraum erklärt, der Begriff vom Kiez ins Bewusstsein gerufen: Hier leben Menschen in einem sozialen Gefüge zusammen, das ebenso lose ist wie dieses Zimmer, und trotzdem ein zusammenhängendes Ganzes bildet. Im intakten Kiez sind Innen und Außen, privat und öffentlich, fließende Begriffe.

Das Kollektiv Reflektor sitzt in der Neuköllner Weisestraße 27 – wenige Häuser weiter wird gerade die Kneipe Syndikat vom Investor Pears Global aus der Nachbarschaft vertrieben. Einige Nachbarn haben oder hatten ebenfalls in letzter Zeit mit Verdrängung zu kämpfen. Durch Flugblätter, Banner, Graffiti, Kieztreffs und Kundgebungen hat man das Gentrifizierungsthema hier stets vor Augen.

Stilisierte 1,50-Meter-Zollstöcke

Gleichzeitig ist die Aktion auch Reaktion auf die Pandemie, erklären Dana und Sandra (ihre Nachnamen wollen die Kollektivler nicht öffentlich nennen). Während das Groß aller Kunst, etwa das Festival 48 Stunden Neukölln, sich unter Corona aufs Netz verlagert hat, ging es Reflektor um ein Format, das verantwortlich mit der Situation umgeht und seine Anliegen zugleich in den öffentlichen Raum trägt. In Bewegung zu sein, ist eine Strategie, Menschentrauben zu vermeiden. Abstandshalter mit stilisierten 1,50-Meter-Zollstöcken eine andere.

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Das Zuhause sei Rückzugsort und Zelle geworden, erklärt „Reflektor“. Gleichzeitig hat der Lockdown dazu geführt, dass Menschen, um nicht zu vereinsamen, alle zulässigen Kanäle öffnen, um die Welt in die Privatsphäre hineinzulassen. Der fragmentierte Raum, dessen Bestandteile durch den Kiez ziehen, spielt mit diesen Effekten.

Umzug macht an bis zu sechs Stationen halt

An bis zu sechs Stationen zwischen Herrfurthplatz und Tempelhofer Feld macht der Umzug zwischenzeitlich halt, an denen performative Einlagen wie Lesung, Intervention, Theater der Dinge stattfinden. Meist bewusst niederschwellig, wie Matthias vom Kollektiv sagt.

Der Austausch mit der Nachbarschaft ist für eine ausdrücklich lokale Initiative essenziell, die Aktionen so angelegt, dass sich das Gespräch mit Passanten automatisch ergibt. Schon weil die Kostümierten hier und da mit den sperrigen Objekten durch müssen oder selbst im Weg stehen. Aber vor allem, indem sie den Kiez betreffende Anliegen wie Gentrifizierung, Konsumbewusstsein oder das Zusammenleben aufgreifen.

Die Aktion findet am Freitag um 14 und 19 Uhr statt, am Samstag um 19 Uhr. Mehr unter reflektor-neukoelln.de

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