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Peter Gossels (1930-2019) Foto: privat
© privat

Nachruf auf Peter Gossels (Geb. 1930) Mit acht Jahren raus aus Deutschland

Eine liebende Mutter setzt ihre kleinen Söhne in den Zug. Sie bleibt zurück, kann nur noch Briefe schicken. Die Geschichte einer dramatischen Rettung.

Eine Straße in Prenzlauer Berg, die Häuser um 1900 erbaut. Zwei Weltkriege, zwei Diktaturen, zwei Revolutionen, doch sie stehen alle noch. Sieben Stolpersteine im Gehwegpflaster deuten darauf hin, dass hier auch Juden lebten – und verschwanden. Ein Haus, die Nummer 35, hat zwei Klingelschilder. Ein profanes, das zur abgeklopften Fassade passt, mit Namen wie Koch, Schramm und Lütgemeyer. Gegenüber ein goldglänzendes mit Knöpfen, die sich nicht drücken lassen, und mit solchen Namen: Lewy, Belitzer, Jacobssohn. Darüber die Inschrift: „In Gedenken an die jüdischen Bewohner und Eigentümer dieses Hauses, 1941-1943 ermordet in Auschwitz, Theresienstadt, Kulmhof, Lodz, Minsk, Piaski, Raasiku, Riga, Sachsenhausen, Treblinka und Warschau und in Tod und Emigration getrieben“.

Alle, deren Namen an der Messingtafel stehen, haben hier gewohnt. Insgesamt waren es in diesem Haus mehr als 80 Juden. 65 von ihnen haben die Nazizeit nicht überlebt.

Ein Überlebender war Peter Gossels. Im Oktober ist er gestorben, 6000 Kilometer entfernt, in Boston, Massachusetts, USA.

Im Mai stand er noch mal vor diesem Haus. Es war der Tag, an dem sie das goldene Klingelschild eingeweiht haben, und es war, Zufall oder nicht, Muttertag. Gezeichnet von seiner Krankheit, von der er wusste, dass sie seinem langen Leben ein Ende bereiten würde, hielt er eine Rede, die zu allererst ein Dank an seine Mutter war, deren Leben sehr viel kürzer war als seines. Er war 89. Sie war 39, als sie starb.

Im Anschluss an die Rede sprach Peter Gossels das Kaddisch, das jüdische Trauergebet. Die wenigen Anwesenden, die es kannten, allesamt von weither angereist, sprachen es mit. Die vielen anderen, deren Namen auf dem funktionierenden Klingelschild stehen, schwiegen. Die Kinder wunderten sich, was hier geschah, einige von ihnen so alt wie Peter es war, als er hier wohnte. Und als seine Mutter ihn und seinen Bruder in den Zug nach Frankreich setzte. Er war acht, sein Bruder fünf.

Einweihung der Gedenktafel am Haus Käthe-Niederkirchner-Str. 35. In der Mitte Werner und Peter Gossels mit ihren Frauen. Foto: Harf Zimmermann Vergrößern
Einweihung der Gedenktafel am Haus Käthe-Niederkirchner-Str. 35. In der Mitte Werner und Peter Gossels mit ihren Frauen. © Harf Zimmermann

Wir fangen etwas früher an, mit Peters Opa. Der hieß Isidor Lewy und besaß eine Kinderkonfektionsfirma. Im Jahr 1904 kaufte er als Geldanlage für den Ruhestand das gerade neu gebaute Haus in Prenzlauer Berg, Lippehner Straße 35, heute Käthe-Niederkirchner-Straße. Zwölf Jahre später zog er mit seiner Frau Lina und seinen beiden Töchtern Hilde und Charlotte ein, Vorderhaus, zweiter Stock rechts.

Charlotte heiratete Max Gossels, einen Juristen, der Karriere bei der Stadtverwaltung machte und zog mit ihm nach Moabit. Sie bekamen zwei Söhne, Peter 1930 und Werner 1933. Als die Nazis an die Macht kamen, verlor Max Gossels seine Anstellung beim Magistrat. Auch er war jüdischer Abstammung. Als Anwalt durfte er noch Juden vertreten. Das Geld wurde knapp, der Alltag schwieriger, die Ehe kriselte. 1936 ließen sich die Gossels scheiden. Charlotte zog mit Peter und Werner zurück ins Haus in der Lippehner Straße. Ihr Vater, Isidor Lewy, war gerade gestorben, bestattet auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee. Sein Grab, Feld N7, Reihe 28, ist neben dem goldenen Klingelschild am Haus die einzige öffentliche Spur der Lewys und der Gossels in Berlin. Peter ließ später den Grabstein erneuern und setzte die Namen seiner Mutter, seiner Oma und seiner Tante mit darauf. Die drei haben keine Gräber.

