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Marina Wendt (1946-2020) Foto: privat
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Nachruf auf Marina Wendt (Geb. 1946) „Wenn ich gaga werde, macht mir den Garaus“

Das meinte sie ernst und auch wieder nicht, denn sie hing so an ihrem Leben. Der Nachruf auf eine, die ihre Sprache verlor.

„Wunderbar! Wunderbar! Wunderbar!“ Marinas Augen strahlen. Aber ihr Blick ist haltlos, irrt durch die Zeiten, die Räume, kann kaum noch festhalten.

Damals: Gemeinsame Abende am Feuer, Pfifferlinge, Himbeeren, Hechte, selbst gebackenes Brot, dick mit Marmelade, Waldspaziergänge, Kanufahrten, der See mit dem Echo-Felsen, die kleine Kapelle auf dem riesigen Grundstück mit dem Plumpsklo, in dem die Tochter der Freundin beinahe verschwunden wäre. In Schweden damals, die Nächte durchgefeiert, und der Streit, immer wieder der Streit, zwischen ihr und ihm. Er, der schöne Mann, und sie, die schöne Frau, und sie bekamen eine wunderschöne Tochter und haben es nicht miteinander ausgehalten.

Damals, wie nah ist damals, wenn du fern aller Zeit bist, immer in der Gegenwart, dement.

Mit ihrem türkischen Freund reiste sie nach Istanbul, wo seine Eltern sie wunderbar aufnahmen, obwohl sie so viel älter war als er. Aber oft wurden die Mütter ihrer Freunde ihre besten Freundinnen. Sie liebte die Türkei, die Wärme, die Herzlichkeit, sie kehrte dorthin zurück nach ihrer frühen Pensionierung, wohnte in einer großen Wohnung in Finike, so günstig und so hell. Die Sonne und das Meer, jeden Tag an den Strand, mit den Hunden, die sie umsorgte, sechs Hunde zuweilen, gemeinsam ins Meer, schwimmen, das, was sie immer wollte, das war ihr großes Glück, bis sie die Sprache verlor. Sie radebrechte ein wenig türkisch, aber sie vergaß so viele deutsche Worte, was ihr erst spät auffiel, denn viele deutsche Touristen gab es dort nicht. Sie war ja nicht auf andere angewiesen, sie war frei, vertrieb sich selbst ihre Zeit. Blumenbilder malte sie, schön opulent, in allen Farben, Bilder, die sie verschenkte, alles ging so dahin, Bilder, Erinnerungen, sie wurde immer fahriger.

Zurück nach Berlin

Das fiel ihr selbst auf, schmerzhaft, als sie in Berlin zu Besuch war und eine Freundin sich mit ihr verabreden wollte. Sie hatte gesagt: Marina, komm in die Kreuzbergstraße, in die Osteria. Marina fand die Adresse nicht, wusste nicht mehr, wo das ist. Die Freundin hat sie dann abgeholt, und als sie dort angekommen sind, ist sie zusammengebrochen. Sie hatte in der Straße fünf Jahre lang gewohnt.

Ein befreundeter Arzt untersuchte sie und riet ihr: Marina, komm in deine eigene Sprache zurück. Das hat sie dann gemacht. Ein Jahr später hat sie ihre Sachen gepackt und ist wieder zurück nach Berlin gezogen.

So viele Erinnerungen an die Zeit am Stuttgarter Platz, die schöne Wohnung, voll mit Bildern und Fotos, der riesige Spiegel, die große Garderobe, der petrolfarbene Muscheltoilettendeckel. Der große Balkon mit der Schlafcouch, in der Küche überall Hähne, sie sammelte Hahn-Figuren, wollte sie sich nicht nehmen lassen, als sie dann umziehen musste in die Wohngemeinschaft für Demente.

Sie liebte es wohnlich, sinnlich, immer schon. Sie war eine so attraktive Frau, dunkle feurige Augen, auffallender Lippenstift, mondänes Parfüm. Ihre Beine sehr lang, schmale Hüften, wie gemacht für schmal geschnittene Hosen. Berlin, sie war wieder da, wo sie hingehörte, mitten in der Stadt, im alten Kiez, wo sie alle kannte, wo sie ihre Tochter Anna um sich hatte, das Glück ihres Lebens, wo sie Großmutter wurde. „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, mit 66 Jahren da hat man Glück daran … Oder heißt es Spaß? Spaß daran?“

Sie hat sich zu einem Freund gesetzt, den sie seit 40 Jahren kannte, und fragte die Umstehenden: „Wer ist dieser Mann?“ Sie traf ihre beste Freundin, lachte und scherzte mit ihr und sagte nach einer Weile: „Weißt du was, ich weiß jetzt erst, wer du bist.“ Sie wurde zur Geisterfahrerin auf der Autobahn, als sie den Weg nicht mehr zurückfand und in Panik geriet. Sie verlor die Worte, die Erinnerungen, sie wurde wütend, wenn sie die Worte verlor, ließ sich nicht gern korrigieren. Sie war immer schon aufbrausend gewesen, temperamentvoll, hat sich nichts sagen lassen, schon gar nicht von den Männern. Wenn sie wütend wurde auf Theo, malträtierte sie seinen Sturkopf mit ihren Stöckelschuhen. Sie liebte Männer, aber sie mochte nicht von ihnen bevormundet werden, in der Liebe nicht und nicht im Denken, in Deutschland nicht und nicht in der Türkei. „Wenn du ein religiöser Mensch bist, ist das doch deine Geschichte und nicht meine.“ Sie akzeptierte den anderen, wollte im Gegenzug auch akzeptiert werden, so wie sie war, und nicht gestraft werden für ihre Meinung.

