Manfred Plötz (1940-2018) Foto: privat
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Nachruf auf Manfred Plötz (Geb. 1940) Bulle im Kopf, im Herzen und von der Statur her

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Laut, polterig und kein Blatt vorm Mund, Manne stand gern im Mittelpunkt. In seinen Erzählungen trat er oft selbst als der strahlende Held auf.

Manne war Bulle. Bulle im Kopf, im Herzen und von der Statur her. 1,90 groß, 90 Kilogramm schwer. Wenn er und sein noch größerer Kollege vom Polizeiabschnitt 45 am Lichterfelder Augustaplatz zu einer Kneipenschlägerei gerufen wurden, mussten sie nur den Wirtsraum betreten, streng schauen, und alle saßen wieder auf ihren Barhockern. „War doch gar nichts gewesen, Herr Wachtmeister.“

Bulle? Damals, als Manne anfing, 1959, war das noch kein Schimpfwort. Sie nannten sich selber so.

Doch zurück in die Kneipe. Für diejenigen, die es dann trotzdem noch wissen wollten, musste schon mal der Krankenwagen gerufen werden. Wenn es sein musste, waren Manne und sein Kollege auch schlagfertig. Schnell hatten sie ihren Spitznamen weg: das Prügelteam. Nicht, weil sie alle gleich verprügelten, sondern weil es immer die beiden waren, die zu solchen Einsätzen vorgeschickt wurden.

Er nahm die Dinge in die Hand

Laut, polterig und kein Blatt vorm Mund, Manne stand gern im Mittelpunkt. In seinen Geschichten trat er oft selbst als der strahlende Held auf. Zum Beispiel hier: Manne und 25 Kollegen auf dem Ku’damm, 1967 oder 1968, die Zeit der Studentenrevolte. Da war Manne beim Einsatzkommando Steglitz, das ins Stadion fuhr, wenn die Fans ausrasteten, das die Bezirksgrenzen zur DDR bewachte und das zu den größeren Demonstrationen gerufen wurde.

Plötzlich kamen sie angerannt, 300 Typen mit Knüppeln und Fahnen, „vermummte Friedenssoldaten“, wie Manne sie nannte. Ihr Ziel: der Ku’damm. Im Weg: 26 Polizisten. Die ein gewaltiges Schlachtengeschrei anstimmten und Knüppel schwingend auf die Meute losstürmten. Angriff statt Flucht. Und die Vermummten? Die rannten davon und waren nicht mehr gesehen. Niemand verletzt, und die Passanten spendeten Beifall.

Noch mehr Geschichten? Einmal hat Manne einen Mord aufgeklärt. Ein Pokerspiel, Alkohol, eine junge Frau, es gab Streit um sie, Männer zückten die Messer, bis einer tot am Boden lag. Manne und seine Kollegen rückten an, Manne sicherte den Tatort, Manne durchsuchte den Raum, Manne fand eine Brieftasche mit Ausweis. Noch während die Kripo auf dem Weg war, fuhr er zu der Adresse auf dem Ausweis, trat die Tür ein und entdeckte auf dem Flurboden eine schlafende Schnapsleiche. Eine Leiche mit blutigen Händen, die, als er sie geweckt hatte, stammelte: „Der andere hat angefangen.“ Die Kripo und die Spusi packten gerade ihr Zeug aus, da kam Manne mit dem Täter in Handschellen. „Bei der Schupo geht das eben etwas schneller.“

Die Abenteuerlust brachte ihn zur Polizei

Andere Tote machten Manne mehr zu schaffen. Als Peter Fechter an der Mauer erschossen wurde, am 17. August 1962, hatte Manne Grenzdienst. Er hörte die Schüsse, sah den im Todesstreifen verblutenden jungen Mann und konnte nicht helfen. Er musste Wasserleichen aus dem Teltowkanal ziehen, aufgequollene Körper, die an der Unterwassersperre der Grenzanlagen nach oben gespült wurden. Manchmal, wenn die DDR-Grenzer noch schossen, obwohl der Flüchtende schon auf Westgebiet war, schoss Manne zurück.

Als im August 1961 die Grenzanlagen installiert wurden, ober- wie unterirdisch, stand Manne mit Maschinenpistole im U-Bahn-Tunnel hinterm Moritzplatz. Vor ihm eine weiße Farblinie auf den Gleisen, ihm gegenüber ein DDR-Polizist. Sechs Monate bewachten sie sich gegenseitig. Dann wurde ihnen langweilig, sie stellten die Gewehre in die Ecke und spielten Skat. Es ging um die Ehre, um Westzigaretten und Cola.