Peter ist sechs, als er in die Lippehner Straße einzieht. Bald kommt er zur Schule, und da es keine öffentliche sein darf, schickt ihn die Mutter in eine private jüdische, im Vorderhaus der Synagoge in der Rykestraße. Dass Juden nicht willkommen sind im neuen Deutschland, wird immer deutlicher, aber bis Ende 1938 läuft das Leben der Lewys und der Gossels in einigermaßen normalen Bahnen. Drei Frauen im Haushalt, Oma, Tante, Mutter, dazu Peter und Werner, sogar ein Hausmädchen können sie sich noch leisten. Mit der Pogromnacht im November 1938 ist klar, dass die Dinge schlimmer werden. Verwandte der Gossels verlassen das Land. Hitlerjungen laufen trommelschlagend durch die Straßen. Einmal, auf dem Heimweg aus Friedrichshain, geraten Peter und Werner zwischen solche, sie werden bedroht. Die Mutter holt ihre Jungs da raus.

Werner und Peter Gossels (etwa 1935) Foto: privat Vergrößern
Werner und Peter Gossels (etwa 1935) © privat

Sie liest in einer jüdischen Zeitung, dass man Kinder nach Frankreich schicken kann, da seien sie in Sicherheit. Da die Visa teuer sind, beginnt sie zu arbeiten. Im Wohnzimmer stellt sie einen Friseurstuhl auf und bietet Kosmetik und Massage an.

Die Großmutter wird gezwungen, das Haus zu verkaufen. Peter ist dabei, als sie den Vertrag zu Hause unter Polizeiaufsicht unterschreibt. Für den Kaufpreis wird ein Sperrkonto eingerichtet, von dem monatlich nur ein kleiner Betrag abgehoben werden darf. Alles wird sauber dokumentiert, alles streng nach Vorschrift, wir sind in Deutschland, da herrscht Ordnung.

In letzter Zeit sind viele Juden in das Haus gezogen, eingewiesen von der Stadtverwaltung. Es ist ein sogenanntes „Judenhaus“. Es finden sich Briefe des neuen Eigentümers ans „Hauptwirtschaftsamt“ aus dem Jahr 1943, in denen er um Ausgleich der ausbleibenden Mietzahlungen für die „freistehenden Wohnungen ehemaliger nichtarischer Mieter“ bittet, welche „evakuiert“ wurden. Von Deportationen in Vernichtungslager sprach man nicht.

Ein Schloss bei Paris

Im Frühjahr 1939 erhält Peters Vater den Hinweis, er habe drei Tage Zeit, das Land zu verlassen, anderenfalls würde er verhaftet. Am 2. April reist er nach Antwerpen. Am 24. April überträgt Charlotte Gossels das Sorgerecht über ihre beiden Söhne an das Pariser „Comité Israelite pour les Enfants Venant d’Allemagne et de l’Europe Centrale“. Am 3. Juli 1939 setzt sie sie in den Zug nach Frankreich. Sie gibt ihnen ein kleines Erbauungsbuch mit, eine „Haggada“. Darin wird der Auszug des jüdischen Volkes aus dem ägyptischen Exil in die Freiheit beschrieben.

Am Pariser „Gare du Nord“ werden die insgesamt 39 Kinder mit einem Bus abgeholt. Vorneweg fährt Hubert de Monbrison, ein französischer Graf, der nach der russischen Revolution sein Schloss einer Schule für Flüchtlingskinder aus Russland zur Verfügung stellte. Damals war er mit einer Russin verheiratet, inzwischen mit einer Jüdin, die in Kontakt steht zum „Comité Israelite“. So sind es nun jüdische Kinder, die bei ihm unterkommen.