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Ihr Vater war ein rüder Mann gewesen. Orthopädieschuhmacher war er, in Verden an der Aller, jähzornig, hat die Mutter betrogen, die verkümmerte neben ihm, und sie wäre auch verkümmert daheim, also ging sie weit weg, zog nach Berlin. Als er starb, hat sie ein Fest gegeben: „Heute machen wir Fell versaufen!“ Sie konnte so himmelschreiend vulgär sein manchmal.

Die Wut auf ihn hat nie nachgelassen und die Wut auf ihre Mutter, die sich hatte kleinkriegen lassen, vermengt mit Kummer, dass es nie zur Versöhnung kam.

Sie wurde unpersönlicher irgendwann, die Wut, brach immer mal wieder aus ihr heraus, bei nichtigsten Anlässen. Oder wenn schlimme Erinnerungen hochkamen. Sie war schwanger geworden von einem Jugendfreund, hatte abtreiben müssen, ein Schmerz, der blieb, als sie vieles schon vergessen hatte. Ihre Ausbildung zur Friseurin, wie war das damals noch, ihre Heirat mit einem Mathematiker, dessen Namen sie auch nach der Scheidung behielt, weil sie den ihres Vaters nicht behalten wollte.

Sie hatte ein Pärchen als Kunden, die rieten ihr Maskenbildnerin zu werden für Film und Fernsehen, sie ging zum SFB, dem Sender Freies Berlin. Die tollste Zeit ihres Lebens, sie war ja wahnsinnig verliebt in Theo, und sie haben die Nächte durchgefeiert, durchgetanzt, waren überall gern gesehen. Terence Hill, Rudi Carrell, Rolf Eden, alle kannten Marina. Selbst der Hohenzollernprinz Louis Ferdinand machte ihr schöne Augen und scherzhafte Avancen: „Gnädige Frau, Sie wären die ideale Mätresse.“

Aber sie brauchte sein Geld nicht, sie hat gut verdient damals und gut ausgegeben, für alles, was ihr in den Sinn kam. Sie mochte Kleider und Blumen, und sie mochte es, Geschenke zu verteilen und Geschenke zu bekommen. Zwei Arme brauchte es, um die Sträuße zu umfassen, die Rudi Carrell ihr schenkte, jahrelang, aber als Mann hat sie ihn nicht gemocht, als Mensch ja. Als Mann mochte sie Costa Cordalis, mit ihm war das was anderes. Aber am liebsten war ihr Theo, auch wenn sie ihm nicht treu war, weil er ihr auch nicht treu war, was beide in den Wahnsinn trieb und dann wieder einander in die Arme, bis es endgültig auseinander ging. Und dennoch blieben sie Freunde bis zuletzt.

„Lasst euch nicht herumkommandieren"

Sie hat sich getröstet mit anderen Männern, gern mit Jüngeren, sie wollte sich nicht von älteren Männern herumkommandieren lassen, nie, niemals wieder. Wenn einer etwas in ihrem Leben zu sagen hatte, dann sie selbst. „Lass dir nichts sagen“, riet sie Jüngeren immer wieder. „Lasst euch nicht herumkommandieren. Jetzt seid ihr mal dran, ihr Prachtfrauen!“

Aber ihr selbst gingen die Worte aus, immer mehr Worte gingen ihr aus, und sie verlor den Mut. Als sie merkte, dass ihr Gedächtnis endgültig schwand, hat sie ihren Freunden wieder und wieder ihre Lebensgeschichte erzählt, die ihr dann doch abhanden kam, was sie wahnsinnig machte.

„Wenn ich gaga werde, macht mir den Garaus.“ Das meinte sie ernst und auch wieder nicht, denn sie hing so am Leben, an ihrem Leben. Sie sprach von sich in der dritten Person, sie und Marina lebten sich auseinander, bis sie nur noch selten ein Herz und eine Seele waren. Da gab es kaum noch gemeinsame Erinnerungen zu teilen. Sie wusste nicht mehr, wer Marina gewesen war. „Sie hat die gnädige Schwelle überschritten“, sagen dann die Pflegenden. Aber sie sollte in ihrem neuen Zuhause dennoch das Gefühl haben, daheim zu sein. Also hat ihre Tochter, während Marina mit einer Freundin spazieren ging, die Wohnung der Mutter ausgeräumt und im Zimmer der Wohngemeinschaft wieder annähernd so hergerichtet, ihre eigenen Möbel, an den Wänden Familienfotos neben selbst gemalten Bildern. So blieb ihr die Unruhe des Zurechtfindens erspart.

Die Zeit in der Wohngemeinschaft war eine lange Zeit, vier Jahre, aber wie lange ist die Zeit, wenn die Erinnerung nur noch selten Bilder bringt von damals. „Wunderbar, wunderbar, wunderbar.“ Vielleicht bleibt nur das, wenn die Erinnerungen allesamt gehen, das Gefühl, dass es schön gewesen ist. Und dass der Mensch, der dir da nah ist in den letzten Stunden, deine Tochter sein könnte, nein, deine Tochter ist, die du umarmst, die dich umarmt und die schließlich das Fenster öffnet und deine Seele fliegen lässt.

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