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Im Wilmersdorfer Volkspark wurde ein Kreuzberger Bügel doppelt aufgeschnitten, um ein Rad zu stehlen.  Foto: Jörn Hasselmann
© Jörn Hasselmann

Neue Masche von Fahrraddieben in Berlin Jetzt werden eben die Bügel geknackt

Seit Jahren predigt die Polizei, Fahrräder an festen Gegenständen anzuschließen. Doch nun knacken Diebe sogar den berühmten Kreuzberger Bügel – mit einem Trick.

Es ist die neueste Masche versierter Fahrraddiebe: Sie knacken nicht mehr das Schloss, sondern den Bügel, an dem das Rad angeschlossen ist. Nach einem Tagesspiegel-Artikel über die Situation der Fahrradständer in Berlin schickten mehrere Leser Fotos von aufgetrennten Kreuzberger Bügeln und Baumschutzbügeln.

Beide sind aus dem gleichen Material, Stahlrohr nämlich. Die Radbügel haben meist vier Zentimeter Durchmesser, die Baumbügel sechs Zentimeter. Für Kriminelle mit dem richtigen Werkzeug kein Problem – diese Nachricht wird die Besitzer von hochwertigen Rädern nicht erfreuen.

Laut Präsidium ist „das Vorgehen der Polizei bekannt“. Aus drei der fünf Direktionen seien Fälle bekannt, aus den Direktionen 4 (Süd) und 5 (City) noch nicht. Wie viele Taten mit diesem Trick – im Polizeisprech „Modus operandi“ – begangen wurden, erfasst die Polizei nicht in ihrer Statistik. „Valide und aussagekräftige Zahlen“ liegen deshalb nicht vor, sagte eine Sprecherin. 

Der Trick ist bei Installateuren abgeguckt, die mit speziellen Werkzeugen Wasserrohre durchschneiden. In Baumärkten gibt es diese Rohrabschneider in vielen Ausführungen zu kaufen.

Ein geeignetes Gerät gibt es schon ab 80 Euro und kann sehr schnell rund 80 Millimeter dicke Edelstahlrohre schneiden. Ein Klempner einer alteingesessenen Sanitärfirma schätzt den Zeitaufwand für einen Schnitt auf 30 Sekunden. Und der Trick ist nicht nur schnell, er ist auch lautlos.

[Lesen Sie bei Tagesspiegel Plus: So werden Fahrraddiebe in Berlin gejagt – Wie kann man sein Rad wirklich schützen?]

Jedes geklaute Rad kostete 730 Euro

Laut Polizei wurden 2019 in Berlin genau 28.711 Räder als gestohlen gemeldet, das war der niedrigste Wert seit mehreren Jahren. Geklärt wurden genau vier Prozent der Taten, die Polizei meldete exakt 940 ermittelte Tatverdächtige. Zahlen für das Corona-Jahr 2020 – in dem das Fahrradfahren boomte – liegen noch nicht vor.

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Kürzlich hatte die Polizei einen interaktiven Stadtplan ins Netz gestellt, wo überall Fahrräder entwendet werden. Brennpunkte sind meist große Abstellplätze, zum Beispiel an Bahnhöfen, vor Schulen, Sport- und Freizeitstätten sowie Einkaufszentren. Durchschnittlich hatte jedes gestohlene Rad 2019 einen Wert von 730 Euro. Die Höhe des Schadens steigt seit Jahren kontinuierlich, weil Räder immer teurer werden.

Wie berichtet, wird Fahrraddiebstahl bei der Polizei nur verwaltet, aber kaum verfolgt. Deshalb gibt die Polizei lieber Tipps zur Prävention: „Nutzen Sie immer starre und stabile Befestigungsmöglichkeiten wie Fahrradbügel oder Laternenmasten.“

Dass mittlerweile stabile Stahlbügel durchtrennt werden, wird bislang auf den Internetseiten der Polizei nicht angesprochen. Eine Sprecherin des Präsidiums sagte: „Der Rat, Räder an festen Gegenständen anzuschließen, sollte aus polizeilicher Sicht zwingend aufrechterhalten werden, da auch diese Art der Überwindung der Sicherung Aufwand, Lärm und somit eine Erhöhung des Entdeckungsrisikos bedeutet.“

Weisbrich: „Werden testen, die neuen Bügel mit Beton zu füllen oder anderweitig zu verstärken“

Doch „Lärm“ macht ein Rohrschneider eben nicht. In der Schöneberger Gotenstraße wurde ein Baumschutzbügel direkt vor einem Mietshaus auf dem Gehweg aufgeschnitten – bemerkt hat offenbar niemand etwas, sagte ein Bewohner. Generell gilt aus Sicht der Polizei: „Mit ausreichend Zeit und geeignetem Werkzeug kann jedes gut gesicherte Fahrrad entwendet werden.“ 

Direkt vor einem Haus in der Schöneberger Gotenstraße: Ein Baumschutzbügel. Foto: Jörn Hasselmann Vergrößern
Direkt vor einem Haus in der Schöneberger Gotenstraße: Ein Baumschutzbügel. © Jörn Hasselmann

Erste Wahl für das sichere Anschließen sind die Anlehnbügel, meist Kreuzberger Bügel genannt. Wieso eigentlich die Benennung nach einem Bezirk? „In den 1980er Jahren wurde der sogenannte Kreuzberger Bügel erfunden und im gleichnamigen Bezirk häufiger eingebaut“, heißt es in einer Broschüre der Berliner Verkehrsverwaltung.

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Vorreiter war der Bezirk wie mehrfach berichtet auch im Corona-Jahr mit Pop-Up-Radwegen, Fahrradstraßen und neuen Abstellanlagen. Der Chef des dafür zuständigen Straßenbauamtes ist Felix Weisbrich. Er ist aufgeschreckt von dem neuen Trick: „Das Problem ist seit neuestem bekannt“, berichtete er, belastbare Zahlen habe er noch nicht.

„Wir werden testen, die neuen Bügel mit Beton zu füllen oder anderweitig zu verstärken“, schrieb er dem Tagesspiegel. Und gab diesen Hinweis, der den meisten Radfahrern unbekannt sein wird: „Auf Baumscheiben dürfen nach Baumschutz-Verordnung keine Fahrzeuge abgestellt werden“ – also auch keine Räder. Weisbrich kündigte an, „so schnell wir können für weitere legale Abstellmöglichkeiten“ zu sorgen. 

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