Im „Château de Quincy“ lernen sie Französisch, es geht ihnen gut. Das schreibt Peter seiner Mutter, und die Mutter schreibt sofort zurück: „Meine zwei geliebten Strolchels! Ich freue mich, daß Ihr soviel Schönes gesehen habt und hoffe, Ihr fühlt Euch dort schon ganz wie zu Hause … Hier ist es jetzt sehr ruhig, weil Ihr fort seid.“ Und: „Ihr wißt, Mutti kann jetzt nicht bei Euch sein, und da mußt Du, Liebling Peter, für Deinen kleinen Werni sorgen und ihm immer helfen!!“

Solche Ermahnungen an ihren großen Sohn, der doch noch so klein ist, finden sich in den meisten ihrer Briefe. Am 8. Dezember 1939 schreibt sie: „Mutti kann jetzt nicht bei Dir sein, und Dir helfen, wenn Du etwas schlecht gemacht hast. Du mußt jetzt allein an alles denken, und weil Du noch zu klein bist, um alles richtig zu machen, mußt Du auf’s Wort gehorchen, wenn Deine Erzieher Dir etwas sagen!“

Eine verzweifelte Mutter, die ihre Kinder weggegeben hat, um sie zu retten, die weiß, dass Gebete nicht genügen. Und die allen Grund zur Sorge hat. Am 1. September 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg. Nachrichten und Briefe können nur noch übers Rote Kreuz oder über Verwandte geschickt werden. Es wird immer unwahrscheinlicher, dass die Mutter ihren Kindern folgen kann.

Kinder im Chateau de Quincy. Peter: 1. Reihe, 2. von rechts Foto: privat Vergrößern
Kinder im Chateau de Quincy. Peter: 1. Reihe, 2. von rechts © privat

Am 10. Mai 1940 marschiert die Deutsche Wehrmacht gen Westen, einen Monat später erreicht sie Paris. Am 13. Juni versuchen die Erzieher, die 40 jüdischen Kinder aus Quincy in Sicherheit zu bringen. Sie kommen 45 Kilometer weit bis Fontainebleau, als deutsche Bomber über sie hinwegfliegen und Schüsse fallen. Sie sind mitten in der Front, sie wissen, dass sie nicht weit kommen werden. Und laufen zurück nach Quincy, die ganze Strecke an einem Tag. Die Kinder, die bereits ihre Eltern verloren haben, wissen jetzt auch, wie sich der Krieg anfühlt.

Das Schloss wird von der Wehrmacht konfisziert, Offiziere ziehen ein, die Kinder dürfen bleiben, vorerst. Die Deutschen wissen, dass das Juden sind – und sie sind freundlich. Sie schenken Süßigkeiten, sie helfen dabei, Briefe zu den Eltern nach Deutschland zu schicken. Doch mehr als ein Zwischenspiel ist das nicht. Im Oktober 1940 müssen die Kinder raus. Peter und Werner kommen in ein Pariser Waisenhaus und besuchen dort zum ersten Mal eine öffentliche Schule. Die Mutter in Berlin versucht in größter Sorge, ihre Kinder zu sich heimzuholen. Es gelingt ihr nicht. Wie soll sie ahnen, dass das ein Glück ist?

Das Wunder von Chabannes

Nach drei Monaten im besetzten Paris werden Peter und Werner nach Chabannes gebracht. Das ist ein kleiner, abgelegener Ort in jenem Teil Frankreichs, der noch nicht von den Deutschen besetzt ist. Hier, in einem bis dahin leer stehenden Herrschaftshaus, spielt sich eine jener großartigen Geschichten ab, die Lichtblicke sind in der dunklen Zeit des Weltkrieges und der Shoah. Das jüdische Kinderhilfswerk betreibt im „Château de Chabannes“ ein Heim für etwa 300 elternlose Kinder aus ganz Europa. Sie gehen in die Schule, sie feiern die jüdischen Feiertage, sie machen Musik. Und sie treiben sehr viel Sport – Vorbereitung auf die Strapazen, die womöglich vor ihnen liegen. Ab 1942 sollen sie kontingentweise deportiert werden, doch es gelingt den Betreuern mit abenteuerlichen Tricks, fast alle zu retten.

Peter und Werner Gossels verlassen Chabannes schon im September 1941. Die christliche Hilfsorganisation „American Friends Service Committee“ hat der US-Regierung 200 Visa für europäische Flüchtlingskinder abgetrotzt und kümmert sich um den Transport. Warum die beiden auf der Liste landeten, bleibt unklar. Mit dem Zug fahren sie nach Lissabon, von dort mit dem Schiff nach New York. Am 24. September kommen sie an.

