Moabit Peter (1949-2019) bei einem Konzert im Magnet im Jahr 2006. Foto: David Heerde
© David Heerde

Nachruf auf Peter Andrew Neumann (Geb. 1949) Sein Platz war vor der Bühne

Moabit Peter war in den letzten 50 Jahren Berlins bekanntester und treuester Rockmusik-Fan. Er besuchte bis zu 250 Konzerte im Jahr.

Die Postkarte kam in einem Umschlag in die Redaktion. Sie zeigte eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von John Lennon vor der Freiheitsstatue. Abgeschickt worden war sie allerdings nicht in New York, sondern in Moabit. Dort wohnte sein ganzes Leben lang Peter Neumann, den alle nur Moabit Peter nannten. In einer etwas ungelenken Schrift bedankte er sich für die kurze Besprechung eines Rockkonzerts im Kulturteil des Tagesspiegels. „Es war ein sehr guter Bericht. Ebenso gut war auch das Konzert.“

Wer in den letzten 50 Jahren in Berlin etwas mit Rockmusik zu tun hatte, kannte Moabit Peter. Mehrmals in der Woche besuchte er Konzerte, manchmal mehrere an einem Abend, bis zu 250 in einem Jahr, so heißt es. Als Teenager war er mit einer Clique unterwegs, später ging er oft allein und lernte andere Fans kennen, darunter einige Journalisten. Weil Peter kein Telefon und keinen Computer hatte, schickte er Postkarten. Manchmal rief er auch von irgendwoher an. Ganz genau verfolgte er die Szene, hörte Radio, las Zeitungen und Magazine, auch aus England, obwohl es mit seinem Englisch nicht weit her war.

Begonnen hat seine Musikleidenschaft Anfang der Sechziger beim Radiohören. Die „Schlager der Woche“ auf Rias verpasste Peter nie, später kamen Sendungen von SFB, AFN und BBC dazu. Oft lauschte er heimlich in der Nacht, wenn er schon längst schlafen sollte. Als er 14 war, kam der erste Plattenspieler ins Haus, und er begann Platten zu kaufen, Singles wie LPs. Dem Vinyl blieb er sein Leben lang treu, CDs kaufte er nicht, und was sollte er mit Downloads oder Streams anfangen?

Er tauschte eine Platte der Beatles gegen eine der Stones

Eine seiner ersten Platten war „Please Please Me“ von den Beatles. Aber viel mehr noch faszinierte ihn diese andere Band aus England, die er im Radio hörte: The Rolling Stones. Also trug er das Beatles-Debüt zurück in den Laden und tauschte es gegen eine Stones-Platte ein. Mick Jagger und Co. waren fortan die Hausgötter von Peter, der sein ganzes Kinderzimmer mit Postern von ihnen dekorierte. Natürlich war er auch dabei als sie 1965 ihr Konzert in der Waldbühne gaben. Peter erinnerte sich später noch ganz genau daran, sein Konzertgedächtnis war phänomenal. Es sei viel zu voll gewesen, die Stimmung aufgeheizt, manche kamen gar nicht wegen der Musik, sondern um Krawall zu machen. Polizei und Stacheldraht konnten nicht verhindern, dass Fans die Bühne stürmten. Sie umarmten die Musiker, die schließlich doch noch ein paar Minuten spielten. Anschließend wurde die Waldbühne verwüstet, es gab Dutzende Verletzte, Moabit Peter entkam dem Getümmel unbeschadet. Ihm war bloß ein Grasbüschel in die Fanta geflogen.

Iggy Pop ist er zwei Mal zufällig begegnet

Den Beatles hat er dann doch noch mal eine Chance gegeben, 16 war er da und ein zwei Jahre älterer Freund nahm ihn mit nach Hamburg. Die Band spielte 25 Minuten, der Sound war schlecht, aber das Publikum, besonders die Frauen, rastete komplett aus. Wen er sonst noch sah? Alle eigentlich, Bill Haley, Little Richard, Jimi Hendrix, früh schon die Kinks, die Talking Heads, Paul Weller. Iggy Pop hat er mindestens 20 Mal erlebt; zweimal hat er ihn zufällig in Berlin getroffen, einmal Ende der Siebziger in einer Bar, das andere Mal nach einem Konzert auf dem Ku’damm, da hat er sich gleich ein Autogramm besorgt.

Moabit Peter war ein vorbildlicher Fan: Er kaufte Poster, Band-Shirts und sammelte Eintrittskarten, obwohl er meistens auf der Gästeliste stand. Viele Konzertveranstalter ließen ihn umsonst rein; schließlich war es ein Qualitätsbeweis, wenn dieser Kerl auftauchte. Dass jüngere Fans den gealterten Peter manchmal komisch anschauten, machte ihm nichts aus. Es gab genug andere, die gerne mit ihm über die Bands quatschten.

Die Mutter liebte er sehr, der Vater war ein Tabuthema

Selbst hat er nie Musik gemacht, als DJ hat er sich nur mal kurz betätigt. Seine Platten waren ihm zu schade für den Job. Vor der Bühne, vor den Lautsprechern fühlte er sich am wohlsten. Beruflichen Ehrgeiz hat er nie entwickelt. Auf dem Bau bekam er immer wieder Probleme wegen seiner langen Haare, ähnlich war es später als Maler. Besser wurde es, als er in Kneipen arbeitete. Dort konnte er auch seine Musik auflegen. Nervig war nur die Zeit, als die Leute Neue Deutsche Welle hören wollten, Nena, Ideal und solchen Quatsch.

Die nuller Jahre mit dem Gitarrenband-Revival waren noch mal richtig klasse für Moabit Peter. Ob White Stripes, Libertines oder Strokes, er war zur Stelle, verlor dabei aber die alten Helden nie aus den Augen. Treu war er auch seiner Mutter, um die er sich bis zu ihrem Tod mit 94 Jahren kümmerte. Sein Vater, ein Amerikaner, von dem er den zweiten Vornamen bekommen hatte, war hingegen ein Tabuthema.

Vor zwei Jahren wurde es stiller um Peter. Die Anrufe und Postkarten blieben aus. Auch in den Clubs und Konzerthallen begann man ihn zu vermissen. Ein befreundeter Radiojournalist war alarmiert, als er im September 2018 nicht beim Konzert der Pretty Things im Quasimodo war. Die Band gehörte zu seinen absoluten Favoriten. Wenn er hier nicht auftauchte, musste es schlecht um ihn stehen. Man fand irgendwann heraus, dass er diverse gesundheitliche Probleme hatte, im Krankenhaus gewesen war und in ein Pflegeheim kommen sollte. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Moabit Peter hat sich vorher in den Rock-’n’-Roll-Himmel verabschiedet.

Zur Startseite