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Matthias Vernaldi (1959-2020) Foto: Stefan Weise
© Stefan Weise

Nachruf auf Matthias Vernaldi (Geb. 1959) „Ich fläze, ich hänge“

Karsten Krampitz

Der Geist ist stärker als der Körper! Nachruf auf einen, der sein Verfallsdatum um mehr als das Doppelte überschritt.

Matthias Vernaldi liebte das Leben und den lieben Gott, was für ihn irgendwie dasselbe war. Sein letztes Posting auf Facebook war ein Gebet für Marilyn Monroe:
Der Film ging zu Ende ohne den Kuss im Finale.
Man fand sie tot in ihrem Bett, ihre Hand am Telefon...
Herr,
wer immer es auch war, den sie anrufen wollte
und den sie nicht erreichte
antworte du ihrem Anruf!
Die Verse stammen von Ernesto Cardenal, dem Priester aus Nicaragua, der auch in diesem März verstarb. Wie er predigte und lebte Matthias Vernaldi eine Theologie der Befreiung. Die Menschen sollten sich frei machen von Doppelmoral, Verzagtheit und fremder Leute Fesseln.

Freiheit fing für ihn schon mit der Sprache an: Er sei ganz und gar nicht an den Rollstuhl gefesselt. Durch das Gerät werde er erst mobil. Auch saß er nicht „seit der Geburt“ im Rollstuhl. Als Baby habe er gelegen, und zwar im Bettchen wie andere auch. Überhaupt könne von „Sitzen“ keine Rede sein, denn dazu gehöre ein „Minimum an Rücken-, Bauch- und Arschmuskulatur“, welche bei ihm nicht vorhanden sei. Er schrieb: „Ich fläze, ich hänge, ich liege – hingeschüttet. Aufgefangen, sozusagen am Wegfließen gehindert, von Rücken- und Seitenlehne. Meiner Mimik ist anzusehen, wie schwer es mir fällt, meinen Kopf auf dem dünnen Hals zu balancieren. Die Arme sind dünn, die Füße geschwollen. Mein Rückgrat krümmt sich in S-Form.“ Das stammt aus einem Text über „Barrierefreiheit im Bordell“. Vernaldi war bekennender Freier, und er forderte zur Solidarität mit diskriminierten Sexarbeiterinnen auf.

Der See muss Wunder wirken!

Die Krankheit, „progressive Muskeldystrophie“, hatte er von Geburt an. Die Ärzte gingen davon aus, dass er nicht viel älter als 25 werden würde, ja dass er wahrscheinlich schon am Ende der Pubertät stürbe. So rechnete er, schon seit er 14 war, immer mit dem Tod und überschritt schließlich sein „Verfallsdatum“, wie er das nannte, um mehr als das Doppelte. Die Zeit nutzte er unter anderem dazu, einen zärtlichen Sarkasmus zu entwickeln. Als er einmal mit seinem Assistenten auf dem Weg zum Tegeler See war, kam den beiden ein Mann entgegen, der einen leeren Rollstuhl schob. Vernaldi: „Auf zum See, der muss Wunder wirken!“

„Mondkalb“, die von ihm gegründete und mitherausgegebene „Zeitschrift für das Organisierte Gebrechen“ war voll schwarzen Humors: „Pimp My Wheelchair!“ Vernaldi übte sich in Lebenshilfe, gab in der Rubrik „Opferecke“ Antwort auf Fragen wie: Haben Männer mit Holzbein die bessere Erektion (irgendwo muss ja das überschüssige Blut hin)? Wie beten Gehörlose bei bewölktem Himmel? Kann man mit Anus praeter Analverkehr haben? Oder: Gibt es auch unter Pygmäen Kleinwüchsige?

Matthias Vernaldi war der lebende Beweis dafür, dass der Geist stärker ist als der Körper. Jugendwahn und Sportkult widerten ihn an. Sogar die Paralympics lehnte er ab, mit ihrem „Schneller! Höher! Weiter!“ und dem Nachäffen der physisch Perfekten. „Paralympics“ klang für ihn nach Paramilitär, und überhaupt würden dort nur die Länder gewinnen, die die meisten Kriegsinvaliden haben; die seien durchtrainierter als die Geburtsbehinderten. Er beklagte, dass sich menschliche Identität immer mehr über den gesunden Körper definiere. „Früher war der Mensch mehr, da war der Mensch auch Seele.“ Seinen großen Wunsch, Pfarrer zu werden, hatte ihm die Thüringer Landeskirche in den 80er Jahren verwehrt. Lediglich ein Fernstudium zum Hilfsprediger ließ man ihn absolvieren. Er sagte immer: „Gott gibt es nicht. Gott ist der, der gibt.“