Der letzte Brief

Eine Cousine ihrer Mutter lebt in New York. Von ihr erfährt die Mutter in Berlin von der Rettung ihrer beiden Kinder, die sie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr gesehen hat. Sie schreibt sofort zurück. „Nun müsst Ihr wieder umlernen, aber wenn man noch so jung ist wie Ihr es beide seid, geht das schnell und macht einem fast garnichts aus … Von uns ist nichts Besonderes zu erzählen. Tante Hilde und ich arbeiten fleissig und haben nicht viel Zeit für andere Dinge … Seid beide umarmt und geküsst in Liebe von Eurer Mutti.“

Das ist der letzte Brief von ihr, der durchkommt; seit Dezember 1941 stehen auch die USA im Krieg gegen Deutschland. Charlotte Gossels hat versucht, ein Visum nach Amerika zu bekommen; es war zu teuer. Sie leistet Zwangsarbeit bei den „Deuta Werken“ in Kreuzberg. Am 2. März 1943 wird sie mit dem „32. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert. Sie nimmt das Gepäck ihrer Schwester mit, die einen Tag zuvor von der Arbeit abgeholt wurde. Eine Häftlingsnummer bekommen beide nicht; man muss davon ausgehen, dass sie sofort in die Gaskammer geführt wurden.

Alle Briefe, die er von seiner Mutter erhalten hat, hebt Peter auf. Dass sie nach Auschwitz kam, erfährt er lange nicht. Da ist niemand mehr, der die Nachricht überbringen könnte. Erst im Jahr 1991, als viele Dokumente der Shoah veröffentlicht werden, findet er ihren Namen auf der Deportationsliste. Er reist mit seiner Familie nach Polen, Auschwitz, und spricht dort zum ersten Mal das Kaddisch für seine Mutter. Davor hat er das nie getan.

Ein mustergültiger Amerikaner

Wie es mit ihm weiterging, damals nach der Ankunft in Amerika? Eine Familie nahm ihn auf, sein kleiner Bruder kam in eine andere ganz in der Nähe. Sie sahen sich oft. Peter musste dann noch mal in ein Heim, weil sich in seiner Gastfamilie die Dinge änderten. Was andere als Enttäuschung und harten Einschnitt schildern würden, das beschrieb er später als gute Chance. Denn das Heim schickte ihn in eine hervorragende Schule und von dieser kam er nach Harvard, um Jura zu studieren. Ein Privileg und der Anfang seiner erfolgreichen Anwaltskarriere.

Peter Gossels war ein mustergültiger Amerikaner, stolz und dankbar, dort leben zu dürfen. Selbstverständlich diente er zwei Jahre in der US-Army. Selbstverständlich war er auch neben seinem Beruf äußerst aktiv. Er lehrte an der Abendschule, leitete 30 Jahre lang die Bürgerversammlungen seiner kleinen Stadt, Wayland bei Boston. Er heiratete und zog drei Kinder groß. Er leistete seine Dienste in der jüdischen Gemeinde. Gemeinsam mit seiner Frau übersetzte er vier Gebetbücher, „Siddurim“, in ein egalitäres Englisch. Da wird der Frau dieselbe Wichtigkeit beigemessen wie dem Mann. Als Anwalt arbeitete er bis an sein Lebensende - nicht des Geldes wegen, sondern weil er Leuten helfen wollte, so wie ihm einst geholfen worden war.

Zu seinem neunten Geburtstag hatte seine Mutter einen Brief an ihn allein geschrieben: „Sei immer sehr fleißig und paß gut auf, was die Großen Dir sagen und Dich lehren, damit Du ein tüchtiger, ordentlicher Mensch wirst, und damit auch all die Menschen, die soviel Mühe mit Deiner Erziehung haben, sich über Dich freuen können …“ Das war sein Programm, davon ist er nie abgewichen, schon gar nicht, als kein Großer ihm mehr sagte, was zu tun sei.

Sein letztes Lebensjahr verbrachte Peter Gossels mit der Arbeit an dem Buch, das die 29 Briefe seiner Mutter enthält und die Geschichte seiner Familie erzählt: „Letters from our Mother“. Dieses Buch sowie die Forschungen eines Bewohners des Hauses in der Käthe-Niederkirchner-Straße waren die wichtigsten Quellen für diesen Nachruf, der ebenso an Peter Gossels erinnern soll, wie an seine Mutter, Charlotte Gossels, geboren am 7. September 1903.

Charlotte Gossels (1903-1943) Foto: privat Vergrößern
Charlotte Gossels (1903-1943) © privat
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