Wie Manne zur Polizei gekommen ist? Weil es in Berlin keine Arbeit gab, ging er mit 16 nach Essen und schuftete für ein Jahr auf der Zeche Zollverein. Gutes Geld für eine elende Plackerei. Dann verschaffte ihm sein Vater eine Bäckerlehre. Drei Jahre um drei Uhr nachts aufstehen, Manne zog das durch. Doch er merkte schnell, dass er etwas brauchte, wo er organisieren, führen und seinen Kopf benutzen konnte. Am Ende war es auch die Abenteuerlust, die den jungen Mann aus dem Wedding zur Bereitschaftspolizei brachte.

Man liebte oder hasste Manne

Abenteuer hatte er davor schon auf seiner „geilen Mopedpfeife“ gefunden, einer Victoria, Höchstgeschwindigkeit 40 km/h. Damit fuhr er vor dem Kino Thalia rum. Er und andere Jugendliche: die Thalia-Bande, der Chef: natürlich er. Sie hörten Rock ’n’ Roll und plusterten sich für die Mädchen ein bisschen auf. Dann fuhr Manne mal auf seinem Moped eine Runde durch Deutschland, von Verwandten zu Verwandten, 2500 Kilometer. Die Lkw machten sich einen Spaß daraus, exakt 38 km/h zu fahren und sich von Manne, der flach auf seinem Moped lag, mit 40 überholen zu lassen.

Man liebte Manne, oder man hasste ihn, eins war aber sicher, da, wo er war, war was los. Denn Manne war der, der immer alles organisierte. Sommer 1954, Ferienlager auf der Insel Föhr. Alle wollten das Endspiel sehen, Deutschland gegen Ungarn. Doch kein Fernseher weit und breit. Manne trieb einen auf, wie, das blieb sein Geheimnis, und die Jungs, die Schwestern und Pfleger hockten im Schlafsaal und sahen, wie Deutschland gewann. 1960, während seiner Polizistenausbildung, waren sie zusammen mit amerikanischen Soldaten auf einer Truppenübung im Grunewald. Es war spannend, anstrengend, warum aber Polizisten lernen sollten, eine Panzerfaust zu bedienen, blieb unklar. Weil das Soldatenessen nichts taugte, rief Manne beim Verpflegungs-Spieß an, meldete sich mit dem Namen des Zugführers und bestellte 200 Liter echte Berliner Erbsensuppe mit Bockwürsten. Am nächsten Tag ratterte die Feldküche „Elsi“ der Berliner Bereitschaftspolizei mitten bei einer Übung durch die Hauptkampflinie.

Der BFC Preußen war seine Heimat

Am allermeisten aber organisierte Manne bei den Handballern des BFC Preußen. Bei denen hat er sein Leben jenseits des Polizeidienstes verbracht. Auf seiner Trauerfeier kam ein älterer Mann nach vorne und erzählte unter Tränen, dass er in seinem ganzen Leben nur zwei Telefonnummern auswendig konnte, die von seiner Mutter und die von seinem Trainer, Manne. Die Preußen, das war seine Heimat, seine große Familie. In der Handballhalle hat er seine Frau kennengelernt, hier verbrachten seine Söhne ihre Kindheit und Jugend.

1952 hat es angefangen. Die Preußen suchten große, kräftige Männer. Spielen können mussten sie nicht, das würde man ihnen schon beibringen. Fußball war Manne zu proletarisch. Rennradfahren verhieß zu wenig Spaß. Also Handball. Und er war richtig gut, einer der besten Werfer, ein ordentlicher Mittelfeldspieler. Bis hinauf in die A-Jugend der Oberliga hat er es geschafft, 2000 Spiele, 4000 Tore. Dann wurde er Jugendtrainer, Jugendleiter, Vorstandsvorsitzender, Vizepräsident und immer wieder Interimspräsident. Er baute Mannschaften auf, brachte sie von unten nach oben, half vielen Spielern bei ihrer Karriere, holte Sponsoren ran.

Noch eine Geschichte

Auf seiner Polizeiwache hatte er zwei Schreibtische, einen für die Polizeiakten, den anderen für seine Handballsachen. Wenn er als Kontaktbereichsbeamter in Geschäfte kam, begann er wie nebenbei von seinen Preußen zu erzählen, wie toll sie sind, was sie für die Jugend tun. Auf diese Weise gewann er lauter Sponsoren, die weder die Preußen kannten noch was von Handball verstanden.

Manne, der Boss, so sprach er von sich selbst. Er rollte sogar noch kurz vor seinem Tod mit dem Rollstuhl in die Turnhalle, um sich alle Spiele anzusehen und dann nachts über sie in seinem wöchentlichen Newsletter zu berichten.

Zum Schluss vielleicht noch eine Geschichte? Als es mal richtig heiß war, Augusthitze, Hundstage, stand Manne auf der Kreuzung in der Schloßstraße und regelte den Verkehr. Der Asphalt brutzelte, Manne brutzelte. Ein Passant hatte Mitleid und reichte ihm eine Schüssel mit Wasser hinauf auf sein Podest. Manne zog seine Schuhe aus und stellte sich rein. Ein Fotograf hielt an, machte ein Foto, und schon war Manne in der Zeitung.

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