„Unsere Lage war so aussichtslos...“

Im Jahr 1978 beschlossen im Marienstift zu Arnstadt fünf Schwerstbehinderte ihren gemeinsamen Auszug. Eine Wohngemeinschaft wollten sie einrichten, indem sie ihre Renten und Pflegegelder zusammenlegten, um damit mindestens zwei Nichtbehinderte durchzufüttern, die sie als Helfer dringend brauchten. Was für eine weltfremde Idee, gerade in der piefigen DDR! „Aber unsere Lage war so aussichtslos“, sagte Vernaldi, „dass wir uns nicht leisten konnten, ihr nicht nachzugehen.“ Für Menschen wie ihn gab es damals nur zwei Perspektiven: Lebenslang im Elternhaus umsorgt werden oder ab ins Pflegeheim. Das konnte es nicht sein! Freiheit wird einem nicht geschenkt; Freiheit muss man sich nehmen.

Die Thüringer Landeskirche bot den fünfen einen leer stehenden Pfarrhof zur Miete an im Dörfchen Hartroda, wo es keine richtigen Straßen gab, keine Verkaufs- oder Poststelle, nicht einmal fließend Wasser. „Wir zogen mit ein paar Matratzen und Stühlen, einer Kochplatte und einem Tonbandgerät in die Ruine und waren glücklich.“ Zum Essen hatten sie oft nur Brot, Schmalz, Schwarztee und dazu Karo, die filterlosen Gauloises des Ostens. „Es gab selten Kaffee, Fleisch, Käse oder Schokolade – sehr selten. Doch wir legten auch keinen Wert darauf, so vollgefressen zu sein wie die anderen Bürger. Wir hatten zu Beginn keinen Fernsehapparat und kein Auto. Sogar unsere Bibliotheken und Plattensammlungen legten wir zusammen. Es gab nicht einmal ein fest definiertes Eigentum an Wäsche. Jedenfalls sah ich meine tollen farbigen Unterhosen immer wieder auf den Ärschen der anderen, während die ollen sackigen Dinger bei mir hängen blieben.“

Zur Übereinkunft, dass die Schwerstbehinderten Hilfe bekamen und dafür im Gegenzug den Helfern Asyl boten vor dem streng reglementierten Alltag im SED-Staat, gesellten sich weitere Ideen: Pazifismus, Bürgerrechte, Ökologie und Anarchie. Im Pfarrhaus wurden keine Kirchenlieder gespielt, stattdessen Led Zeppelin und Jimi Hendrix. Bei manchen Festen kamen mehr als 100 Gäste. Es gab Theateraufführungen, Lesungen und Ausstellungen.

Ein Requiem für den Fisch

Die Filmemacher Tom Franke und Marion Schlüter-Mittiri haben vor Jahren eine Dokumentation gedreht: „Schräg, fromm & frei. Die Kommunarden von Hartroda“. Ihr Film erzählt auch von der Beobachtung durch die Stasi. Matthias Vernaldis Stasi-Akte ist mehr als 1000 Seiten dick. Hauptzuträger war der inoffizielle Mitarbeiter „Dr. Walther“, Vernaldis Vertrauensarzt, der etwa schrieb: „In Hartroda wohnte ich dem Bade von Matthias bei. Er wurde ein wenig gewaschen und shampooniert. Ich sah dabei aber auch, wie hilflos Matthias ist, was für ein Fettkloß ohne Muskeln.“ Im Film sagt Vernaldi dazu: „Literarisch hat er das gut hingekriegt.“ Tatsächlich aber hat ihn der Vertrauensbruch bitter enttäuscht.

Anfang der 90er Jahre verschlechterte sich Vernaldis körperliche Verfassung. Er brauchte jetzt rund um die Uhr Betreuung. Deshalb zog er nach Berlin. Über den Verein „Ambulante Dienste e.V.“ konnte er sich die Leute, die ihm im Alltag helfen sollten, selbst aussuchen. Sie waren seine Angestellten, und er war nicht mehr darauf angewiesen, dass seine Vorhaben mit den Vorhaben der Helfer kompatibel waren. In seinen Erinnerungen schrieb er: „Der Kommunarde war nun zum Assistenzflüchtling geworden, der am Kapitalismus partizipiert.“ Gleichzeitig engagierte er sich in der Behindertenbewegung und sprach in vielen Gremien mit.

Er liebte gutes Essen und die Kantaten von Bach, am liebsten wenn Thomas Quasthoff mitsang. Und Mozart. Einmal war ein Fisch aus seinem Aquarium gesprungen. Sie fanden ihn tot auf dem Boden. Darauf Matthias zum Assistenten: „Dann legen wir jetzt das Requiem ein und trinken einen Schnaps.“

Er hatte immer Angst zu ersticken. Das ist nicht geschehen. Als ihn sein Assistent am Morgen leblos fand, war die Beatmungsmaschine noch in Betrieb, sodass er noch gut Luft bekam, als er schon lange keinen Puls mehr hatte. Karsten Krampitz

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